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“Systemrelevanz”? – Feudalismus heute

mit Update abends
Zuerst die gute Nachricht. Gegen den Feudalismus im Kulturbetrieb wird gearbeitet, hart gearbeitet. Zu verdanken ist das in erster Linie der #metoo-Bewegung. Jenni Zylka/taz ist mir vor einigen Jahren als Mitarbeiterin des “Häuptling Eigener Herd” positiv aufgefallen, berichtet über den Evaluationsbericht der Beratungsstelle Themis. Sie fördert endlich zutage, was seit Jahrhunderten feudalistischer Alltag ist. Ein Anfang von historischer Bedeutung. Was davon in der Postcorona-Zeit übrig bleiben wird, ist ungewiss. Wieviel Kulturbetrieb und -wirtschaft, wieviele Arbeitsplätze von welcher Qualität – das wird alles noch härter umkämpft werden.

Massenschlachterei – am besten ganz verbieten

Gibt es ein “systemrelevanteres” Gesicht als das von Clemens Tönnies? Der VW-Boss hat sich zwar diese Woche alle Mühe gegeben, zuerst gekreuzigt zu werden. Ich frage mich, wer für diese milliardenschweren Unternehmen und ihre ebenso milliardenschweren Führungskräfte eigentlich die PR-Beratung macht. Das würde ich für ein Zehntel der Kosten zehnmal besser hinkriegen. Weil “besser” in diesem Zusammenhang eine kinderleichte Aufgabe ist.
In NRW ist der menschenleere Kreis Coesfeld zum aktuellen Hotspot der Corona-Virus-Verbreitung geworden. Wegen Westfleisch, einem Wettbewerber der benachbarten Tönnies-Gruppe (Westfleisch ist Nr. 3, Tönnies, das was sein S04 nie wird, Tabellenführer). Wenn beschönigend von “Familienunternehmen” geschwafelt wird – hier ist ein Musterbeispiel. Selbstverständlich sehen sich die Familienmitglieder am häufigsten vor Gericht, um sich um die Firmenanteile zu streiten. Es kann nie genug sein. Klassische Filosofie für Fleischfresser und Fleischhersteller. Ich hatte schon auf die Schlachtfabriken als Virusherd hingewiesen. Das Problem weitet sich jetzt aus. Bzw. vor allem seine öffentliche Beachtung, die schon sehr, sehr lange angebracht gewesen wäre. Aber die Medienmilliardärsfreunde dieser Familienunternehmen (Westfleisch ist eine Genossenschaftskonzern SGE solcher “Familien”) haben immer brav dichtgehalten. Ist das nun vorbei? Hoffentlich.
Es ist von Krisensitzungen der Bezirksregierung Münster und des Kreises Coesfeld zu lesen. Da sitzen die Richtigen für agrarindustrielle Massenproduktion zusammen. Zum Dichtmachen der Firma Westfleisch können sie sich bisher nicht durchringen.
Dass Deutschlands grösster Schlachter Tönnies mit öffentlich-rassistischem Reden persönlich berühmter wurde, als mit jedem anderen seiner bisherigen Verbrechen, deutet darauf hin, wie wenig ihm das Schicksal infizierter Beschäftigter Schlaflosigkeit bereitet. Rumän*inn*en und Bulgar*inn*en sind in Westfalen sowas ähnliches wie Schwarze.
Die Landesregierung will ihren Parteifreunden in diesem Business nicht zu fest auf die Füsse treten. Jetzt sollen erstmal alle Schlachthof-Beschäftigten in NRW auf Covid-19 getestet werden. Ganz schön viel Arbeit. Und sicher nicht falsch. Es wird anstrengend, die Zahlen, die dabei herauskommen, politisch zurechtzubiegen.
Fragt Donald Trump. Der kennt sich da aus.
Update frühabends: die Behörden des Landes NRW haben sich endlich entschlossen, Westfleisch in Coesfeld zu schliessen. Es erweist sich zusehends, in allen Bundesländern, die es wagen, den Teppich hochzuheben, dass die Schlachthöfe der real existierenden Grossschlachtereiwirtschaft Virenschleudern sind – bei Mensch und Tier. Nicht nur die Behandlung der Massenlagerhaltung der Nutztiere und ihre Zurichtung, auch die Haltung derer, die diese eklige Arbeit machen, widerspricht allem, was ich mal über Humanismus gelernt habe.
Korrekturhinweis: Westfleisch und Tönnies sind verschiedene Unternehmen der gleichen Branche; ich hatte sie für identisch gehalten.

1 Kommentar

  1. Roland Appel

    Interessant ist, dass auch der zweite Hotspot für Corona aauf Kreiseben in Schleswig Holstein aufgrund eines Schlachtebetriebes entstanden ist. Corona hat die segensreciche Wirkung, dass die Sklaverei mit Leiharbeitern, die Tönnies und Co. bisher leugnen, durch Covid-19 endlich offengelegt wird.

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