Chauvinistenparade bei Anne Will

Von , am Montag, 2. Dezember 2019, in Medien.

Anne Will gilt unter den Politik-Ersatz-Simulationen noch als eine der tendenziell seriöseren. Leider schleicht sich bei der als emanzipiert geltenden Polittalk-Diva Will langsam eine Tendenz ein, dass Frauen unter ihren Augen durch männliches Chauvigehabe immer wieder unter der intellektuellen Gürtellinie abgekanzelt werden. Das ist ärgerlich und Stilbildend zugleich. Will gerät so immer stärker in den Verdacht, dass ihr Quote und Krawall wichtiger sein könnten, als ihr Ruf als einstmals seriöse Journalistin.

So war es am 17.11. Christian Lindner, der auf herablassende und chauvinistische Art und Weise versuchte, sowohl Annalena Baerbock, wie auch die Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kempfert von oben herab abzukanzeln – “ja, was Sie so wissenschaft nennen” und sie dabei körpersprachlich wie rhetorisch in einer Haltung, die unterstellte  – ach, was seid Ihr doch für emotionale, unwissenschaftliche Mäuschen, lernt erstmal kühles Rechnen –  zu signalisieren – nicht wörtlich, aber sinngemäß. Dazu das ganze bekannte Männerrepertoire mit Augen verdrehen, Wort abschneiden, Frauen grundsätzlich unterbrechen, nicht ausreden lassen – Dominanzverhalten vom Primitivsten. Auch als sich die DUz-Buddies Söder und Lindner begannen, sich persönlich herabsetzende Bälle und scheinbare Pointen zulasten der DiskutantInnen zuzuwerfen, schritt Will nicht ein.

Gestern, am 1.12. ebenso, als  – gewollt oder abgesprochen – der Chauvinist und arrogante “Cicero”-Chefredakteur Christoph Schwennicke die gerade von der SPD-Basis gewählten Parteivorsitzenden Saskia Esken von oben herab abkanzelte und Will Norbert-Walter Borjans systematisch als inkompetente Provinzpolitiker der 4. Reihe abqualifizieren ließ. Saskia Esken, Bundestagsabgeordnete, sei “ja nur” über die Landesliste gewählt und vorher gerade mal stellvertretende Landeselternbeiratsvorsitzende in Baden-Württemberg gewesen und nun fordere sie, obwohl selber schwäbische Hausfrau,  den Abschied von der “schwarzen Null”.

Er, Norbert Walter-Borjans war ja “nur” Finanzminister in NRW und Pressesprecher von Johannes Rau, aber er habe mehrere verfassungswidrige Haushalte vorgelegt, könne also auch praktisch nichts. Das zu unterstreichen, saß da dann ein feixender Armin Laschet, den Anne Will in den Zeugenstand gegen die Kompetenz Borjans berief. Ein Schelm, der böses dabei denkt, wenn ein CDU-MP über seine Vorgängerregierung urteilen soll. Man muss kein Sozialdemokrat sein – ich bin glücklich, keiner zu sein – um derartige Spielchen der asymmetrischen rhetorischen Kriegsführung zu verabscheuen. Ich kann Anne Will nur einen langen Winterurlaub oder alternativ Winterschlaf empfehlen, um von derart entgleisten Talkrunden, die ja ohnehin nichts anderes als Politikersatz sind, zu gesunden. Oder besser – sie endlich abzuschaffen und dafür wieder live aus dem Bundestag zu berichten – nicht nur auf “Phoenix”. Ich hätte da eine “Tagesschau” von 1974 als progressives Vorbild auf Video.

3 Kommentare zu “Chauvinistenparade bei Anne Will

  1. Klaus Richter

    Lieber Roland,
    kein Mensch ist gezwungen, sich die Sendungen von Anne Will anzusehen.
    Übrigens habe ich die Bemerkungen sowohl von Lindner als auch von Schwennicke gut gefunden.
    Ich wohne im Wahlkreis von Esken und da haben selbst SPD-Mitglieder Zweifel an ihrer Kompetenz. Dem ehemaligen Finanzminister aus NRW, der keinen verfassungsgemässen Haushalt hinbekommen hat, traue ich auch nicht viel zu. Ich denke mit der SPD wird es wohl weiter bergab gehen.
    Noch etwas Roland; in Deinen Artikel stelle immer eine sehr subjektive Polemik fest.
    Freundliche Grüße aus Seewald
    Klaus Richter

  2. Roland Appel Beitragsautor

    Lieber Klaus, zum einen schreibe ich meist Kommentare – die sind subjektiv, haben eine Meinung und sollen auch zum Widerspruch ermuntern, über den ich mich immer freue. Ich schätze Will ja sehr, sonst würde ich ihre Sendung nicht kritisieren. Im Falle Walter Borjans kannst Du als Baden-Württemberger den Hintergrund vielleicht nicht wissen: Den ersten seiner vom Verfassungsgericht gerügten Haushalte hat er von der Rüttgers-Vorregierung “geerbt”. Den zweiten hat das Verfassungsgericht gestoppt, weil er m.E. etwas sehr mutiges versucht hat: Er hat sich mit der Beamtenlobby angelegt, denn der Landeshaushalt ist dauerhaft zu etwa 38% mit Personalmitteln, davon einem Drittel Pensionen und Versorgungsleistungen für Beamte belastet – Tendenz steigend. Er hat die Pensionserhöhung der ohnehin sehr gut versorgten Beamten nur bis A 10 weitergegeben und ab A 11 gedeckelt, um sozial ausgewogen zu sparen. Das hat ihm das LVerfG untersagt. Ob man das nun gut findet, darüber gehen sicher die Meinungen wieder auseinander – ihm deshalb quasi “Unfähigkeit” zu unterstellen, wie es bei Will gestern geschah und dazu auch noch Laschet, einen seiner politischen Widersacher als “Kronzeugen” zu befragen, war schon listig eingefädelt und eine offensichtliche Falle – und insofern meiner Meinung nach zu Unrecht diskreditierend.

  3. Johannes Offermann

    Ich fand die Will unziemlich patzig. Das ging mir auf den Keks. So geht man nicht mit Gästen um, egal aus welchem politischen Lager die kommen. Ich bin weiter ge-zappt.

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