Brasilien: Fake-News und Sexualität

Von , am Freitag, 21. Juni 2019, in Medien, Politik.

Interview von Gaby Küppers mit dem brasilianischen Sozialaktivisten und ehemaligen Abgeordneten Jean Wyllys

Jean Wyllys von der brasilianischen Linkspartei PSOL hat sein drittes Mandat als Abgeordneter in der Nationalversammlung nicht mehr angetreten. Ende 2018 warf er nach Todesdrohungen das Handtuch und ging nach Berlin ins Exil. Der bekennende Schwule mit schwarzen Wurzeln war befreundet mit der am 14. März 2018 ermordeten Marielle Franco, der schwarzen, feministischen, lesbischen Stadträtin aus Rio de Janeiro, und engagierte sich für die gleichen Themen. Er wolle kein toter Märtyrer werden, sagt der 45jährige und fügt zur Aufmunterung ein abgewandeltes Zitat an: „Ich bin kein Held, denn das ist ein sehr schlecht bezahlter Job“. In Berlin hat er eine Doktorarbeit zu Fake News begonnen. Diese spielten im Wahlkampf Bolsonaros eine große, vermutlich sogar entscheidende Rolle. Also gute Gründe, den sympathischen Sozialaktivisten, der sich mit Befreiungstheologen politisierte, bei seinem Besuch in Brüssel gründlich auszufragen.

Digitale Medien und Fake News tauchten in Brasilien nicht erst im letzten Präsidentschaftswahlkampf auf. Schon bei der Protestwelle der Jahre 2013/2014 spielte die elektronische Übermittlung von Informationen und Aufrufen von privat zu privat eine große, wenn nicht entscheidende Rolle. Vor fünf Jahren richtete sie sich zunächst gegen die Erhöhung der U-Bahnpreise in São Paulo und entwickelte sich immer mehr zum allgemeinen Protest gegen die Regierung Dilma Rousseff. War das der Anfang dieses Phänomens in Brasilien? Was hat sich seither verändert?

Man muss zunächst zwei Dinge scharf unterscheiden: die sozialen Netzwerke als Möglichkeit alternativer Informationsübermittlung und als Möglichkeit zur Wahlbeeinflussung über Falschmeldungen. Ich würde sagen, dass der Gebrauch sozialer Netzwerke zur Beeinflussung von Wahlprozessen mit der Wahl von Dilma Rousseff 2010 begann. Schon in jener Kampagne nutzte José Serra, der Gegenkandidat Dilma Rousseffs, Abtreibung als Thema, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Er attackierte Dilma als Abtreibungsbefürworterin. Dilma stritt das öffentlich ab, auf Anraten von Lula – obwohl sie persönlich für die Legalisierung der Abtreibung war. Lulas Einfluss war damals noch sehr groß und er sagte ihr, sie würde verlieren, wenn sie sich nicht gegen Abtreibung stellte. José Serra setzte für seine Attacken schon die sozialen Netzwerke ein, um digitale Meinungsmache zu betreiben, wenn auch keineswegs in dem Ausmaß, wie das später Bolsonaro machte.

Mit Menge an Geld vom Diskurs der Rechten gekidnappt

Der großen Unterschied 2018 war die Menge an Geld, die in diese Art des Wahlkampfs gesteckt wurde, sowie der Wahrheitsgehalt der Informationen selbst. Die Verbreitung von Falschinformationen hatte in Brasilien zuvor keine vergleichbaren Größenordnungen. Im Jahr 2013 waren die aufkommenden sozialen Netzwerke zu einem wichtigen Einsatz bei den Protesten gegen die Fahrpreiserhöhung gekommen. Dabei ging es wie gesagt nicht um die Verbreitung von Fake News, sondern von nicht veröffentlichter Information. Am Anfang gab es eine klare Trennlinie zwischen Fakt und Lüge. Deswegen ebbten die Proteste nach einer Zeit auch erst einmal ab. Nach einer ersten Protestphase, in der eher die Linke in São Paulo auf die Straße ging, kamen neue Themen hinzu, wie die Fußballweltmeisterschaft und die Bauarbeiten dazu in Rio de Janeiro. Dann wurden die Demos vom Diskurs der extremen Rechten gekidnappt und an diesem Punkt kommen die Fake News zum Tragen.

