Thema: taz

Gaus – mehr Publikum als zu Lebzeiten?

Von , am Mittwoch, 10. Januar 2018

In der nachrichtenarmen Zeit der Jahreswende hatte die Rheinische Post entdeckt, worauf ich hier schon mehrmals hingewiesen habe: das Interview von Günter Gaus mit Hannah Arendt. Es hat auf Youtube die Millionengrenze überschritten. Zu Recht.
RP und taz heben jede Menge Äusserlichkeiten hervor: schwarz-weiss, es wird geraucht etc. Das eigentlich Spektakuläre ist aber das inhaltliche Niveau. Und dass sich hier nur zwei Personen unterhalten, von denen schnittarm eigentlich nur eine wirklich, das aber sehr intensiv, zu sehen ist – wir sehen auch ihren Körper sprechen! – zwei Personen, die keine Show abliefern wollen, sondern sich persönlich füreinander und ihre Ansichten interessieren. Wann haben wir das das letzte Mal in der Glotze erlebt?

Ich weiss ein Beispiel. Klaus Pokatzky (gestern in Fazit/DLF, mein Zimmervorgänger in meiner Beueler WG in den 70er Jahren) verdanke ich den Hinweis auf ein Interview der grössten deutschen Schauspielerin Corinna Harfouch zu #metoo in der NZZ. Weiterlesen

Nichts gelernt: deutsche Rüstung nach Nahost

Von , am Montag, 8. Januar 2018

Als Wahlbürger fragt man sich oft, in welchem Geschichtsunterricht unsere Berliner Politiker*innen wohl gesessen haben. Und ob sie sich wirklich nicht die Bohne für die Länder interessieren, mit denen sie in der deutschen Aussenpolitik zu tun haben.
Jürgen Gottschlich berichtet (+ Kommentar) in der taz über die Entspannungsbemühungen mit der Türkei. Es ist absolut korrekt und dringend erforderlich, dass miteinander geredet wird. Entscheidend ist aber: mit welchem Inhalt? Den gedanklichen Zusammenhang zwischen den Freilassungsbemühungen um deutsche Staatsbürger und die Lieferung von Rüstungsgütern hatte Aussenminister Gabriel – ungeschickt oder bewusst? – selbst hergestellt. Mit dem Versuch, das einzusammeln („keine Panzerfabrik“, „nur defensive Technologien“), hat er es kaum besser gemacht, sondern die Aufmerksamkeit darauf – dankenswerterweise – noch erhöht.
Vergleichbare Unfälle hatte Gabriel bereits in den Beziehungen zur Militärdiktatur in Ägypten produziert. Und auch hier verdichten sich die Hinweise, dass die Unfälle nicht nur rhetorischer, sondern substanzieller, militärstrategischer Natur sind.
Gehen wir also zum Fremdschämen in den Keller? Wir sehen wohl unausweichlich kommen, was mit der nächsten Bundesregierung kommt. Für die Ökonomie im Interesse deutscher Konzerne produzieren wir die Kriege und Flüchtlinge von morgen, mit deutscher Gründlichkeit.

Horn / Küppersbusch

Von , am Montag, 8. Januar 2018

Ulrich Horn kenne ich seit 1990, seit meiner Arbeit im Landtag NRW, persönlich. Er war NRW-Landeskorrespondent meiner Heimatzeitung, die vermutlich die deutsche Regionalzeitung mit der zwar stark sinkenden aber immer noch grössten Abonnements-Zahl ist. Ich nahm den Mann also wichtig und begegnete ihm mit Respekt, was unklugerweise nicht alle taten. Mit der Zeit entwickelte sich daraus über intensive Diskussion „gemeinsam interessierender Themen“ – so ähnlich hätte es Genscher formuliert – eine heutige Bloggerfreundschaft, trotz oftmals unterschiedlicher politischer Meinungen. Horns Journalismus-Kunst, die ich bewundere, und die er bei der WAZ erlernen und anwenden musste, ist: mehr zu wissen, als er schreiben kann; mit der kurzen zugespitzten Form in einfacher, verständlicher Sprache möglichst viel mitteilen.
Als verrenteter Journalist und Blogger muss er heute auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen. Und tut es auch nicht. Weiterlesen

Sex und Geschlechterkampf nach ’68

Von , am Donnerstag, 4. Januar 2018

Anlässlich des 50. Jubiläums behandeln mehrere aktuelle Veröffentlichungen ganz unterschiedlicher Art die „sexuelle Revolution“ von ’68. um die sich unzählige, meist aus ökonomischem Interesse – „Sex sells“ – begründete Legenden ranken. Von der heutigen Wirklichkeit werden sie gebrochen, mal sanft, mal rauh. Dabei lasse ich die aktuelle #metoo-Debatte an dieser Stelle mal aus, weil sie den Rahmen sprengen würde.

