#DeleteFacebook – Warum soziale Netzwerke dezentralisiert werden müssen

Von , am Sonntag, 25. März 2018, in Medien, Politik.

Roland Appel ist ein Datenschutz-Dinosaurier. Und das ist ein echtes Kompliment! Ich habe ihn kennengelernt, als er in den frühen achtziger Jahren gegen die Volkszählung agitiert hat und seitdem immer in meiner Leseliste behalten. Dass er in seinem – überaus lesenswerten – Beitrag zum jüngsten Datenschutz Skandal bei Facebook (Cambridge Analytica) aber auf keine bessere Idee gekommen ist, als Alternative für ein nach kapitalistischen Prinzipien organisiertes (A)Soziales Netzwerk (Facebook) ein anderes, ebensolches (Xing) zu empfehlen, weil dort immerhin deutsche Datenschutzstandards eingehalten werden müssen, zeigt uns, dass auch Roland noch dazulernen kann.

Auch, der von mir durchaus geschätzte Ex-Pirat und jetzige Sozi, Christopher Lauer, hat den Cambridge Analytica Skandal und Mark Zuckerbergs Reaktionen darauf zum Thema eines Gastbeitrages im Tagesspiegel gemacht – um dort, tatsächlich sozialdemokratischer Tradition folgend, geradezu haarsträubend falsche Schlüsse zu ziehen.

Warum Facebook verstaatlicht werden muss

Der Datenskandal um Facebook macht deutlich, was bei dem Social-Media-Dienst falsch läuft. Es reicht aber nicht, die Symptome zu bekämpfen. (…)
Ein Gastbeitrag von Christopher Lauer – Tagesspiegel.de – 24.03.2018, 16:22 Uhr

Einen “bösen” Betreiber (Mark Zuckerberg) eines sozialen Netzwerkes nur durch einen anderen (potentiell) “bösen” Betreiber (Staat) zu ersetzen löst kein einziges Problem der zentralen Steuerung und der Missbrauchsgefahr der Userdaten. Hier denken Appel und Lauer einfach VIEL zu kurz! Und – wenn wir uns auf der Welt umsehen – dann gibt es das ja auch schon zB. in China (WeChat), oder Rußland (VK), wo der Betrieb einer umfassenden staatlichen Kontrolle und damit rigider Zensur unterliegt.

Mein Freund Alexander Kallenbach, Administrator einer deutschen Mastodon Instanz (https://mastodonten.de) hat Roland in einem Kommentar zu seinem Beitrag schon auf den Sachverhalt hingewiesen. Hier möchte ich gerne in wenigen Sätzen zu erklären versuchen, warum das entscheidende Prinzip “besserer” sozialer Netzwerke nicht in ihrer Verstaatlichung, sondern in ihrer Dezentralisierung liegen muss.

Das “erfolgreichste” Soziale Netzwerk ist die Email!

Es ist, mit an 100% reichender Wahrscheinlichkeit, davon auszugehen, dass Leserinnen & Leser dieses Blogs über mindestens eine, wenn nicht sogar mehrere Email Adressen verfügen. Diese dienen privaten, öffentlichen oder unternehmerischen Zwecken. Die Server auf welchen diese Email-Adressen gehostet werden können ebenso privat, dienstlich, kommerziell oder öffentlich-rechtlich betrieben werden. Der Funktionalität tut die Natur des Betreibers grundsätzlich keinen Abbruch – Datenschutz kann natürlich durchaus einen signifikanten Unterschied von Dienst zu Dienst darstellen. Auch andere Kriterien, wie zum Beispiel kommerzielle Werbung, oder das Auswerten von Inhalten des Emailverkehrs durch den Dienstbetreiber machen große Unterschiede. Und so sucht mensch sich den Betreiber, dem mensch zu einem bestimmten Zweck am meisten vertraut.

Die Email – von, egal welchem Konto verschickt – kommt – in der Regel – immer auch genau auf dem Konto an welches sie verschickt wurde.

Wie nun, wenn ein nach diesem Prinzip, der dezentralisierten Datenverarbeitung und einem von allen unterstützen Nachrichtenprotokoll, organisiertes “Netzwerk” entstünde, welches funktioniert wie Twitter oder Facebook, nur ohne Twitter oder Facebook?

Das gibt es längst – es ist das “Fediverse“…

Tausende Server sind in diesem Fediverse verknüpft (föderiert) und alle Nutzerinnen und Nutzer auf diesen Servern können sich miteinander vernetzen und so in einer tatsächlich den kommerziellen sozialen Netzwerken vergleichbaren Weise interagieren – sofern die Policy der Betreiber dieses vorsieht, denn es gibt auch dort “dunkle Ecken” und “geschlossene Instanzen” – die eben nicht von allen Serverbetreibern gleichermaßen unterstützt werden.

