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Werner Höfer

Torsten Körners gelungene Mediengeschichtsschreibung
Nur wer so alt wie ich, oder älter ist, wird sich noch an den Mann erinnern. Von 1952-1987 bestimmte er in Millionen deutschen Familien den sonntäglichen Tagesablauf: nach dem Kirchgang setzte sich Vater mit Cognac und Rauchwaren vor den Fernseher, während Mutter in der Küche das Gulasch oder die Koteletts zubereitete. In beengteren Wohnverhältnissen hatten die Kinder zwischen 12 und 12.45 h zu schweigen. Höfer moderierte in dieser Zeit den Internationalen Frühschoppen. (nicht minder legendär: WDR-Sprecher und Ansager Egon Hoegen).
Höfers Leben ist dramaturgisch katastrophal missglückt. Zu seinem Lebensabend wurde seine Nazi-Verantwortung durch den Medienwolf gedreht, nachdem er und seine Mitwisser es jahrzehntelang vorgezogen hatten, sie zu verbergen. Ich habe noch eine frühe Talkshow auf VHS, in der der alte Mann und lebenslange Medienprofi eine unterirdisch schlechte Figur abgab.
Sein grösstes Verdienst war nicht der o.g. Publikumserfolg, sondern die 1964 erfolgte Gründung des Dritten Programms des WDR. In seiner Amtszeit 1964-77 als WDR-Fernsehdirektor war das Programm ein fantastischer Abenteuerspielplatz für zahlreiche Talente der damaligen was-mit-Medien-Branche. Sein damaliger Wert war erst anhand seiner Nachfolger wirklich zu erkennen. Wenn der alte Mann im Vergleich dazu das heutige Altersheimprogramm sich immer wiederholender billiger Zusammenschnitte schon zerkauter Kaugummis sehen müsste, würde es in seinem Grab vernehmbar rumpeln. Heute vergossene Milch.
Wie komm’ ich drauf? Torsten Körner hat in der Medienkorrespondenz eine kritische Würdigung Höfers von fantastisch-guter Qualität abgeliefert (es ist Kapitel eines neuen Buches von ihm). Er erinnert an Höfers Verhältnis und Umgang mit den wenigen im Internationalen Frühschoppen auftretenden Frauen. Das Stück erinnert daran, welche grosse Strecke der Emanzipation in einem wenige Jahrzehnte kurzen Moment der Menschheitsgeschichte zurückgelegt wurde, und an einige heldinnenhafte Pionierinnen dieses Kampfes im Journalismus.
Es erinnert, dass Emanzipation (für alle Geschlechter) kein Geschenk ist, immer erkämpft werden muss.

3 Kommentare

  1. andré dahlmeyer

    also ich nehme an, das ich jünger bin, aber höfer war bei uns pflichtprogramm, genau wie notizen aus der provinz oder herbert wehner. vor höfer haben wir freilich immer “7-10: Sonntagmorgen in Spreeathen” gehört, das vom Berliner Rundfunk der DDR kam. Wir hatten auch nicht drei Fernsehprogramme, sondern fünf, also inklusive DDR 1 und DDR 2, die beide ziemlich gut waren.
    kirchgang gab es nicht direkt. mein opa kommt aus dresden, mein vater aus bonn und ich aus siegburg. aufgewachsen in wolfenbüttel (lessing, jägermeister, basketball). männer und cognac, das kenne ich gar nicht. molle und korn. cognac soffen die bräute. die höfer-vhs könntest du ja mal auf youtube hochladen, nicht wahr. horrido!!! george best, don dallígoool XXX

  2. Joachim Petrick

    Werner Höfer (1913-1997) „kultivierte“ in seinem “Frühschoppen” 1952-1987 Debatten Stil gegenüber seinen Gästen wie Mutti allein am Esstisch, weil es entweder keinen Präsenz Vater, wenn ja kriegsversehrt am Stock gehend auf der Arbeit gibt, wenn der Filius wochentags vom Schulunterricht zeitgeschichtlich mit Material aufgeladen, danach fragt, Mutti, weißt Du was über Kolonialismus, über Zwangsarbeit?, die Debatte unversehens aber erprobt ganz woanders hinträgt mit der Frage, ich habe mir das lange genug scheigend angesehen, wie siehst du denn am Schopfe aus, wann gehst Du endlich zum Haare schneiden, Großmutter im Sessel im Hintergrund einwirft, lass ihm doch seine schöne Locken. Was war Deine Frage, ich hör von hier nicht so gut? Hol mir mal mein Hörgerät.

  3. Joachim Petrick

    Korrigiert:

    Werner Höfer (1913-1997) „kultivierte“ in seinem “Frühschoppen” 1952-1987 Debatten Stil gegenüber seinen Gästen wie Mutti allein am Esstisch, weil es entweder keinen Präsenz Vater, wenn ja kriegsversehrt am Stock gehend auf der Arbeit gibt, wenn der Filius wochentags vom Schulunterricht zeitgeschichtlich mit Material aufgeladen, danach fragt, Mutti, weißt Du was über Kolonialismus, über Zwangsarbeit?, die Debatte unversehens aber erprobt ganz woanders hinträgt mit der Frage, ich habe mir das lange genug schweigend angesehen, wie siehst du denn am Schopfe aus, wann gehst Du endlich zum Haare schneiden, Großmutter im Sessel im Hintergrund einwirft, lass ihm doch seine schöne Locken. Was war Deine Frage, ich hör von hier nicht so gut? Hol mir mal mein Hörgerät.

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