Digitalismus – ist es Keuchhusten? Ist es Grippe?

Von , am Mittwoch, 11. Dezember 2019, in Medien, Politik.

Wie schlimm ist es? Arno Kleinebeckel/telepolis berichtet über mehrere aktuelle Gesundheitsuntersuchungen und neue Krankheitsdefinitionen, allesamt Symptome dafür, dass die grosse Mehrheit für sich noch keine tauglichen Alltags-Kultur-Instrumente gefunden hat, mit denen sie den neoliberal-digitalisierten Kapitalismus halbwegs schadlos überstehen kann. Im Gegenteil: der individualisierte Druck auf sich selbst droht in ausweglose Sackgassen zu führen.
Es wäre Aufgabe der demokratischen Politik, Auswege aus diesen Sackgassen freizukämpfen. Von alleine bewegt sich da nichts. Es sind “wir”, die wir der Politik gesellschaftlich Beine machen müssen. In der Schweiz scheitert gerade ein weiterer Versuch dazu. Das Onlinemedium Republik ist der nächste Kandidat für finanzielles Fallout. Der beim DLF zitierte Medienjournalist Hannes Grassegger hat die grundsätzlich theoretisch richtige Lösung angedeutet. Die Menschen benötigen öffentlich nutzbare Medieninstrumente, deren Architektur nicht nach den Reiz-Reaktions-Schemata der Aufmerksamkeitsökonomie gebaut ist, wie die asozialen Konzernnetzwerke, sondern sich an den Interessen der Nutzer*innen orientieren – und sich von ihnen, das füge ich bewusst hinzu, steuern lassen müssen, statt umgekehrt. D.h., wenn wir z.B. der CDU/CSU/SPD-Koalition den Bau von sowas überlassen würden, käme garantiert ein grausam missratener Versuch der Volksumerziehung dabei heraus.
Während in der Schweiz die öffentlichen Medien die Angriffe von Rechts (“No billag”) kämpferisch und erfolgreich zurückgeschlagen haben, kriegt in Deutschland keine Anstalt den Arsch nicht hoch, ihre Nutzer*innen zu mobilisieren. Wenn die es mal von alleine tun, werden sie als Gefahr wahrgenommen; dabei sind sie die gesellschaftliche Basis! Wenn der Kasper Johnson morgen die Wahl in Britannien gewinnt, geht er der BBC an den Kragen. Dann hat er die medienstrategische Garantie, dass seine Wähler*innen doofbleiben. Wollen wir das?
Ein Beispiel, welche weltpolitischen Folgen der gegenwärtige Megatrend hat, sind die Beziehungen EU- und Nato-Europas zur Atommacht Russland. Lesen oder hören Sie mal dieses DLF-Feature von Andreas von Westphalen. Gehen Sie anschliessend in sich, und beantworten Sie sich die Frage, was sie davon sowieso gewusst haben, und was nicht, bzw. was Sie wieder vergessen haben. Bei mir war das nicht wenig. Und ich kann mich immerhin an die damaligen politischen Prozesse erinnern, weil ich damals schon ein politischer Mensch war. Womit wir auch schon die Antwort auf die Frage haben: warum spielen diese Erkenntnisse und Erfahrungen im heutigen (macht-)politischen Prozess und öffentlichen Diskurs keine Rolle mehr? Sehen Sie: das ist lebensgefährlich!

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