Orwell + Algorithmen

Eine erste Phase umfasst also die Demokratisierung der sozialen Medien, wo jede und jeder eine Kamera halten kann, um etwa von den großen Medien verschwiegene Polizeiübergriffe zu filmen und diese Videos weiterzuverbreiten. Wie wird dann aus diesem Versuch der Gegeninformation ein Instrument zur Verbreitung von Fake News?

Die Rechte verstand, was für ein machtvolles Instrument zur Fabrikation von Lügen und Verstärkung von Vorurteilen ihr da plötzlich in die Hände fiel. Man denkt spontan an George Orwell und seinen Roman „1984“. George Orwell gehörte immer zur Linken, wurde aber von der Linken (von bestimmten Teilen der Linken – die Red.) verachtet, weil er den Stalinismus kritisierte. Die Rechte griff George Orwell auf, bediente sich seiner Ideen und verwandelte sie mithilfe von Algorithmen in Realität. Algorithmen helfen, Profile von Menschen zu erstellen, aus denen abgeleitet werden kann, wofür sie empfänglich sind. Wenn einmal klar ist, was die Leute konsumieren und denken, kann man daraus ableiten, wie man sie beeinflussen kann. Für jedes Profil können Falschmeldungen erstellt werden. Das hat die Rechte verstanden und begann, dieses Wissen zu nutzen. Damit war 2013 ein Wendepunkt. Sehr deutlich sah man den Gebrauch von Fake News beim Wahlkampf in den USA und im Prozess rund um den Brexit. Und im Zuge der Verhandlungen und der Abstimmung zu den Friedensverträgen mit den FARC in Kolumbien.
Es gibt also auf der einen Seite ein Potential zur Demokratisierung des Mediums, weil alle Menschen jetzt eine Stimme haben, weil jede*r jetzt über sich selbst schreiben, weil Willkür angeprangert werden kann. Die sozialen Medien hatten eine wichtige Rolle bei der Mobilisierung gegen den Irakkrieg. Man darf nicht vergessen, wie wichtig sie waren für die Veröffentlichung der Übergriffe im Gefängnis von Abu Ghraib. Aber auch wenn die Netzwerke hier eine besondere Rolle spielten, kann man sie auch anders nutzen. Die Rechte hat verstanden, dass man die sozialen Netzwerke benutzen kann, indem man den Leuten andere spezifische Botschaften schickt.
Dabei geht die Fabrikation solcher Botschaften von vorab erstellten Profilen aus. Ein Beispiel: Du bist Französin, magst Hunde, du magst Wein und Literatur. Wer das weiß, kann auf dieser Basis spezifische Information erstellen. Diese Information kann etwa lauten: François Hollande misshandelt Hunde. Dazu nimmt man eine Information, die vielleicht mehr oder weniger wahr ist. Beispielsweise gibt es ein Foto, auf dem François Hollande neben einem Hund erscheint. Er muss ihn gar nicht misshandeln, er steht nur da. Man nimmt nun dieses Foto, schreibt darunter: „François Hollande malträtiert Hunde“ und schickt das an alle Leute aus der eigenen Gruppe, die Tiere mögen. Die sehen dieses Foto mit der Zeile „Hollande malträtiert Hunde“ und sind bewegt. Das Foto hat an ihre Emotionen appelliert. Sie nehmen das Foto, sind entsetzt wegen dieses Hundehassers und schicken es an alle ihre Freund*innen: „Guckt euch diesen Kerl an. Der misshandelt Hunde!“ Alle vertrauen dem/der Absender*in, das ist wichtig. Sie werden sich also nicht fragen, ob es sich um Wahrheit oder Lüge handelt. Und alle deine Freund*innen schicken an ihre Freund*innen wiederum dieselbe Lüge weiter mit den gleichen Gefühlen, die die/der erste Absender*in hatte. Bis entdeckt wird, dass es sich um eine Falschmeldung handelt, ist sie längst weit verbreitet und nicht mehr zu stoppen. Um zu verstehen, dass eine Falschmeldung geschickt wurde, muss man den Verstand benutzen, nicht den Emotionen die Oberhand lassen. Man müsste also rational überlegen: „Das stimmt nicht, François Hollande kann keiner sein, der Hunde misshandelt“. Man müsste das Bild genau überprüfen. Aber selbst wenn, es ist in jedem Fall zu spät, den Schaden wieder gut zu machen.

