Denker Pleitgen – schneller als seine Nachfolgenden

Von , am Samstag, 13. Juli 2019, in Medien.

Der alte Fritz Pleitgen, Kompliment! Viele seiner politischen Zeitgenossen haben uns schon verlassen, den Verlust empfinde ich schmerzlich. Pleitgen hat an politischer Intelligenz und Auffassungsgabe nicht eingebüsst. In der Zeit, in der ich dem WDR-Rundfunkrat als stellvertretendes Mitglied angehörte (1997-03) war er Intendant (1995-2007). Oft war ich anderer Meinung. Über den “Beckmann-Vertrag”, den er mit seinem NDR-Buddy Jobst Plog eigefädelt hatte, holte er für – bis heute teures Geld – die Bundesliga-TV-Rechte zur ARD zurück.
Ich fand das schon damals unverhältnismässig und würde behaupten, dass ich heute noch mehr rechthabe, als ich es damals hatte. Pleitgen dagegen ist bis heute stolz, diese Weiche – mit knapper 2/3-Mehrheit im WDR-Rundfunkrat – gestellt zu haben. Höher als die Gründung von 1Live, ein Beitrag zur langweiligen Formatierung der Radiowellen, rechne ich ihm die Gründung von Funkhaus Europa (heute: Cosmo) an, ein wesentlicher strategischer Beitrag zum Einsickern migrantischer Talente in was-mit-Medien.
Pleitgen gab jetzt dem Handelsblatt dieses Interview. Es gab nur eine Stelle, an der ich mein zustimmendes Nicken unterbrechen musste: beim “Zerstreuungs”-Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Es ist wohl das Alter. Ich bin 62, und bereits mir in diesem hohen Alter ist das, was ARD, ZDF und Pleitgen unter “Zerstreuung” verstehen, zuwider. Alle, die jünger sind als ich, denken deswegen, Fernsehen sei grundsätzlich ein Programm für Omma und Oppa, aber nicht für sie selbst. Es gibt auch keine “modernere” Version davon, weil bei allen unter 60 die kulturellen Vorlieben sehr weit auseinander gehen, und von Niemandem mehr an einem Lagerfeuer zu vereinigen sind. Gemeinden (“Communities”) gibt es für alles Mögliche – Marktführerschaft bei TV-Quoten sind mit nichts davon zu erringen – bei denen unter 60. Die über 60 sind viele, sie beschönigen den Sachverhalt statistisch; aber sie sterben als Erste.
Von dieser Kritik abgesehen, stimme ich dem in diesem Interview sprechenden Journalisten Pleitgen in allen Punkten zu. Wer sagts Tom Buhrow?

Ein Kommentar zu “Denker Pleitgen – schneller als seine Nachfolgenden

  1. Klaus Böttger

    So wie ich seinen Sohn erlebe, kommt er nach dem Vater… Ob er mal bei einem deutschen Sender Spuren hinterlassen wird, wie derselbe, bleibt noch zu erleben. Bei CNN sehe ich ihn als einen kompetenten, in seiner Wertung zurückhaltenden, als Berichterstatter sowie Gesprächspartner gefragten “authentischen Deutschen”… (was auch an seinem Akzent liegen mag, den er sich erhalten hat und der, anders als bei vielen anderen deutschen KollegINNen, durchaus charmant zu wirken weiß.)

    https://de.wikipedia.org/wiki/Frederik_Pleitgen

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