#metoo und Körperpolitik

Von , am Samstag, 10. Februar 2018

Die SZ hat heute ihr Interview mit der ehemaligen Schauspielerin Patricia Thielemann („Es gibt viele Wedels da draussen“) hinter der Paywall versteckt. Bedauerlich. Online offen steht immerhin die Recherche über die skandalöse Missbrauchswelle im österreichischen Alpinsportteam in den 60er und 70er Jahren, in der der damalige „Startrainer“ sowie die verstorbene Österreich-Ikone Toni Sailer führend und sturzbesoffen beteiligt waren – über viele goldmedaillenumschlungene Jahre.

Der Ablauf erscheint ähnlich, wie im Fall Wedel. Nach vielen traumabelasteten Jahrzehnten, mehr als einem halben Leben, wagt ein Opfer öffentlich zu sprechen. Und nachdem es eine gewagt hat, wagen es Weitere. Weinstein, der Publicity-Experte, wusste vorher von solcher Lawinengefahr und hatte ein ganzes System zur Lawinenvorbeugung installiert, das zum Glück zusammenbrach. Jetzt geht eine Lawine nach der anderen runter. Ein historisch grosser Moment für den Feminismus, sieht leider sehr hässlich aus. So viele hässliche Männer.

Dass in dem österreichischen System eine FPÖ heranwachsen konnte, in dem schon die Sozialdemokraten naziunterwandert waren, überrascht dann nicht mehr. Dass dieser Missbrauch ungefähr so grausam und kriminell ist, wie Dopingmissbrauch, dafür in der Sportwelt aber keine Sanktionen vorgesehen sind, und solche Straftaten verjähren können, zeigt, dass in diesem System zum Schutz der potenziellen und tatsächlichen Opfer noch Luft nach oben ist. Wer Russland wegen Dopingmissbrauch komplett von den Olympischen Spielen ausschliessen will, was schlägt der dann jetzt für Österreich vor? Was bleibt dann übrig von Olympia?
Lesen Sie es, es fällt schwer.

Bei #metoo gehts um die verbrecherische Verfügbarkeit des – meistens – weiblichen Körpers. Er wird jedoch auch in legalisierten gesellschaftlichen Räumen objektifiziert, ökonomisch ausgebeutet und erniedrigt. Werbelügen, wie sie fast täglich vor der Tagesschau gesendet werden, dass jemand mithilfe eines Medikaments eine „Strandfigur“ erlangen könne – warum sind die eigentlich nicht kriminell? Und Entertainmentformate, die Mädchen zurichten, wie es bei Jungs wohl nur die Bundeswehr und sadistische Leistungssporttrainer hinkriegen (an einem Gymnasium in Gladbeck hatte ich zeitweise so einen Nazi als Sportlehrer), an denen sich Kompanien von „Beratern“, Managern, Studio- und Aktienbesitzern bereichern? Was ist mit denen? Gegen GNTM gibts immerhin kreative Gegenwehr. Mehr davon. Macht die Mädchen-Missbraucher*innen zu der Sau, die sie sind.

Und als Nächstes sollten wir uns die Selbstoptimierungsideologie unseres Kapitalismus genauer vornehmen.

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