Ich widerspreche

Von , am Mittwoch, 5. September 2018, in Beuel & Umland, Politik.

Dieser Tage hörte ich, “meine” Parteivorsitzende habe dem deutschen Trump für Arme, Jens Spahn, in seinen Aussagen zum Organhandel, ääh, Organspenden zugestimmt. Ich habe daher vorsorglich der Geschäftsstelle meiner Partei, falls sie in Kürze “an die Macht” kommen sollte, mitgeteilt, dass ich widerspreche.
Unserem teilprivaten Gesundheitswesen, das auf der Grundlage kapitalistischer Gesetzmässigkeiten (Kostensenkung, Renditeoptimierung etc.) arbeitet, will ich meine Organe nicht anvertrauen. Sehr wohl schätze ich aber den ihm innewohnenden technischen Fortschritt. Meine Netzhaut in einem Auge wurde neu angeklebt, eine Linse durch eine Kunststofflinse ersetzt. Das war gewiss schweineteuer und machte meine Augenchirurgin vermögend. Ihre fette Klinik am Beueler Krankenhaus ist längst ein relevanter Beitrag zum Wirtschaftsstandort Beuel. Andernfalls wäre ich jetzt blind. Auch ein Schmerzen ausbrütendes Organ (Gallenblase) wurde bereits ausgebaut; der Chirurg in Beuel behauptete, er habe das schon “1.200 mal” gemacht. Über meine Zähne will ich hier lieber schweigen. Vor 100-150 Jahren wären die meisten von uns schon tot.
Ich habe also nichts gegen “Maschinen”, am wenigsten in der Medizin. Ich bin auch, das erkläre ich hier ebenfalls schriftlich und öffentlich, in jeder Hinsicht mit ihnen einverstanden, wenn sie mein Leben verlängern – egal was es kostet.
Denn was wir über die Schwerkranken und Sterbenden denken und vermuten, hat wenig mit unserem Wissen, aber viel mit unserem glaubenden Nichtwissen, mit unseren Projektionen und unserer eigenen psychischen Belastung zu tun. Das fängt ja schon mit den Demenzkranken an. Nicht die haben das Problem, sondern wir, die Mitmenschen, weil wir nicht wissen, wie wir mit ihnen als “Fremden” umgehen sollen. Gar nicht erst ausholen will ich hier zu unserem Verhältnis zu “Behinderten” und unserer Sicht von lebens(un-)wertem Leben. Das wäre ein zu weites Feld ….
Also: Schmerzbehandlung ja. Aber ansonsten will ich bis zum Schluss alles mitbekommen und Euch nichts von mir ersparen. Nicht Ihr urteilt, ob sich das lohnt, sondern ich!
Oliver Tolmein, in den 90ern hier in Bonn Hauptstadtkorrespondent der taz, arbeitet heute als Fachanwalt zu solchen Fragen. Hier kommentiert er im FAZ-Feuilleton; ich stimme ihm zu.
Die Medizinhistorikerin Anna Bergmann sieht in ihrem DLF-Interview von heute morgen in der Transplantationsmedizin ein „organzentriertes, mechanistisches Körpermodell“ und ein Streben nach dem „Unsterblichkeitsphantasma“ – da wäre ich unsicher, aber kontroverse Diskussion ist es wert.

4 Kommentare zu “Ich widerspreche

  1. Roland Appel

    Auch bei der Transplantations-Diskussion wird wieder mal verschleiert, was sicher eine wichtige Ursache des Rückgangs der Spendebereitschaft ist: Die Korruptionsskandale der Organstransplatation, bei der die Liste der Anwärter auf Organe ausgetrickst und zahlende Kunden bevorzugt wurden.Heute morgen wurden im Deutschlandfunk noch weitere, ernst zu nehmende Gründe erwähnt: Etwa die psychische Belastung von Ärzten, die Gehirntoten ihre Organe entnehmen und das irreversible Ableben des Spenders den Angehörigen erklären müssen. Eigentlich ein gutes Zeichen für Skrupel und Menschlichkeit. Anstatt diese Probleme nun mit Behutsamkeit anzugehen, fällt Herrn Spahn und auch den Sozialdemokraten nichts besseres ein, als ein den Kern der Menschenwürde direkt berührerndes Recht auf Selbstbestimmung über seinen Körper und seine Organe im Todesfall auszuhebeln und durch eine “Beweislastumkehr” oder “Widerspruchslösung” real anzugreifen. Wer so anstatt die Bürger und ihre Selbstbestimmungsrechte zu beschützen, gedankenlos in Grundfragen und -Rechte des Lebens eingreift und ein weiteres mal beweist, dass der Staat die Menschen nicht zuallererst beschützt, sondern bedroht, muss sich nicht wundern, dass seine Legitimation immer mehr in Frage gestellt wird. Die GroKo zeigt hier ein weiteres Mal, dass das Individuum für sie nichts gilt.

  2. Heiner Jüttner

    Sollte dies ein Beitrag gegen Organspenden sein, so bezeichne ich ihn als menschenverachtend. Ich hoffe, dass es der einzige ist außerhalb von konsevativen Christenkreisen und Lebensschützern. Ich bin Organspender, so lange ich mich erinnern kann.

  3. Roland Appel

    Achja und die Grüne Parteivorsitzende war ja Dein Anlass – hat wohl nicht lange genug darüber nachgedacht, sie übt ja noch, will ich hoffen.

  4. Martin Böttger Beitragsautor

    Cool down! Wir sind hier nicht auf einem Facebook-Schulhof.
    Ich habe hier nur für mich geschrieben. Nichts liegt mir ferner, als anderen in dieser Frage Vorschriften machen zu wollen. Meinungs- und Erfahrungsaustausch sollten wir in einer Demokratie auch hierzu aushalten.

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