“Informationen” für bestimmmte Profile

Fake News setzen mithin „Informationen“ in die Welt, die auf bestimmte Profile zielen. Wichtig für dieses Profil sind etwa die Anzahl von Likes, die jemand vergibt, oder die Art der Nachrichten, die man bevorzugt aufruft, die Art von mit Kreditkarte bezahlten Einkäufen, welche Reisen man wie oft unternimmt, Orte, die man häufig besucht, Internetgruppen, in die man sich einklinkt, Texte, die man liest. Künstliche Intelligenz, die die sozialen Netzwerke kontrolliert und Algorithmen produziert, erschafft Profile, mit denen gearbeitet wird. Steve Bannon (rechtsextremer Medienstrategie; zunächst für Trump, jetzt für die europäische extreme Rechte, d. Red.) sagt unumwunden, dass er die künstliche Intelligenz in diesem Sinne einsetzt. Bei den Wahlen zum Europaparlament gibt es den Versuch zu verhindern, dass sie von einer Welle künstlich generierter Desinformationen überrollt werden. Initiativen wie die Petitionsplattform Avaaz bemühen sich darum, Zuckerberg und CEOs anderer Plattformen zu überzeugen, einen Cordon Sanitaire, einen Sicherheitsgürtel zu entwickeln, falsche Websites durchzugehen und Fake News aufzuspüren. Es liegt allerdings in der Natur solcher Fake News, dass man sie nicht zurückverfolgen kann. Man kann nicht feststellen, wo sie erstmals losgeschickt wurden. Im Fall Brasiliens habe ich allerdings eine Idee. Die Fake News wurden aus den USA losgeschickt, aus Portugal, Indien.

Von wem? Wer hat die Anweisungen gegeben?

Ich könnte nie sagen, dass Steve Bannon in der Kampagne Bolsonaros aktiv war, so wie er vorher bei der Trump-Kampagne mitgemischt hat. Es ist aber offensichtlich, dass die gleiche Art Leute am Werk waren. Die Kampagne stützte sich ganz klar auf die sozialen Netzwerke, basierte auf Fake News und Hassrede.
In meiner Doktorarbeit analysiere ich, wie Hassreden der Politiker*innen und Fake News miteinander korrespondieren. Das sind zwei verschiedene Dinge. Hassreden sind keine kompletten Lügen, sie werden von Politiker*innen und religiösen Führer*innen gehalten, beleidigen oder karikieren Minderheiten. Der Trick liegt darin, ein Paradies und eine Lüge zusammenzubringen. Für letzteres sorgen die Fake News. Um zum Beispiel schlecht von der LGBT-Gemeinde zu reden, braucht man eine Lüge, welche die Hassrede rechtfertigt, etwa: LGBT-Menschen frönen der Pädophilie. Mit dieser Lüge kann man dann die LGBT-Gemeinde angreifen.

Ich war Champion der Fake-News

Gibt es keine Fake News, die umgekehrt vorgehen, also nicht schlechtmachen, sondern hochloben, à la „Bolsonaro ist ein super Typ“?

Im Prinzip ist das Kerngeschäft der Fake News, schlecht zu machen. Aber sie verändern eben immer die Wahrheit. „Veja“, die meistgelesene Zeitschrift Brasiliens, ein suspektes Wochenmagazin mit rechten Positionen, das sicherlich keinerlei Interesse daran hat, mich zu verteidigen, hat ein Ranking veröffentlicht. Darauf tauchen drei Personen als Hauptziel von Fake News in Brasilien auf: Lula, der 60-70 Prozent negative Fake News hatte und 30 Prozent positive. Bolsonaro hatte 80-90 Prozent positive Fake News und lediglich 10 Prozent negative. Und ich selbst hatte 100 Prozent negative Fake News. Ich war also der Champion der Fake News. In meinem Fall gab es überhaupt keine positiven Fake News. Der Grund dafür ist meine Homosexualität. Die Tatsache, dass ich gay bin, führt dazu, dass die Leute Fake News über mich glauben, ja, Gefallen daran haben sie zu glauben, und sie verhindert, dass sich positive Fake News verbreiten.

