Politik oder Entertainment

Von , am Donnerstag, 8. Februar 2018

Heute ist der höchste Beueler Feiertag, der alljährliche Höhepunkt des Frohsinns. Katharina Barley, geboren in Köln, müsste das wissen. Aber heute morgen um 7 war sie noch nicht richtig drauf. Jemand hätte sie, nach gründlichem Espresso-Konsum, in den Arm nehmen und zum nächsten Bierstand vor dem Beueler Rathaus mitnehmen müssen.

Stattdessen ein Interview im DLF, mit Dompteur Philipp May, den ich bisher als Sportredakteur in Erinnerung hatte. Wie sich herausstellen sollte: kein Zufall. Barley hätte gerne über Inhalte gesprochen, vor allem ihre. Sie leitet geschäftsführend das Familien- und Jugendministerium und hat ausserdem kommissarisch das ehemalige Nahles-Haus Arbeit und Soziales übernommen. Nicht wenig. Und genau in diesen Bereichen haben nicht nur die Ministerien der GroKo ordentlich gearbeitet, sondern die SPD auch die meisten Punkte im Ringen mit CDU und CSU gemacht. Ebenfalls kein Zufall. Weil Barley und Nahles – in ständiger Reibung mit testosterongesteuerten Rivalen in ihrer eigenen Partei – das Bohren dicker Bretter von der Pieke an gelernt und geübt haben.

„Kinderarmut“? – Kommt man schlecht von drauf

Barley, ganz leistungsorientierte Karrierefrau, wollte also gerne über Leistungen und Fakten sprechen, z.B. Kinderarmut, und was sie dagegen tun will. Och nö, ausgerechnet heute? Das haben wir doch so oft gemacht. Da kommt das Publikum heute schlecht von drauf. Herr May sitzt im feiersturmumtosten Köln am Kölner Raderthalgürtel, Frau Barley noch erschöpft und verpennt, im kalten, schlechtgelaunten Berlin. Da kann Kommunikation gar nicht erst aufkommen.

Herr May hätte lieber über die Performance, die schlechte Inszenierung gesprochen. Der Sigmar Gabriel war doch so toll. Hat uns Medien immer Futter gegeben. Erst Aufsteiger und Retter der SPD, und schneller als man gucken konnte, Versager und Totengräber – aber immer: unterhaltsamer Strippenzieher und testosterongesteuerter Intrigant. Was gibt es Besseres auf der Bühne? Jetzt ist er als Aussenminister „der beliebteste Politiker“ – beim Tippen habe ich klassisch freudianisch zuerst „beleibteste“ geschrieben, aber das ist ja ein paar Monate her – also „der beliebteste Politiker Deutschlands“, als Rolle eine klassische Erfindung des selbstreferentiellen Medienbetriebs.
Die Älteren erinnern sich an Willy Brandt, der heute allgemein als heiliggesprochen gilt. Ich war 1974 bereits medienkonsumierender Staatsbürger und erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, wie eilig es alle hatten ihn loszuwerden – nach nur 5 Jahren Amtszeit als Bundeskanzler und dem grössten SPD-Wahlsieg der deutschen Geschichte.

Medien versagen inhaltlich – Politik bei der Inszenierung

Alle Medienleute wissen, auch Ulrich Horn und Philipp May, das Gabriel zwar ein „grosses Talent“, aber für Freund und Feind, vor allem wenn es sich um Frauen handelt, nicht teamfähig ist. Und dass die von ihm verschlissenen Generalsekretärinnen Nahles, Fahimi und Barley darüber öffentlich nicht sprechen können. Eine prima Schwachstelle für jedes Live-Interview, mit Top-Entertainment-Faktor.

Das Barley-Interview sollte Einsatz im Politik- und Theaterunterricht finden. Ein klassischer Fall von beide haben Recht. Über die von Barley gewünschten Inhalte muss gesprochen werden. Medien, die darauf keinen Bock haben, sind schlimme Versager, und demolieren den demokratischen Diskurs kaum weniger als rechtsradikale Hetzer. Aber May hat ebenso Recht: es genügt nicht fleissig und brav den Kapitalismus zu reparieren. Es muss auch öffentlich wahrnehmbar gezeigt, inszeniert werden: es gibt Alternativen, eine andere Welt ist möglich (und nötig). Wer darauf verzichten will, verzichtet auf Politik. Ich weiss, dass Barley und Nahles, dem, bei einem guten Essen in Ruhe diskutiert, zustimmen würden. Das genügt nicht. Die Öffentlichkeit muss das bei ihnen fühlen können. Das fehlt.
Immerhin: Nahles arbeitet daran, s. ihre Parteitagsrede. Ein Anfang, nicht das Ende.

Männer ohne Bock auf Krankenpflege – auch am System nicht

Jetzt liegt die Politik der demokratischen Parteien endlich auch im ökonomisch neoliberalen Deutschland in Trümmern. Untrügliches Symptom für diesen Befund: jetzt sollen es die Frauen aufräumen und wiederaufbauen. Welcher Mann hätte dafür noch Lust und Zeit? Was machen eigentlich Schröder, Fischer, Merz, Rösler heute? Sind die etwa Krankenpfleger geworden?

PS: Wenn Sie heute sowieso keine Lust auf Frohsinn haben, können Sie sich auch über die Lage im Jemen informieren. Gut, dass unsere Journalisten dort jetzt endlich arbeiten. Und wir wüssten gerne, ob bei den Koalitionsverhandlungen darüber überhaupt geredet wurde. Und über „unsere“ Waffen, die dort an Menschen ausprobiert werden.
PPS zu Rösler: der Mann arbeitet seit kurzem für eine Stiftung, die Grossaktionärin beim Deutsche-Bank-Grossaktionär HNA ist. HNA klagte heute über eine antichinesische und antikommunistische Verschwörung, die Zweifel an seiner Liquidität sät. Halten wir also fest: Rösler weicht keinem Stress aus.

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