Im Deutschlandfunk Kultur lief gestern ein schön desillusionierendes Feature zum Thema.

In der taz vom letzten Wochenende erzählt ein türkischer Fahrlehrer von den heute 18-jährigen, die in erster Linie davon gestresst zu sein scheinen, selbst Entscheidungen treffen zu müssen. Ein gesellschaftsdiagnostisches Highlight in der sonst so oberflächlichen Publizistik.

Agnieszka Holland, eine feministische Filmregisseurin polnischer Herkunft, also aus einem Land, in dem sich Geschlechter-, Klassen- und Demokratiekampf aktuell zuspitzen, scheint ein hochpolitisches Werk dazu abgeliefert zu haben. Ich habs nicht selbst gesehen, aber ihre Klarsicht im Interview macht neugierig.

Und Barbara Schweizerhof bespricht einen Film, der die aktuellen Beziehungsprobleme der überlebenden ’68er aktuell schmerzhaft scharf illustriert.

Tatsachen statt Gefühle

Von , am Sonntag, 31. Dezember 2017

von Bettina Gaus
Eine Regierung, die Entscheidungen an Meinungsumfragen ausrichtet, handelt nicht demokratisch, sondern verantwortungslos.

Die Frage war in höflichem Ton gestellt, und sollte – wie Herr M., der Autor der Leserzuschrift, betonte – nicht ironisch verstanden werden: Ob mir bewusst sei, wie viele „Lichtjahre“ meine politische Meinung zur Migrationsfrage von der Mehrheitsmeinung der Bevölkerung entfernt sei? Doch, ja. Zumindest halte ich für möglich, dass dies so ist.
Ganz sicher bin ich nicht, denn Herr M. weist mich in diesem Zusammenhang auch darauf hin, dass die „Merkel’sche Willkommenskultur“ in Umfragen regelmäßig von mehr als der Hälfte der Befragten abgelehnt werde. Nun kann ich mir beim besten Willen nichts mehr unter einer „Willkommenskultur“ der Kanzlerin und anderer Mitglieder der geschäftsführenden Bundesregierung vorstellen.

Ob das Flüchtlingsabkommen mit der türkischen Regierung Erdoğan gemeint ist, die Aussetzung des Familiennachzugs für bestimmte Geflüchtete, Abschiebungen nach Afghanistan oder die Unterstützung für die Küstenwache des Bürgerkriegslandes Libyen, die uns Flüchtende mit rigiden Mitteln vom Hals hält? Weiterlesen

Mein Lob auf Telepolis

Von , am Samstag, 30. Dezember 2017

Medienproduzent*inn*en lieben die Pausen: Sommerpausen, Winterpausen, Weihnachtspausen, Karnevalspausen, Osterpausen; und zwischendurch werden sie, gerne auf unsere Kosten, wenn sie öffentlich-rechtlich bezahlt werden, Millionär*inn*e*n. Also nur die Chefinnen und Chefs, nicht ihre vielen prekär Beschäftigten.
Es gibt da ein Onlinemagazin, das arbeitet komplett verrückt im 24/7-Rhythmus, Tag und Nacht, und das ohne Ansehen von Sonn- und Feiertagen. Mit wenig Geld, wenig Personal und schlecht bezahlten Autor*inn*en. Es ist die Polit-Nische des Computerzeitschriftenverlages Heise: Telepolis. Reaktionell zusammengehalten wird es von einem, gemeinsame persönliche Bekannte bestätigten mir das ausdrücklich, komplett verrückten Chefredakteur namens Florian Rötzer. Der Mann beantwortet nicht wirklich wichtige E-Mail-Zuschriften auch an Feiertagen innerhalb von 2 Stündchen.
Seine Mitarbeiter*innen und Autor*inn*en sind, vorsichtig formuliert, sehr unterschiedlich, wie die Themen seines Magazins. Einzelne halte ich für durchgeknallt, andere lese ich regelmässig. Das ist wohl das Beste, was man zur redaktionellen Meinungsvielfalt eines Magazins sagen kann. In Zeiten propagandistisch überdrehter „Leit- und Qualitätsmedien“, also z.B. zur Ukraine, zu Saudi-Arabien, zum Griechenland-Bashing oder zu Katalonien, wird Telepolis zu meinem persönlichen Leitmedium.