Ist die brasilianische Gesellschaft demnach hochgradig homophob?

Ja, die Mehrheitsgesellschaft ist homophob. Sie praktiziert eine gesellschaftliche Homophobie, das heißt, sie ist diffus, fast alle haben sie verinnerlicht. Homophobie verbindet man gemeinhin mit konkreter, physischer Gewalt gegen gays. Oder auch mit Beleidigungen und öffentlichen Beschimpfungen. Demgegenüber meint gesellschaftliche Homophobie etwa die Befürchtung eines Ehepaars, homosexuelle Kinder zu haben. Gesellschaftliche Homophobie heißt, zu verhindern, dass ein Angestellter in einer Firma nicht in Leitungsfunktionen aufsteigen darf, weil er gay ist, während sein heterosexueller Kollege genommen wird. Homophobie führt dazu, dass gays eigentlich nur noch in Frisör- und Schönheitssalons arbeiten können, sollen und vielfach auch wollen. Diese gesellschaftliche Homophobie ist so präsent, dass sie gegen mich eingesetzt werden konnte. Andererseits garantierte sie, dass Bolsonaro Raum für seine Hassreden hatte.

Homophobie war ein Aspekt der Fake News im brasilianischen Wahlkampf, aber viele Nachrichten hatten auch einen weiter gefassten, klar sexuellen Inhalt.

Tatsächlich steht die Frage von Sexualität und Gender hinter praktisch allen Fake News in den Wahlkampagnen, die ich erwähnt habe. Das kam beim Brexit vor, im Falle von Kolumbien, bei der Wahl von Trump und in Brasilien. Was hat der Friedensvertrag mit den FARC zu tun mit Sexualität und Gender? Nichts. Aber Fake News stellen diesen Zusammenhang her, indem sie behaupten, wenn dieser Friedensvertrag zustande kommt, würden die FARC die Homosexualität von Kindern fördern, die Heirat von Personen mit Tieren und ähnliches. Da die Leute Vorurteile oder falsche Vorstellungen von den FARC haben, glauben sie so etwas. Der Brexit hat genauso wenig mit Sexualität und Gender zu tun. Aber es wurde gesagt, wenn England in der EU bliebe, würde die Genderideologie vom Kontinent auf England überschwappen, was die Kinder dazu bringen würde, ihr Geschlecht zu ändern; außerdem würde die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt.

Befreite Körper sind eine Bedrohung

Diese Frage ist also überall der empfindliche Kern der Sache. Das Geschlecht ist das Intimste eines Menschen. Die Gesellschaften sind aber in dieser Hinsicht repressiv. Die jüdisch-christliche Kultur ist die Kultur der sexuellen Repression. Die Leute sind neidisch auf die sexuelle Erfüllung des anderen, der LGBTI-Gemeinschaft, weil diese Gruppe sexuelle Befriedigung erlebt, oder intensiver erlebt. Oder zumindest schwirrt in den Köpfen herum, dass LGBTI-Menschen den besseren Sex haben. Diese Gruppe scheint ihnen befreiter zu sein, während sie selbst sich mit Schuldgefühlen plagen. Die Ressentiments der jüdisch-christlichen Gesellschaft gegen die sexuelle Befreiung, gegen die Befreiung des Körpers, gerade der Frauen, haben einen klaren Grund. Frauen, die über ihren eigenen Körper bestimmen, welche die vollen sexuellen und reproduktiven Rechte haben, sind eine Bedrohung für die patriarchale Gesellschaft, die auf einer Hierarchie aufbaut, bei der der Mann über der Frau steht und Machtbefugnisse über sie – wie über gays – hat. Die Identifikation von gays mit Frauen ist ganz offensichtlich. Es gibt keine Homophobie ohne Sexismus und keinen Sexismus ohne Homophobie. Deswegen wurde die Frage von Sexualität und Gender in den Wahlkampagnen benutzt. Diese Frage ruft am meisten Einigkeit unter den Leuten hervor.

Was waren die häufigsten Vorwürfe gegen Sie selbst?

