Bedingungslose Kapitulation des ARD-Journalismus

Von , am Donnerstag, 8. Februar 2018

In den Lesestatistiken dieses Blogs lassen sich die politischen Themen, die die Menschen bewegen, präzise ablesen. Monatsspitzen waren rund um die Wahltermine Mai 17/NRW-Landtagswahl, September 17/Bundestagswahl. Tagesrekord war der Montag nach dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen.

Die ARD dagegen hat viel Geld für Fussball investiert, und muss das Zeug versenden. Es handelt sich aktuell um ein DFB-Pokal-Viertelfinale, also eine Runde der letzten acht Mannschaften. Da muss die Neubildung einer Regierungskoalition ein halbes Jahr nach der Wahl halt mal zurückstehen. Die ARD-Hierarchen werden mit den Einschaltquoten wedeln, und „Siehste!“ rufen. Der Schaden, den sie ihrem eigenen Ansehen und dem ihrer zahlreichen gutbezahlten journalistischen Mitarbeiter*inne*n zufügen, ist dennoch um einiges gewichtiger.

Auch das ZDF hat viel Geld für Fussball verbrannt, und verliert nach dieser Saison dennoch den Einschaltquoten-Burner Champions League. Bei den Quoten liegt es auch in diesem Jahr bisher weit vor der ARD (13:10 %) und musste den Tagessieg gestern an die ARD geben, für das anspruchslose Gekicke von S04 und VW Wolfsburg.

ZDF arbeitet – ARD versenkt ihre journalistischen Flaggschiffe

Dafür hat sein Journalismus gewonnen. Das prägt über den Tag hinaus. In der Sondersendung nach den heute-Nachrichten hatte es die „ersten Offizierinnen“, Chefadjudantinnen ihrer Parteivorsitzenden, Kramp-Karrenbauer (CDU) und Dreyer (SPD) im Live-Interview. Der ARD-Brennpunkt war weniger als halb so lang und inhaltlich regelrecht hingerotzt, mit aufgezeichneten Schaltgesprächen mit der dritten Ost-Reihe der alten und neuen Regierungsparteien. Auf eigenproduzierte Filmbeiträge zu Inhalten wurde komplett verzichtet.
Das ARD-Flaggschiff Tagesthemen wurde in der Halbzeitpause versenkt, mit 8 Nettosendeminuten; auf andere Nachrichten als unseren deutschen Nabel wurde komplett verzichtet. Was für eine Blamage.
Auch nach dem Fussball wurde auf Politik in der ARD verzichtet, stattdessen im Anschluss die Labersendung „Sportschau-Club“ präsentiert, bei der die Moderatoren ihre Interviewpartner schon mal mit der Redewendung „Wir sind ja jetzt unter uns…“ ansprechen. Nichts gegen den hier als Pausenclown eingesetzten Arnd Zeigler – der muss seinerseits auf seine eigene sehenswerte Sendung am Sonntag im WDR-TV verzichten, weil … Karneval!

Slomka besiegt S04

Während S04 sich sein 1:0 zuende ermauerte, machten die ersten Journalist*inn*en des ZDF, Slomka im heute-journal und Schausten und Frey live im Interview mit der nächsten SPD-Vorsitzenden Nahles – ihre Arbeit. Da wurde die parallel versendete Phönix-Runde verzichtbar (Wiederholung 0 Uhr). Nach meinem, selbstverständlich unmaßgeblichen, Eindruck hat allein DLF-Hauptstadtstudiochef Stephan Detjen in Tag- und Nachtschicht mehr Journalismus auf die Waage gebracht, als 9 ARD-Chefredakteur*inn*e*n zusammen.

Für die ARD wird diese Blamage noch teuer

Für den Preis eines Quoten-Tagessieges hat sich die ARD selbst aufgegeben. Die Adenauer-Erfindung ZDF glänzt nicht nur mit höheren Einschaltquoten, sondern auch mit mehr Programminnovationen. Sein Beischiff ZDFneo liefert, während die ARD durch die Koordinationsaufwand zwischen 9 Länderanstalten mit 9 Hierarchien sich selbst ausbremst. Das alles ist mittel- und langfristig teurer, als der gekaufte Fussball.

Update Einschaltquoten: Das Fussballspiel blieb trotz allem nur der 2. Platz (gut 5 Mio.), hinter der Wiederholung eines Regionalkrimis beim ZDF (knapp 5 1/2 Mio.). Bei den 8-Min.-Tagesthemen gingen – statistisch – nur 800.000 aufs Klo, das heute-journal sahen über 3, das Nahles-Interview über 2 Mio. Alles nicht berauschend. Der „Tagessieg“ blieb der ARD dennoch versagt, weil das ZDF mit seinem Altersheimprogramm am Vormittag, Nachmittag und Vorabend unschlagbar ist. Fazit: das ZDF wusste seine Restrelevanz noch zu retten; bei der ARD war da nichts mehr.

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