Da jetzt viele in Urlaub und/oder familiär unterwegs sind, hier ein paar positve Empfehlungen für die Heimkommenden aus dieser Feiertagswoche: Weiterlesen

Unsere grösste Stadt – lassen wir sie absaufen?

Von , am Freitag, 29. Dezember 2017

Gemeint ist nicht die Randstadt Berlin, 70 km vor Polen. Sondern die 5,5 Mio. Einwohner*innen zählende Stadt mitten in NRW, Teil einer europäischen Metropolenregion, die von London, über Paris, Benelux und das Rheinland mit Köln und Düsseldorf reicht – bis zum Ruhrgebiet. Bereits in der Bundesligasaison 1969/70, abgeschlossen mit dem ersten Meistertitel von Borussia Mönchengladbach mit der Rekordpunktzahl von 51-17, wurde mir klar, dass mit dem Ruhrgebiet was nicht stimmt. Spiele im Schlamm des Stadions an der Hafenstraße in Essen, ebenso im Niederrheinstadion des damaligen Erstligisten RW Oberhausen; und noch viel mehr Spielausfälle mit einer zeitweise grotesk verzerrten Ligatabelle. Damals lehrte mich mein Grossvater mit seiner 100%-Staublunge: das Stadion von RW Essen liegt unter dem Meeresspiegel.

Meine Grosseltern und Eltern hatten Jahrzehnte zuvor auch noch echte Emscher-Hochwasser erlebt. Mir wurde schon schlecht, wen ich nur daran dachte, denn die Emscher war und ist bis heute eine offener, eingedeichter Abwasserkanal. Sie wird derzeit renaturiert von der Emschergenossenschaft, der wohl einzigen in öffentlichen Eigentum befindlichen Gesellschaft, die planungssicher und kosteneffizient bauen kann.

Und nun rechnet Andreas Wyputta uns in der taz kühl vor: hat alles keinen Zweck, Absaufen ist vorprogrammiert. Weiterlesen

UNO – von den USA erpresst

Von , am Freitag, 29. Dezember 2017

von Andreas Zumach
Trumps Kürzung des US-Beitrags zum UN-Budget erfüllt den Tatbestand der Nötigung. Ein Vorschlag aus dem Jahr 1945 sollte nun wiederaufgegriffen werden.

„Kein Mitglied der UNO soll mehr als maximal 10 Prozent ihres Haushalts finanzieren, damit die neue Weltorganisation nicht in zu starke Abhängigkeit von nur einem Land gerät.“ Dieser in weiser Voraussicht gemachte Vorschlag des schwedischen Botschafters bei der Gründungskonferenz der UNO im Juni 1945 stieß damals leider nicht auf Zustimmung. Er ist weiterhin richtig und seine Umsetzung heute dringender denn je. Das zeigt die erfolgreiche Politik der finanziellen und politischen Erpressung und Nötigung der UNO, mit der die US-Administration unter Donald Trump drastische Kürzungen des regulären UN-Haushalts und des Budgets für Friedensmissionen durchsetzte.

