Satte Helden auf dem Rasen

Von , am Dienstag, 19. Juni 2018, in Fußball.

Ich darf hier eigentlich ja nicht über Fußball schreiben. Das ist ein Gentleman’s Agreement mit meinem Verleger und Herausgeber Martin Böttger. Zum einen, weil ich FC Köln-Fan bin, vor allem aber weil ich von den Reifenmischungen der Formel 1 huntertmal mehr verstehe, als von der Abseitsregel. Trotzdem traue ich mich und beschränke mich auf Körpersprache und Teamgeist. Das kenne ich ein bisschen, weil ich mal Volleyball gespielt habe – mit meinen mickrigen 1,72 m  natürlich nur in unteren Ligen. Aber ich erinnere mich, dass wir als 3. Mannschaft vom TSF Esslingen (Bezirksliga) einen Turniersieg gegen mehrere Mannschaften aus der 2. Bundesliga geschafft haben. Nichts als Turnierstimmung –  “Team Spirit”, der eine mittelmäßige Mannschaft beflügeln kann, wenn der Funke überspringt.

Das, was die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am Sonntag gebracht hat, war lausiger Individualismus – da sprang nix über. Ich werde die Zeitlupe des Tors gegen Deutschland nicht vergessen: Der mexikanische Spieler, der das Tor schoss, wurde zunächst von Özil einen Weg lang begleitet, dann blieb Özil nach einem Haken des Gegenspielers plötzlich stehen und sah tatenlos zu, wie der sich von ihm löste und zum 1:0 einschoss. Ich weiss nicht, warum er stehen blieb, vielleicht weil er satt war und erwartete, dass andere – die hinten – die Verantwortung übernehmen würden. Aber da hinten war keiner mehr. Diese Haltung und Körpersprache zog sich durch das ganze Spiel und durch die ganze Mannschaft. Nein, ich werde hier nicht den Schwachsinn von Özil und Gündogan mit Erdogan nochmal aufwärmen, auch wenn die zwei sich damit als Teamplayer selbst disqualifiziert haben – ich möchte nur die Körperhaltung und den Ausdruck der Spieler thematisieren.

Da ist Samy Khedira: Das Zögern und Zaudern in Person – ich kann es nur aus dem Bauch heraus sagen – seine Körperhaltung hätte Gegenspieler auch aus der Kreisliga ermuntert, den doch mal umzurennen.  Thomas Müller: Der Mann irrlichterte irgendwo zwischen rechten Flügel und halbrechts vorne herum, aber doch nicht vorne, vor allem nicht, wenn Plattenhardt oder Kimmich mal flankten. Manche behaupten, er würde Tore schießen – ich habe keinen Versuch von ihm gesehen, das ernsthaft zu tun. Joshuah Kimmich – der rechte Flügelverteidiger, der Druck bringen sollte – naja, er war viel vorne, aber in der entscheidenden Situation nicht hinten, überliess Boateng und Hummels die Drecksarbeit – zu selbstverliebter Youngster? Die gleiche Enttäuschung auf links Plattenhardt – dort, wo krankheitsbedingt Jonas Hektor weder seine stoische Ruhe, noch seine überraschenden, ideenreichen Flügelsprints bieten konnte, herrschte vorn wie hinten biedere Ideenlosigkeit.

Khedira, Reus, Gündogan, jeder versteckte sich hinter dem anderen. Ich war an die Spiele der Nationalmannschaft 1982, 1986, 1994 erinnert, wo der Ball und damit die Verantwortung vor dem Strafraum des Gegners hin- und hergeschoben wurde – keiner tat mal was Unerwartetes, keiner hatte eine Idee. Bloss nicht auffallen, bloß keine Eigenverantwortung übernehmen und dabei diese lässige, scheinbar lockere, leicht zurückgehaltene Körperhaltung, wie sie früher für Beckenbauer, Overath und Netzer so typisch war. Mit dem Unterschied, dass deren Flanken ankamen, dass aber die auch fighten konnten, wenn’s drauf ankam.

Ich  habe mir am Sonntagabend  – just for fun – diese Nummer 10 angeschaut, die Özil trägt. Ich hab da so alte Videos von WM 70, 74, 90 und Poldis Abchiedsspiel auf CD. Eine Rückennummer mit Tradition in der Nationalmannschaft. Overath, genialer Spielmacher und Passgeber, wie Özil ein bisschen wehleidig und harten Zweikämpfen abgeneigt und Günther Netzer, zu faul, um zu trainieren, aber im Zweifelsfall mit “Zauberflanken” viel seltener, aber dann noch besser als Overath. Beide mit einer echten Ausstrahlung der Überlegenheit, Körperbeherrschung, Dominanz bis zur Arroganz. Die zogen sogar in der 2. Halbzeit die Schienbeinschoner aus, weil sie technisch so gut waren, dass niemand an sie rankam. Mit denen versuchtest Du Dich gar nicht anzulegen – das drückte deren Körpersprache aus.

Und dann Lukas Podolski – wahrlich nicht der intellektuelle Überflieger, aber in seiner Präsentation seit 2006 lange stringent, massiv, nachdrücklich – man spürt auch ohne Spiel seinen Elan, einen Willen zum Sieg, der überspringen kann. Deshalb hat ihn Löw 2014 überhaupt noch nach Brasilien mitgenommen – nicht wegen der Leistung, der Clownereien und guten Stimmung, die er verbereitet, sondern weil die anderen im Training seine Körperspannung sehen und was davon lernen sollten. Bei Schweinsteiger sah man das genauso, deshalb waren die beiden kongeniale Brüder in Haltung, selbst wenn es ihnen in späten Jahren oftmals an Schnelligkeit mangelte. Ach ja, und Löw selber? Er saß zumeist auf der Bank und “nahm übel” – das konnte man sehen, mehr nicht.

Wo sind eigentlich die mit dem Mut, auch mal was gegen den Strich zu tun, nicht nur an den Lippen des Trainers zu hängen, sondern mal was Neues, Unberechenbares zu machen? Am Sonntag war alles, was die Deutschen machten, berechenbar. Und locker-lässig bis zur Überheblichkeit – “Weltmeister” sind wir doch schon gewesen. Antonio Rüdiger – warum hat er nicht gespielt? Lars Stindl, Leroy Sané – warum sind sie nicht dabei? Lieber ein hungriger Freiburger als geldsatte Bayern und Championsleague-Legionäre! Ich habe von Anfang an nicht verstanden, warum Löw nicht aus der Mannschaft aufgebaut hat, die im vergangenen Jahr den Confed-Cup gewonnen hat. Die hatten Biss, eine ganz andere Körpersprache und den “Spirit”, der ein Team ausmacht. Dieser Kader war dagegen ein Rückschritt. Aber “Jogis” Vertrag läuft ja jetzt schon bis 2022.

Ich habe keine große Hoffnung mehr, dass sich das am Samstag ändert. Auch wenn ich mich gerne überraschen lasse. Zum Glück fährt am Sonntag die Formel eins seit langem mal wieder in Frankreich. Le Castellet – ein Hochgeschwindigkeitskurs, da hängt viel an den Reifentemperaturen. Vettel liegt mit dem zuletzt überlegenen Ferrari nur einen Punkt vor Hamilton und Mercedes bringt ein neues Motoren-Update mit. Mal sehen, ob die gelben, oder die weißen Slicks länger halten. Spannender als deutscher Nationalfußball auf jeden Fall.

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