Mir wurde Pädophilie vorgeworfen. Dass ich Kinder dazu brächte, ihr Geschlecht zu ändern. Dass ich die Bibel umschreiben und alle Passagen daraus entfernen wollte, die homophob seien. Alles vollkommen absurd, aber es waren samt und sonders Appelle ans Gefühl, nicht an einen Verstand, der fragen würde, wie man solch eine Unsinn glauben könnte. Aber die Leute in Brasilien sind tatsächlich dazu imstande zu glauben, dass die PT Babyfläschchen verteilt, deren Nuckel wie ein Penis geformt sind.

Schön, wahr, richtig, gut = weiss, heterosexuell

Was für Leute verbreiten solche „Nachrichten“? Weiße, gut situierte Männer? Oder geht das Spektrum quer durch die Gesellschaft, wie bisweilen in Analysen zu lesen war?

Es gibt keine klar umrissene Gruppe von Sender*innen oder Verbreiter*innen. Es ist sicher, dass die Finanzierung solcher diffamierender Kampagnen in den Händen von reichen weißen Männern liegt, die eine patriarchale Gesellschaft bewahren wollen. Die Hierarchie von Männern über Frauen und Kinder soll bleiben. Diese Männer sind Kolonisatoren, Nostalgiker einer Vergangenheit der Kolonialisierung und der Sklaverei. Anders sieht es auf der Seite derjenigen aus, welche die Fake News weiterleiten. Das sind potentiell alle. Denn auch Frauen sind machistisch, sie sind dazu erzogen worden. Auch Schwarze tragen den Rassismus weiter. Denn sie wachsen in einer rassistischen Gesellschaft auf, die das Gute und Schöne, das Richtige und Wahre gleichsetzt mit Weißsein. Sie können sich also ihrer Hautfarbe nur schämen. Auch Homosexuelle sind in einer homophoben Gesellschaft sozialisiert, in der Heterosexualität ebenfalls mit dem Schönen, Wahren, Richtigen und Guten gleichgesetzt wird, demzufolge Homosexualität also schlecht ist. Sie haben vielfach ebenso die Homophobie verinnerlicht und lassen sich von der Hysterie der Fake News anstecken. Alle Leute werden von dieser moralischen Panik irgendwie erfasst und verschlungen.

Whatsapp muss vor Gericht

Was kann man da überhaupt noch machen?

Wenn ich das wüsste, hätten wir das Problem weltweit gelöst. Ich weiß nur eins: Wir müssen Gegenmechanismen finden. Wir müssen uns viel mehr Räume nehmen, wo wir uns real treffen, wir müssen uns in den sozialen Netzwerken verhalten, in der traditionellen Presse handeln, uns um die Massenkommunikation kümmern, entsprechende Mechanismen entwickeln. Vor allem müssen die Politiker*innen von den Plattformen verlangen, Verantwortung zu zeigen. Whatsapp muss vor einem internationalen Gericht erscheinen wegen der Lynchmorde in Indien, die von zirkulierenden Fake News ausgelöst wurden. Whatsapp und Konsorten können nicht einfach davonkommen, wenn es um Menschen geht, die sterben mussten aufgrund von Lügen, die dank ihrer Technologie erst eine solche Verbreitung finden konnten. In Mexiko wurden zwei junge Männer lebendig verbrannt, die zu statistischen Untersuchungen unterwegs waren und denen per WhatsApp die Vergewaltigung eines gekidnappten jungen Mädchens angelastet wurde. Die Gesetzgebungen müssen da klare Richtlinien setzen. Die Plattformen müssen zur Verantwortung gezogen werden. Natürlich haben sie kein Interesse daran, Fake News zu identifizieren und deren Zirkulation zu unterbinden. Schließlich wollen sie weder Geld noch User und damit Attraktivität als Werbeträger einbüßen.

Das Interview führt Gaby Küppers am 8. Mai 2019 in Brüssel.
Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 426 Juni 2019, hg. und mit freundlicher Genehmigung von der Informationsstelle Lateinamerika (ila) in Bonn. Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt.

Ein Kommentar zu “Brasilien: Fake-News und Sexualität

  1. Karin

    Jean Wyllys wird am 2. Juli um 18.00 Uhr am Portugiesisch-Brasilianischen Institut der Universität zu Köln sprechen: Encontro com Jean Wyllys
    (Aula 2, Hauptgebäude, Albertus-Magnus-Platz, Universität zu Köln)

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