Natürlich hat Trump völlig recht mit der Forderung, die UNO solle mit den ihr zur Verfügung stehenden Finanzen so effizient wie möglich umgehen. Diese Forderung ist gegenüber der UNO genauso legitim wie gegenüber einer nationalen Regierung oder einer Stadtverwaltung.
Wobei die Erfüllung dieser Forderung vergleichsweise schwierig ist in einer internationalen Institution, in der 193 Mitgliedstaaten oft höchst gegensätzliche Interessen verfolgen. Weiterlesen

Dialektik der Despoten

Von , am Montag, 18. Dezember 2017

Charlotte Wiedemann, die sich in meinem Kopf die No.1 unter Deutschlands Journalistinnen mit Silke Burmester teilt, erklärt uns den saudischen Kronprinzen Salman, bzw. noch besser: seine Politik in der taz. Grad eben, also vor einer Woche, hatte sie mir noch aus Mali geschrieben.
Dorit Rabinyan beschreibt im FAZ-Feuilleton, wie sich die israelische Linke von den Rechten lange in die Irre führen liess, Ähnlichkeiten mit uns sind sicher nicht zufällig, und dass das vielleicht und hoffentlich jetzt endet.
Georg Spoo formuliert in den Blättern, dialektisch geschult, die entscheidenden strategischen Fragen für die Linke in Deutschland. Auf die meisten hat er auch noch keine Antwort, kommt aber intellektuell weiter, als die meisten, die ich bisher beobachtet habe. Stefan Reinecke/taz begleitet derweil die SPD weiter.
Thomas Pany berichtet auf Telepolis, wie sich in Libyen die verschiedenen kriminellen Milizenfraktionen gruppieren. Ihr leitendes Interesse: bei uns, der EU abkassieren, um Schwarzafrikaner*innen einzufangen, einzusperren und weiterzuverkaufen.

Syrien-Verhandlungen: Sie reden nicht miteinander

Von , am Samstag, 16. Dezember 2017

von Andreas Zumach

Auch die achte Runde der Genfer Syrienverhandlungen ist am Donnerstagabend ergebnislos zu Ende gegangen. UNO-Vermittler Staffan de Mistura machte auf einer Pressekonferenz die Delegation der Regierung von Syriens Präsident Bashar al-Assad für das Scheitern verantwortlich.
Wie auch in allen vorangegangen sieben Verhandlungsrunden seit Januar 2016 habe sich die Regierung geweigert, über die vom UNO-Sicherheitsrat vorgegebenen Themen „Übergangsregierung, neue Verfassung und Neuwahlen“ zu sprechen. Stattdessen habe sie „nur Interesse an dem Thema „Bekämpfung des Terrorismus“ in Syrien gezeigt und sei „nicht bereit gewesen, über irgendein anderes Thema zu sprechen“, betonte de Mistura.
Dagegen sei die syrische Opposition „bei allen Themen sehr engagiert gewesen“. Der UNO-Vermittler zeigte sich zudem „sehr enttäuscht“, dass die Regierungsdelegation auch weiterhin „jeden direkten Kontakt mit der Oppositionsdelegation verweigert“ habe. Die Regierungsdelegation sei „überhaupt nicht willig, irgendjemanden zu treffen, der eine andere Meinung hat“, erklärte der UNO-Vermittler. Daher habe es erneut „nur getrennte bilaterale Gespräche“ zwischen ihm und den beiden Delegationen gegeben.
Der Leiter der Regierungsdelegation, Syriens UNO-Botschafter Baschar Al-Dschaafari, machte hingegen die Oppositionsdelegation für das Scheitern verantwortlich, Weiterlesen

Überraschung: „Verfassungsschutz“ nicht reformierbar – Linke nicht links

Von , am Donnerstag, 14. Dezember 2017

Die vermutlich schlimmste Jauchegrube – diese Metapher stimmt sowohl olfaktorisch als auch in der Farbgebung – unter den Landesämtern für Verfassungsschutz war (und ist?) wahrlich das Landesamt in Thüringen, dem Heimatland der bisher bekannten NSU-Terrorist*inn*en. Ausgerechnet dort wurde eine Rot-Rot-Grüne Landesregierung ins Amt gewählt. Sie betraute Stephan Kramer, zuvor Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, mit der Aufgabe, den Dienst und insbesondere sein V-Leute-Wesen grundlegend umzubauen. Der bisherige Eindruck laut Matthias Jauch im Freitag: der gute Wille ist da, aber gelungen ist es nicht.

