Mein Lob auf Telepolis

Von , am Samstag, 30. Dezember 2017

Medienproduzent*inn*en lieben die Pausen: Sommerpausen, Winterpausen, Weihnachtspausen, Karnevalspausen, Osterpausen; und zwischendurch werden sie, gerne auf unsere Kosten, wenn sie öffentlich-rechtlich bezahlt werden, Millionär*inn*e*n. Also nur die Chefinnen und Chefs, nicht ihre vielen prekär Beschäftigten.
Es gibt da ein Onlinemagazin, das arbeitet komplett verrückt im 24/7-Rhythmus, Tag und Nacht, und das ohne Ansehen von Sonn- und Feiertagen. Mit wenig Geld, wenig Personal und schlecht bezahlten Autor*inn*en. Es ist die Polit-Nische des Computerzeitschriftenverlages Heise: Telepolis. Reaktionell zusammengehalten wird es von einem, gemeinsame persönliche Bekannte bestätigten mir das ausdrücklich, komplett verrückten Chefredakteur namens Florian Rötzer. Der Mann beantwortet nicht wirklich wichtige E-Mail-Zuschriften auch an Feiertagen innerhalb von 2 Stündchen.
Seine Mitarbeiter*innen und Autor*inn*en sind, vorsichtig formuliert, sehr unterschiedlich, wie die Themen seines Magazins. Einzelne halte ich für durchgeknallt, andere lese ich regelmässig. Das ist wohl das Beste, was man zur redaktionellen Meinungsvielfalt eines Magazins sagen kann. In Zeiten propagandistisch überdrehter „Leit- und Qualitätsmedien“, also z.B. zur Ukraine, zu Saudi-Arabien, zum Griechenland-Bashing oder zu Katalonien, wird Telepolis zu meinem persönlichen Leitmedium.

Da jetzt viele in Urlaub und/oder familiär unterwegs sind, hier ein paar positve Empfehlungen für die Heimkommenden aus dieser Feiertagswoche:

Thomas Steinfeld (SZ, ehem. FAZ) „mag keine Bewegungen“, will also typisch Feuilleton politisch wirkungslos bleiben, hat aber trotzdem Bedenkenswertes zu Karl Marx zu sagen (im neuen Jahr droht das allgemein-geschwätzige Abfeiern seines 200. Geburtstages.

Birgit Gärtner tritt für eine offen-offensive Diskussion der massenhaften Frauenmorde ein, egal, von wem sie begangen wurden und werden: „Das unwerte Leben der Mia aus Kandel„.

Christopher Stark beschreibt, analysiert und kritisiert die Bertelsmann-GLS-Bank-Connection, ein für mich persönlich als GLS-Bank-Kunde extrem informativer weil alleinstehender Beitrag, ohne plattes Bashing, auch mit Respekt für lobenswerte Aktivitäten.

Chefredakteur Rötzer persönlich hat immer ein offenes Auge für ausländische Studien und Publikationen, hier zu „Steigende Mietpreise und geringes Einkommen verändern Städte und die Gesellschaft„.
Die „Washington Post beschwört die „russische Gefahr“ der „Kreml-Trolle“„, und Rötzer ordnet das absolut treffend und realistisch ein.

Extradienst-Gastautor Helmut Lorscheid berichtet über die Überschuldung kleiner Solo-Selbstständiger durch überhöhte Krankenkassenbeiträge, ein Thema ohne mächtige Lobby, zu dem folgerichtig politisch in Berlin nichts passiert, kein Thema.

In einem dreiteiligen Interview von Reinhard Jellen mit dem Marxisten Werner Seppmann geht es um den „faschistischen Charakter“ der „kalifornischen Ideologie“, etwas weniger ressentimentgeladen hätten sie auch formulieren können: „Die Risiken der aktuellen Technologieentwicklungen für gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse und die bürgerliche Demokratie“. 1. Teil, 2. Teil, 3. Teil.
Update 31.12.: eine reformistische Realoversion zum gleichen Thema Gans heute im DLF-Gespräch mit dem SZ-Redakteur Dirk von Gehlen.

Zwei Texte von Robert Kaltenbrunner (BBR Bonn), fleissiger Autor zu Fragen der Stadtplanung zur „Architektur der Gesellschaft“: „Über die Wechselwirkung von Lebensumständen und gebauter Umwelt„; „Teilhabe in und Aneignung der gebauten Umwelt„.

Sehr lesenswert und aufschlussreich: Jörg Räwel über „Soziale Medien und Empathie: Erbarmungsloses Gaffen„.

Wolfgang Pomrehns „subjektive Betrachtungen eines Berliner Fahrradfahrers“ zum „täglichen Kampf auf den Strassen„. Immer lesenswert auch seine „Energie- und Klima-Wochenschau„.

Ausserhalb von Telepolis noch folgende Hinweise:

Holger Gertz, der wirklich bundesweit beste Schreiber im Sold einer Tageszeitung, schreibt heute auf der Seite 3 der SZ über Karl Marx. Gertz steht nie online. So machen ihn seine Verleger publizistisch unschädlich, und versuchen uns – verzweifelt – zu verführen, ihr Blatt zu kaufen, wofür Gertz einer der wirklich wenigen Gründe wäre – diese Ausgabe gibts am Bahnhof noch bis Montag.

Robert Misik hat eine schöne mir aus der Seele sprechende Kolumne in der taz zum Thema politischer Optimismus in pessimistischen Zeiten; bei der taz auch (noch) nicht online, aber netterweise bei ihm selbst. Misik kommt für mich gleich nach Gertz.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.