Ich persönlich vertraue für mein Konto diesbezüglich eben Alexander und seiner Mastodon-Instanz, auch und vor allem weil wir miteinander befreundet sind und er mir in der Regel informationstechnologisch immer mindestens zwei Generationen voraus ist – doch es gibt unzählige Alternativen um in diesem Netzwerk mitzumachen, mensch muss sich nur entscheiden wollen.

Made in Germany: Mastodon

Mastodon ist eine Entwicklung von Eugen Rochko, einem Softwareentwickler aus Jena. Es ist aber eben nicht “das Unternehmen” von Eugen, sondern eine Open-Source Software, welche nicht nur in ihrem Code offen liegt, sondern eben auch von jeder/m der/die mag verändert und eingesetzt werden kann.

Der Betrieb einer Instanz geht natürlich – wie bei der Email – auch einher mit der Möglichkeit zur Zensur von Beiträgen oder dem Blockieren von Konten. In einem dezentralen Netzwerk haben die Benutzer/innen aber eben die Auswahl, welchem Zugang in das Netz sie mehr vertrauen – sie ist ja nicht das “Zentrum” sondern nur ein Knoten im Netzwerk – und ein Umzug ist zwar eine Unbequemlichkeit, aber technisch möglich und von vielen Varianten unterstützt. Jede/r der schon mal mit einem Email Konto umgezogen ist, weiß wie “einfach” das ist. ;-)

Wenn nun also z.B. Stadtverwaltungen oder Redaktionen einen “Social-Media-Dienst” anbieten wollten, dann könnten sie das mit nahezu dem selben Aufwand und dem selben Konzept mit dem sie Email-Konten betreiben. Dazu bräuchte es nicht mal eine eigene Instanz – ein kommunaler Dienstleister könnte diese auch zentral verwalten. Öffentlich-rechtliche Medien könnten Betreiber von Netzwerk-Instanzen sein, Unternehmen oder Privatleute. Das Wichtige ist: Für den Schutz der User/innen Daten, sowie für die Inhalte der eigenen Plattform ist der/die Betreiber/in der Plattform verantwortlich. Und wenn ich es will, dann mach ich das eben selbst!

DAS Soziale Netzwerk der Zukunft muss DEZENTRAL sein!

Doch ob es tatsächlich eine hat, hängt natürlich davon ab, ob es Betreiber/innen und vor allem Teilnehmer/innen findet, für die dieses “Netzwerk” tatsächlich eine Alternative zu den kommerziellen zentralisierten Massenmanipulationsmaschinen darstellt.

Um ein solches Netzwerk erfolgreich zu machen, braucht es Akteure, welche nicht nur die Chancen und den Fortschritt begreifen, welche sich in der dezentralisierten Struktur materialisieren, sondern welche auch die Menschen motivieren, sich aus den Fängen der konzerngesteuerten Netze zu befreien und wieder selbst Verantwortung für die eigenen Daten zu übernehmen. Dazu können Medien und Politik einen ganz überragenden Beitrag leisten um die Trägheit der Massen zu überwinden.

Ich habe deshalb für den Beueler-Extradienst einen (nicht autorisierten) “Feed” eingerichtet, der das “Fediverse” mit den Inhalten des von WordPress angebotenen RSS-Feeds füttert. So können die Posts auf diesem Blog auch auf allen Servern im Netzwerk abonniert werden. Dazu nutze ich als “Eingang” in das Netzwerk die Dienste von https://bonn.social, betrieben von einer umtriebigen Bonner Digital Agentur. Ich kenne die Betreiber weder persönlich, noch besteht eine Geschäftsbeziehung des Herausgebers oder von Autor/innen des Blogs zu dieser Agentur. Ich nutze nur ihren (kostenlosen) technischen Service – so wie sie als Leser/in dieses Beitrags vielleicht den von Google oder GMX…

Jetzt könnten zum Beispiel auch Roland oder Christopher mal nachziehen. Oder Ulrich Kelber, mein Genosse, (noch) MdB aus Bonn und designierter Datenschutzbeauftragter der Bundesregierung… Ich bin gespannt, ob er die Konsequenz besitzt, bei Amtsantritt seine Konten bei Facebook zu löschen!?

Mastodon kennt keine Algorithmen, keine Werbung, keine zentrale Kontrollinstanz.

Es ist “frei”.

Wie die Menschen die es nutzen.

#deletefacebook

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