Vor vielen Monaten fragte mich ein befreundeter und grundseriöser fortschrittlicher Journalist um Rat. Er habe eine Einladung zu einem Auftritt bei Ken Jebsen und überlege noch, ob er hingehen solle. Weiterlesen

Syrien – Russland will ein bisschen abziehen

Von , am Dienstag, 12. Dezember 2017

von Andreas Zumach
Der Kreml-Chef beginnt mit dem Abzug von Flugzeugen und Helikoptern. Im September 2015 hatte er Truppen zu Assads Unterstützung entsandt.

Jetzt ist es offiziell: Russlands Präsident Wladimir Putin hat am Montagmorgen einen Teilabzug der russischen Streitkräfte aus Syrien angekündigt. Entsprechende Äußerungen kamen seit Ende November bereits von Generalstabschef Waleri Gerassimow und dem Sekretär des Russischen Nationalen Sicherheitsrates, Nikolai Patrutschew.
Putin hat die Abzugsorder nun bei einem Zwischenstopp auf der russischen Luftwaffenbasis Hamaimim in der Provinz Latakia im Nordwesten Syriens erteilt, wie die beiden russischen Nachrichtenagenturen TASS und Interfax melden. Auf der Luftwaffenbasis sei Putin auch mit dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad zusammengetroffen. Weiterlesen

Müll – ein globales Problem

Von , am Dienstag, 12. Dezember 2017

von Rainer Bohnet

„Deutscher Müll muss deutsch bleiben“ titelt die TAZ am 28.11.2017. Es geht um den Export von Müll von Deutschland in die Volksrepublik China. Es klingt unglaublich und skurril. Wir importieren alles mögliche aus China zulasten der deutschen Industrie, soweit diese noch in heimischen Gefilden produziert. Im Gegenzug exportieren wir Müll aus Granulaten, Metallschrott, Altpapier und Kunststoffabfälle in das Reich der Mitte. China ist der weltgrößte Müll-Importeur und verdient sich daran dumm und dämlich. Denn dort werden Rohstoffe aus dem Müll gewonnen, die wir unter Umständen wieder in Exportartikeln aus China finden werden.

Logistisch gibt es aus chinesischer Perspektive ebenfalls eine Win-Win-Situation. Die Ozeanriesen aus Shanghai, die Klamotten und elektronische Artikel nach Deutschland schippern, fahren nicht mehr leer zurück. China hat aber auch ein internes Müllproblem. Weiterlesen

Le Monde diplomatique (dt.)

Von , am Samstag, 9. Dezember 2017

Gestern erschien das beste Zeitungsformat deutscher Sprache, immer am 2. Freitag im Monat. Ich habe zum Glück dran gedacht, denn gestern kostete sie als Beilage zur taz 2,50 €; ab heute das Dreifache: die deutsche Ausgabe von Le Monde diplomatique.
Leider sind nur wenige Teile online. Im Einzelnen:
Inhaltsverzeichnis
Kalkül und Katastrophe im Jemen – Die Intervention der saudisch geführten Koalition entwickelt sich zu einem Desaster. Riad hat durch seine Blockade des Nachbarlands eine humanitäre Krise heraufbeschworen. Trotzdem hält der Westen weiter zur Koalition – und leistet direkte militärische Unterstützung. von Laurent Bonnefoy;
Polens Prioritäten – Wie die regierende PiS von den Fehlern ihrer Vorgänger profitiert von Irene Hahn-Fuhr, Gert Röhrborn;
Fleisch aus der Retorte – von Jörn Kabisch
Das Bemerkenswerte dieser Zeitung: die Texte sind auch Monate später noch informativ und machen Sie klüger als zuvor. Die deutsche Kooperationspartnerin taz profitiert von dem größeren und weiteren globalen Blickwinkel der französischen Partnerin. Die Artikel sind lang, aber gefüllt mit Inhalt, nicht Geschwafel. Wenn Sie mehrere Monatsausgaben mit in den Urlaub nehmen, haben Sie nicht nur ausreichend Stoff, der nur wenig zum Gesamtgewicht Ihres Reisegepäcks beiträgt, sondern kommen auch als informierter Mensch nachhause.

