Politik im Knast

Von , am Dienstag, 6. Februar 2018

von Rainer Bohnet

Verurteilt und weggeschlossen. Hinter hohen Mauern, Stacheldraht, mehrfach gesicherten, massiven Türen und Toren leben derzeit rund 300 männliche Gefangene in der Justizvollzugsanstalt Rheinbach. Die zu verbüßenden Haftstrafen umfassen Zeiträume von wenigen Monaten bis lebenslänglich.

Bereits zum dritten Mal war ich mit meiner Veranstaltungsreihe „Bonner Politik-Forum“ zu Gast im Knast und habe versucht, die Gefangenen mit der Welt außerhalb des Gefängnisses vertraut zu machen und ihnen politische Zusammenhänge näher zu bringen. Diesmal hatte ich den Kölner Streetworker Franco Clemens gewonnen, der in seiner unnachahmlichen Art die Gefangenen unterhielt. Mit klarer Sprache und ohne unnötigen Schnickschnack skizzierte Clemens seine Arbeit in den Kölner und Düsseldorfer Problemvierteln, in denen sich die gesellschaftspolitischen Probleme regelrecht hochschaukeln. Nicht wenige der dort lebenden Menschen landen ebenfalls im Knast, weil sie ziellos herumirren, sich benachteiligt fühlen, den Halt verlieren und kriminell werden. Franco Clemens versteht sich in diesen Vierteln als engagierter Anwalt der meist jungen Männer. Er berät sie, begleitet sie bei Behördengängen und er scheut sich nicht, gegenüber Politikern und Behördenvertretern eine klare Kante zu zeigen, wenn es um seine Klienten geht.

In der anschließenden Debatte, an der rund 30 Gefangene und 15 externe Gäste teilnahmen, ging es primär um Tipps und Szenarien nach der Entlassung. Denn Resozialisierung ist das Ziel jeder Haftstrafe und die meisten Gefangenen gehen trotzdem ohne substanzielle Vorbereitung zurück in die freie Welt, die sich rasend schnell verändert hat und ein Haifischbecken erster Güte ist, vor allem für labile Zeitgenossen. Mehrfach fiel in der Diskussion das Wort „Ziel“, das sich jeder Inhaftierte selbst geben soll. Menschen ohne Ziel, und das trifft ebenso auf rechtschaffene Zeitgenossen zu, verlieren die Orientierung und bieten den zwielichtigen Rattenfängern eine große Andockstelle. „Exakt diese Entwicklung muss verhindert werden“, machte Franco Clemens unmissverständlich deutlich.

Aber auch die Kölner Silvesternacht von 2016/2017, ein Ereignis mit bundesweiter Ausstrahlung, kam zur Sprache. Franco Clemens erläuterte, wie er im Dialog mit Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker und der Polizei diese Vorfälle analysierte und die jüngste Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof vor Ort kritisch begleitete.

Der Justizbeamte, der sich unscheinbar während der gesamten Veranstaltung im Hintergrund aufhielt, kam anschließend auf mich zu und sagte: „Alle Gefangenen haben äußerst aufmerksam und konzentriert zugehört. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass der Referent den Nerv der Inhaftierten getroffen hat.“

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