Ein Spektakel war das nicht. Das Ergebnis sieht besser aus als das Spiel. Aber im realexistierenden leistungssportlichen Kommerzfussball macht Lucien Favre beim BVB (fast) alles richtig. Riskant aber sympathisch geblieben ist an ihm, dass er sich schlecht als Spielkamerad der Boulevardmedien eignet und knochentrocken das Mitspielen verweigert. DafĂŒr wirkt er auf seine Spieler, die eingesetzten, sichtbaren Spieler wie ein Zaubertrank.
Gestern war ich nach der ersten Halbzeit versucht, meine Fussballkneipe zu verlassen. Wegen des schlechten Wetters war der Innenraum ĂŒberfĂŒllt mit Knobel-, Schwatz- und Trinkgruppen, die sich nicht die Bohne fĂŒr Fussball interessierten. Die mir persönlich bekannten Beueler BVB-Fans fehlten vollstĂ€ndig. Erst zur zweiten Halbzeit, gegen 22 Uhr, lichtete es sich. Zum Vorschein kam ein halbes Dutzend Fussball-Afficionados. Und siehe da, das Spiel wurde unterhaltsam.
Klassisches Favre-Handwerk: eine stabile Defensive ist das Fundament fĂŒr alles Weitere. Der Tabellenachtzehnte Frankreichs, eine Geldwaschanlage russischer Oligarchen mit einem in der Regel höchstens viertelgefĂŒllten gĂ€hnendleeren Stadion, durfte sich mĂŒde spielen. Der nach gut 60 Minuten ausgewechselte defensive Mittelfeldspieler Delaney hat dafĂŒr allerdings eine Kilometerleistung bringen mĂŒssen, die Andere im kompletten Spiel nicht erreichen. Sein Arbeitskollege Witsel musste durchspielen. Wie wĂŒrde wohl ein Mario Götze nach so einem Pensum aussehen? Der bereits als Star befeierte 18-jĂ€hrige Jadon Sancho hatte nach 80 Minuten KrĂ€mpfe = Überbelastung, was garantiert das war, was der PĂ€dagoge Favre ihm vor Augen fĂŒhren wollte.
Der 29-jĂ€hrige Marco Reus erreicht unter Favre den Leistungszenit, den er schon einmal unter seiner Regentschaft hatte, als 22-jĂ€hriger in Mönchengladbach – deutlich gereift, FĂŒhrerscheininhaber und MannschaftskapitĂ€n. So lange Favre da ist, wird er kaum wegwollen.
In der Schlussphase waren dem französischen Abstiegskandidaten alle ZĂ€hne gezogen, die Toreernte konnte eingebracht werden. Diese berechnende Coolness ist es, die Hoffnungen macht, dass dieses Mal nicht wieder der Fussballkonzern aus dem sĂŒddeutschen Raum dran sein muss. Der betreibt erfreulich instabile Krisendiskussionen, seine FlĂŒgelstĂŒrmer gehen auf die 40 zu, sind zu 90 Minuten Höchstleistung so wenig in der Lage wie 18-jĂ€hrige. Da freuen wir Gladbach-Fans uns fast auf ein AuswĂ€rtsspiel bei einem Aufbaugegner.

Alternativen fĂŒr den deutsche Profifussball – es gibt sie

Es muss nicht alles immer so weitergehen, wie es schon ist. Eine Blase pumpt sich auf, die immer mehr Distanz schafft zwischen uns, und denen, die die Show erarbeiten und organisieren. Das geht nicht ewig lange gut. Manche wissen es schon lĂ€ngst, wenige sagen es auch. Der FC Union Berlin hat es jetzt aufgeschrieben, endlich, danke, das war aber auch Zeit! Nicht alles ist schon ausgereift, aber der Stein musste ins Wasser geworfen werden. Die Dickschiffe im SĂŒden und Westen werden sich gegen Einsichten wehren ….