Fliegende Männer

Von , am Donnerstag, 7. Dezember 2017

Männer wollen jetzt – freiwillig! – Opfer sein. So weit ist es mit der feministischen Revolution schon gekommen. Seit Harvey Weinstein melden die Medien täglich einen prominenten Mann, der fliegt. Aus seinem Job, in der Regel einem privilegierten, hochbezahlten.
Ja, die Übergriffigen waren und sind überall. Neu ist, dass immer mehr von ihnen fliegen. Verdächtig ist eher, wenn es in relevanten Bereichen des Lebens angeblich keinen geben soll.
Der männliche Opferdiskurs geht so: ich weiss gar nicht, was jetzt noch erlaubt ist. Es gibt eine einfache Lösung: frag‘ (D)eine Frau. Oft sind die ja doch sehr hilfsbereit.
Eine gute Ratgeberin, das nur als Tipp für meine Mitmänner, ist Margarete Stokowski, Kolumnistin einst bei der taz, in der Honorartabelle seit langem und verdientermassen zu Spiegel-online aufgestiegen. Immer hilfsbereit-ratgebend und sachlich. Ich mag ja mehr das Untermischen gut dosierter Giftspritzen, wie es Silke Burmester meisterinnenhaft beherrscht, z.B. In diesem kleinen Kunstwerk in der SZ. Aber Stokowski ist inhaltlich und politisch genauso geradeaus und für Spiegel-Leser vielleicht besser verträglich.
Härter ran ging letzte Woche in der Jungle World Paula Irmschler.
Es bewegt sich was. AfD-Männern macht sowas Angst. Das macht mir Spass. Der Sadist in mir ;-)

Lob (von Teilen) der taz: SPD, WM

Von , am Samstag, 2. Dezember 2017

Als die taz Ende der 70er gegründet wurde, unterstützte ich als Abonnent und späterer Autor das vom „Berliner Extra-Dienst“ inspirierte Konkurrenzprodukt „Die Neue„. Die machte Jahre später pleite. Beider Gründer Charly Guggomos wurde nachgesagt, er habe mit der Stasi kooperiert. Für eine Stellungnahme war er nicht mehr zu erreichen, denn er war zum Zeitpunkt der Anschuldigungen schon tot. Ich selbst habe drei Jahre meines Berufslebens auf Kosten der DDR gearbeitet, und wurde dabei, wie ich später durch Akteneinsicht feststellte, aufmerksam durch die Stasi beobachtet. Überrascht davon war ich nicht.
Die taz wurde durch sowohl geschickte als auch glückliche Immobilienspekulationen am Leben erhalten. Wie jedes Medium hat sie viele Stärken und Schwächen. Zu den Schwächen Weiterlesen

Kinder an die Macht – McDonalds Fussballeskorte

Von , am Dienstag, 14. November 2017

von Dieter Bott

„EIN UNGLAUBLICHER TRAUM —–
nicht grösser als 1,48 m und schulsport-tauglich“
„DER GRÖSSTE fussball-FAN der welt“—-

1
HEUTE ABEND –dienstag 14.november- sehen wir
als schmückendes und beglückendes beiwerk
beim initations-ritus mit ernster miene die national-hymnen- und fussball-helden flankierend

vor dem freundschafts-spiel deutschland gegen frankreich
In der ARD um 20 uhr 45 —vor dem anpfiff— die von MC DONALDS gesponserte
FUSSBALL ESKORTE—-zweimal ELF KINDER von 6 -10 jahren
werden Im adidas-dress aufgestellt —

„DIE AUSSTATTUNG: bestehend aus adidas-R-trikot, hose, stutzen und schuhen
darf selbstverständlich als erinnerung an den grossen tag behalten werden“

„SEID DABEI —mit den national-spielern HAND in HAND ins STADION
einlaufen und die TOLLE STIMMUNG erleben.“

„diesen UNGLAUBLICHEN TRAUM könnt IHR euren KIDs jetzt erfüllen“ Weiterlesen

Unsere (Volks-)Parteien – wie suizidal sind sie? (Politisches Prekariat XI)

