Privatfernsehen – bald mausetot

Von , am Freitag, 10. November 2017

In den 80er Jahren verfolgte die CDU-Bundesregierung Kohl die Absicht, konservative Herrschaft in Deutschland durch die Einführung privaten Fernsehens abzusichern. Die öffentlich-rechtlichen Sender erschienen ihr rot (das war den Sozialdemokraten zugeordnet) unterwandert, vor allem NDR und WDR, die mit der Tagesschau in Hamburg und dem Hauptstadtstudio in Bonn die politische Berichterstattung dominierten. Mit seinem Grossspender Leo Kirch zog Kohl an einem Strang. Strippenziehen war sein grösstes Talent.

Nachdem anfangs die überwiegend konservativen Zeitungsverlegerfamilien das Angebot annahmen, sich an privaten TV-Sendern zu beteiligen, merkten manche schnell, andere langsam, das sie das nicht können und liessen sich wieder rauskaufen. Übrig blieben im Geschäft die Konzerne Kirch und Bertelsmann, Senderflaggschiffe Sat1 und RTL.

Bertelsmann wurde fälschlich der SPD zugeordnet, nur weil es im SPD-regierten NRW seinen Konzernsitz hatte und dort selbstverständlich gepflegte diplomatische Beziehungen unterhielt, auch zur zeitweiligen Regierungspartei Grüne. Bei einzelnen Begegnungen in Gütersloh und Köln war ich dabei. Leitendes Interesse war aber keine bestimmte Politik, sondern Geldverdienen. RTL-Pionier Helmut Thoma klagte oftmals öffentlich über „auf jedem Baum sitzende Controller“, die ihn bei der Arbeit behinderten. Die Hauptaktionärin Liz Mohn legte immer Wert auf ihre Freundschaft zu Angela Merkel.

Als Thoma noch RTL lenkte, glänzte der Sender zwar nicht mit Programmqualität, aber mit Einschaltquoten. In den 90er und Nuller-Jahren war er Marktführer. Sat1 folgte immerhin noch mit zweistelligen Marktanteilen, mit dem Beischiff Pro7, das sich für das jüngere Publikum interessierte, und immer wieder TV-Premieren von Kino-Blockbustern realisierte. Beide Privatsenderketten scannten immer wieder US-Neuentwicklungen und Serien und grasten alles ab, was ihnen publikumsattraktiv und rentabel erschien. Die heutige RTL-Chefin Schäferkordt machte ihre Vox-Regentschaft zum Karrieresprungbrett, weil zu ihrer Zeit dort in der Programmnische die innovativsten und anspruchsvollsten US-Serien liefen, die für einen Zugewinn an intellektuellem, jungen Publikum sorgten (z.B. „Ally McBeal„, leider auch ein Role-Model für Anorektikerinnen).

Alte Geschichten aus der TV-Geschichte. Heute ist die Lage deprimierend, vor allem für die jungen Leute, die noch bei diesen Sendern irgendwas mit Medien arbeiten müssen, denn es geht zuende. Der aktuelle Marktanteil von RTL im Jahr 2017 ist 9,3% mit sinkender Tendenz; bei Thoma war es das Doppelte. Sat 1 steht bei 6,7%, war bei Kirch ebenfalls das Doppelte; Beischiff Pro7 bei 4,5%, war ebenfalls das Doppelte. Lange Zeit haben sich die Privatsender an der fiktiven „Währung“ der 14-49-jährigen als „werberelevanter Zielgruppe“ getröstet. Das mag das historische Verdienst des deutschen Privatfernsehens zu sein: dieser Zielgruppe das TV-Gucken ganz abgewöhnt zu haben.

Kirch legte noch vor seinem Tod 2011 und nach dem Machtverlust Helmut Kohls 1998, im Jahr 2002 eine spektakuläre Konzernpleite hin. Seine Fehlinvestitionen ins Bezahlfernsehen, aus dem sich Bertelsmann noch rechtzeitig zurückgezogen hatte, brachen ihm das Genick, einhergehend mit seiner Kreditabhängigkeit von Kapitalgebern, die ihn fallen liessen. Die Konkursmasse Bezahlfernsehen übernahm dann sein Alter Ego Rupert Murdoch. Die werbefinanzierten TV-Sender wechselten im 2-Jahres-Takt die Besitzer, werden jetzt an der Börse gehandelt, und legten gerade gestern nach neuen Unternehmenszahlen einen veritablen Kursrutsch hin. Während RTL – noch – Geld für Bertelsmann verdient.

Möglicherweise durch die spektakuläre Kirchpleite traumatisiert, verfolgten alle deutschen Privat-TV-Sender nicht nur eine – kapitalistisch verständliche – radikale Renditeorientierung, sondern eine sich immer weitere radikalisierende Kostensenkungsstrategie. Erstes Opfer waren alle, die noch für strategisches Denken und Entwicklung neuer Ideen bezahlt wurden. Geiz war und ist geil. So ist das Programm dann auch bald geworden. Und das Publikum hats spät genug gemerkt.
Und jetzt, wo fast alles verloren ist, wollen sie auch noch Geld dafür nehmen, 5 Euro im Monat bei DVB-T2-Empfang, dass wir ihre Werbepausen gucken.

Und was ist mit der Digitalisierung? Haben sie die wenigstens bemerkt? Pro7Sat1 hat einen eigenen Streamingdienst Maxdome. Ein gemeinsames Angebot beider Konzerne unterband das Bundeskartellamt. Auch Versuche gemeinsam mit öffentlich-rechtlichen Sendern wurden unterbunden. So erobern jetzt Netflix und Amazon den Markt, Apple ist auch schon zu spät dran. Denn die Konsument*innen haben natürlich keine Lust eine unüberschaubare Zahl von Abonnements abschliessen zu müssen. Auf dem Fussballmarkt (Sky, Dazn, Eurosport) wird gerade versucht, ihnen das anzudrehen, eine abnehmende Zahl Kneipenwirte macht das noch mit; private Wohnzimmer werden so nicht erobert.

Die Lösung wäre eine diskriminierungsfrei für jede*n Anbieter*in zugängliche Übertragungsplattform, auf der die Glotzer*innen alles finden können, worauf sie Lust haben. Nicht Konzernmacht sondern das Angebot wäre entscheidend, jedes gleich gut zugänglich. Unabhängige Kleinproduzent*inn*en hätten die gleiche Chance. Das müsste wohl mediengesetzlich geregelt und vermutlich öffentlich-rechtlich sein, eine faire Entgeltregelung integriert werden. Als die Telekom noch Staatseigentum war, hätte sie es sein können. Nur dort könnte sich freie Markwirtschaft verwirklichen. Ob wir das noch erleben werden? Wahrscheinlich nicht, denn auf Mediengesetze müssen sich in Deutschland 16 Ministerpräsident*inn*en einigen. Unsere Privatsender erleben es ganz sicher nicht. Denen fällt schon so lange kein Programm mehr ein, die sind dann wirklich tot.

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