Beueler Extradienst

Meldungen & Meinungen aus Beuel und der Welt

Chauvinistenparade bei Anne Will

Anne Will gilt unter den Politik-Ersatz-Simulationen noch als eine der tendenziell seriöseren. Leider schleicht sich bei der als emanzipiert geltenden Polittalk-Diva Will langsam eine Tendenz ein, dass Frauen unter ihren Augen durch mĂ€nnliches Chauvigehabe immer wieder unter der intellektuellen GĂŒrtellinie abgekanzelt werden. Das ist Ă€rgerlich und Stilbildend zugleich. Will gerĂ€t so immer stĂ€rker in den Verdacht, dass ihr Quote und Krawall wichtiger sein könnten, als ihr Ruf als einstmals seriöse Journalistin.

So war es am 17.11. Christian Lindner, der auf herablassende und chauvinistische Art und Weise versuchte, sowohl Annalena Baerbock, wie auch die Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kempfert von oben herab abzukanzeln – “ja, was Sie so wissenschaft nennen” und sie dabei körpersprachlich wie rhetorisch in einer Haltung, die unterstellte  – ach, was seid Ihr doch fĂŒr emotionale, unwissenschaftliche MĂ€uschen, lernt erstmal kĂŒhles Rechnen –  zu signalisieren – nicht wörtlich, aber sinngemĂ€ĂŸ. Dazu das ganze bekannte MĂ€nnerrepertoire mit Augen verdrehen, Wort abschneiden, Frauen grundsĂ€tzlich unterbrechen, nicht ausreden lassen – Dominanzverhalten vom Primitivsten. Auch als sich die DUz-Buddies Söder und Lindner begannen, sich persönlich herabsetzende BĂ€lle und scheinbare Pointen zulasten der DiskutantInnen zuzuwerfen, schritt Will nicht ein.

Gestern, am 1.12. ebenso, als  – gewollt oder abgesprochen – der Chauvinist und arrogante “Cicero”-Chefredakteur Christoph Schwennicke die gerade von der SPD-Basis gewĂ€hlten Parteivorsitzenden Saskia Esken von oben herab abkanzelte und Will Norbert-Walter Borjans systematisch als inkompetente Provinzpolitiker der 4. Reihe abqualifizieren ließ. Saskia Esken, Bundestagsabgeordnete, sei “ja nur” ĂŒber die Landesliste gewĂ€hlt und vorher gerade mal stellvertretende Landeselternbeiratsvorsitzende in Baden-WĂŒrttemberg gewesen und nun fordere sie, obwohl selber schwĂ€bische Hausfrau,  den Abschied von der “schwarzen Null”.

Er, Norbert Walter-Borjans war ja “nur” Finanzminister in NRW und Pressesprecher von Johannes Rau, aber er habe mehrere verfassungswidrige Haushalte vorgelegt, könne also auch praktisch nichts. Das zu unterstreichen, saß da dann ein feixender Armin Laschet, den Anne Will in den Zeugenstand gegen die Kompetenz Borjans berief. Ein Schelm, der böses dabei denkt, wenn ein CDU-MP ĂŒber seine VorgĂ€ngerregierung urteilen soll. Man muss kein Sozialdemokrat sein – ich bin glĂŒcklich, keiner zu sein – um derartige Spielchen der asymmetrischen rhetorischen KriegsfĂŒhrung zu verabscheuen. Ich kann Anne Will nur einen langen Winterurlaub oder alternativ Winterschlaf empfehlen, um von derart entgleisten Talkrunden, die ja ohnehin nichts anderes als Politikersatz sind, zu gesunden. Oder besser – sie endlich abzuschaffen und dafĂŒr wieder live aus dem Bundestag zu berichten – nicht nur auf “Phoenix”. Ich hĂ€tte da eine “Tagesschau” von 1974 als progressives Vorbild auf Video.

3 Kommentare

  1. Klaus Richter

    Lieber Roland,
    kein Mensch ist gezwungen, sich die Sendungen von Anne Will anzusehen.
    Übrigens habe ich die Bemerkungen sowohl von Lindner als auch von Schwennicke gut gefunden.
    Ich wohne im Wahlkreis von Esken und da haben selbst SPD-Mitglieder Zweifel an ihrer Kompetenz. Dem ehemaligen Finanzminister aus NRW, der keinen verfassungsgemÀssen Haushalt hinbekommen hat, traue ich auch nicht viel zu. Ich denke mit der SPD wird es wohl weiter bergab gehen.
    Noch etwas Roland; in Deinen Artikel stelle immer eine sehr subjektive Polemik fest.
    Freundliche GrĂŒĂŸe aus Seewald
    Klaus Richter

  2. Roland Appel

    Lieber Klaus, zum einen schreibe ich meist Kommentare – die sind subjektiv, haben eine Meinung und sollen auch zum Widerspruch ermuntern, ĂŒber den ich mich immer freue. Ich schĂ€tze Will ja sehr, sonst wĂŒrde ich ihre Sendung nicht kritisieren. Im Falle Walter Borjans kannst Du als Baden-WĂŒrttemberger den Hintergrund vielleicht nicht wissen: Den ersten seiner vom Verfassungsgericht gerĂŒgten Haushalte hat er von der RĂŒttgers-Vorregierung “geerbt”. Den zweiten hat das Verfassungsgericht gestoppt, weil er m.E. etwas sehr mutiges versucht hat: Er hat sich mit der Beamtenlobby angelegt, denn der Landeshaushalt ist dauerhaft zu etwa 38% mit Personalmitteln, davon einem Drittel Pensionen und Versorgungsleistungen fĂŒr Beamte belastet – Tendenz steigend. Er hat die Pensionserhöhung der ohnehin sehr gut versorgten Beamten nur bis A 10 weitergegeben und ab A 11 gedeckelt, um sozial ausgewogen zu sparen. Das hat ihm das LVerfG untersagt. Ob man das nun gut findet, darĂŒber gehen sicher die Meinungen wieder auseinander – ihm deshalb quasi “UnfĂ€higkeit” zu unterstellen, wie es bei Will gestern geschah und dazu auch noch Laschet, einen seiner politischen Widersacher als “Kronzeugen” zu befragen, war schon listig eingefĂ€delt und eine offensichtliche Falle – und insofern meiner Meinung nach zu Unrecht diskreditierend.

  3. Johannes Offermann

    Ich fand die Will unziemlich patzig. Das ging mir auf den Keks. So geht man nicht mit GĂ€sten um, egal aus welchem politischen Lager die kommen. Ich bin weiter ge-zappt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

© 2020 Beueler Extradienst

Theme von Anders NorĂ©nHoch ↑