Von , am Sonntag, 12. November 2017

Fangen wir mit der derzeit unwichtigsten an: „Die Linke“. Mobilisiert sie gesellschaftlichen Druck oder wenigstens Opposition gegen die Jamaika-Verhandlungen? Frau Wagenknecht zeihte die Grünen bereits des „Umfallens“. Boah ey, das war ja mal eine Neuigkeit, die sie da rausgehauen hat. Stattdessen: ihr Bundesgeschäftsführer Höhn hat hingeschmissen. Es wurde umfangreich berichtet, der beste Kenner des dortigen Innenlebens scheint mir Stefan Reinecke von der taz zu sein. Den Neuen, Harald Wolf kenne ich noch von Anfang der 90er, als er beim linken Reformistenflügel der Grünen mitmachte, ein kluger Kerl mit trotzkistischer Jugendsünden-Vergangenheit. Möge er erfolgreicher als sein Vorgänger sein.
Das Motiv, das in dieser Geschichte wiederkehrt: aus grösster politischer Nähe (und nicht aus Gegnerschaft) entsteht im Alltag oftmals die grössere Feindschaft und Verbitterung, weil sie immer mit direkter persönlicher (Arbeits-)Markt- und Machtkonkurrenz verbunden ist. Mögen sich alle glücklich schätzen, bei denen es noch nicht so ist.
Beschleunigt und begünstigt werden solche sich zu Zerfallsprozessen auswachsende Verfeindungen zum einen durch die Grundströmung des praktisch weiterherrschenden Neoliberalismus: Selbstoptimierung, (virtuelle) Selbstrepräsentation, die Gesellschaft der Ich-AGs. Parteien, die diese Politik zu bekämpfen vorgeben, stehen bei der Umsetzung dieser Prinzipien in ihrer Alltagskultur – leider – hinter den Rechten, die es ja so und nicht anders wollen, in keiner Weise zurück. Sich für „linksradikal“ Haltende perfektionieren sie sogar. Dieser strategische Kontrollverlust von Organisationen und Individuen Weiterlesen

Bundesliga-Krise

Von , am Montag, 6. November 2017

Saison nach weniger als einem Drittel – sportlich – beendet, schon vor der kalten Jahreszeit, das allein ist schon problematisch für den Konzern Deutsche-Fussball-Liga (DFL).
Dietrich Schulze-Marmeling habe ich persönlich in den frühen 80ern kennengelernt. Da war er Vertreter der „Autonomen“ im Koordinierungsausschuss der Friedensbewegung. Später verzog er sich ein Jahr nach Nordirland. Heute ist er bekennender BVB-Fan und respektierter Geschichtsschreiber des Konzerns aus dem süddeutschen Raum. Er analysiert in der taz kurz und prägnant die fussballerischen Symptome, die es dahin gebracht haben. „Stärkste Liga der Welt“ muss irgendwo anders sein.
Rouven Ahl (Junge Welt) entdeckt derweil Fussball-Innovation in der Zweiten Liga, bei Holstein Kiel, trainiert vom einstigen „ewigen Talent“ Markus Anfang.

Lambsdorff-Trump / Arabien / Agroindustrie / Katalonien / Drohnenkrieg / Feminismus

Von , am Sonntag, 5. November 2017

Das Wochenende ist Palaverzeit. Die Mitglieder des politisch-medialen Komplexes in Berlin sind auf Heimaturlaub, machen Wahlkreisarbeit, oder treffen sich in Parteigremien und Kungelrunden, und geben Interviews. Der Springer-Verlag versucht mit seinen Sonntagsblättern die Agenda in seinem Sinn zu steuern, dass der Spiegel jetzt samstags erscheint – hat das schon jemand bemerkt?

Die für das Volk relevanteste Nachricht ist, dass die Bundesligasaison gestern Abend im Westfalenstadion – gefühlt – vorzeitig beendet wurde. Jetzt folgt wieder eine Länderspielpause, gegen England und Frankreich. Bei gutem Fussball könnte sie die Stimmung der Fans kurzzeitig aufhellen, die der Bundesligamanager dagegen weiter ansäuern. Denn Vereine und Nationalmannschaft ergänzen sich nicht mehr, sondern sind Konkurrentinnen um den Aufmerksamkeits- und Medienmarkt.

Es gab trotz allem eine Reihe politischer Vorgänge, die Aufmerksamkeit verdienen.
Während in Bonn, von der Berliner Republik weitgehend unbemerkt, die Weltklimakonferenz tagt, gibt der Bonner Abgeordnete Lambsdorff, der bei der Direktwahl im Wahlkreis klar scheiterte, ein Interview, mit dem er fast trumpartig den Klimaschutz einkassieren will. Weiterlesen