“Du hast ein kritisches kapitalistisches Ich. Dabei bist du eine durchschnittlich verbrauchende solidarische Person. Du bist leistungsbereit und dir dabei stets deiner Verantwortung bewusst. Du bist immer ganz vorne mit dabei. Dein Anspruch ist Teil deiner DNA. Du bekommst, was du willst und konsumierst stil- und qualitätsbewusst. Exklusivität ist für dich kein Luxus. Du wirst jedoch ausgebeutet, Im Großen und Ganzen bist du zufrieden.”
Dass ich mein “Zeugnis” aus der Kapitalismus-Ausstellung der Bundeskunsthalle hier ausstelle, zeigt, wie suggestiv ihre Methodik funktioniert, auf mich jedenfalls. Als Besucher soll ich nicht nur gucken und lesen, sondern mitspielen. Ich lasse mein Gesicht und sein Minenspiel scannen, bekomme so eine digitale Ausstellungswährung, mit der ich Chats mit Karl Marx, einem abgestürzten Ikarus, einem zerlegten Gulliver und anonymen porträtierten Ladies aus Geschichte und Gegenwart führen kann. Leider wurden Chats mit den Damen Elinor Ostrom oder Ulrike Herrmann nicht angeboten. Den Programmierern der Algorithmen ging es wohl mehr um die Spielerei. Und ich tippe, dass es Männer gewesen sind.
Immerhin habe ich für das Abliefern meiner Gesichtsdaten die virtuelle Ausstellungswährung ausgezahlt bekommen. Ein geringfügig fortschrittlicher Effekt im Vergleich zur gesellschaftlichen Wirklichkeit. Weitere Daten habe ich mit der Chat-Teilnahme abgeliefert. Was machen die damit? Meine befreundete Betriebsrätin bat ich, das bei der Datenschutzbeauftragten der Bundeskunsthalle in Erfahrung zu bringen. Die “Datenschutzregelungen” hatte ich als Besucher so wenig gelesen, wie gewöhnlich AGBs auf Internetseiten zur Kenntnis genommen werden.
Bemerkenswerte Ausstellungstücke: Bilder aus Chicagoer Grossschlachthöfen von vor 100 Jahren zeigen Weideflächen, auf denen die zu schlachtenden Rinder und Schweine bedeutend mehr Bewegungsfläche hatten, als in den Ställen und Transportvehikeln der Gegenwart. Tolle Bastlermodelle einer Poststation in den Dimensionen eines Hauptbahnhofs und einer mittelalterlichen Werft waren zu sehen.
Und Hinweise auf den Bau noch heute existierender menschlicher Grosssiedlungen, darunter ein Filmplakat von Max Willutzkis “Der lange Jammer” (1973). Diesen grossartigen, revolutionären Film hatte ich gesehen, und zwar nicht im Kino, sondern im damaligen deutschen TV. Heutige Programmdirektor*inn*en würden sich eher in die Hose machen, als sowas zu senden. Ein Dokument des Einzugs der Feigheit in die heutige Medienwelt. Der Film war für mich leider auch auf Youtube nicht auffindbar. Dort fand ich nur ein halbstündiges Werk einiger Kulturjournalismus-Studis über das gleiche Märkische Viertel, bei dem sie bemerkenswerterweise u.a. ein Polizisten-Duo bei seinen Patrouillengängen begleiten – so ändern sich die revolutionären Einstellungen in die Affirmation staatlicher Botschaften und Autoritäten.

Toxische Männer und revolutionäre Frauen

Klaus Theweleits “Männerphantasien” sind zur gleichen Zeit erschienen wie Willutzkis prächtiger Film. Jetzt werden sie neu aufgelegt und herausgegeben, Georg Diez bespricht sie in der taz. Dort erscheint auch ein Interview von taz-Chefredakteurin Barbara Junge mit der #metoo-Pionierin Jody Kantor, dessen Substanz die Interviewerin leider mit einigen selbstreferentiellen Fragen um den taz-Nabel entwertet.
Doch selbst in dieser Kürze arbeitet Kantor grossartig den langen Prozess heraus: den zu ihrem eigenen journalistisch lehrbuchhaften Recherchewerk, und ebenso den zu der notwendig langlaufenden #metoo-Bewegung. Gleichzeitig handelt es sich hier um ein Dokument des historischen Fortschritts, einen Aspekt, der in oben beschriebener Ausstellung leider zu kurz kommt: die Geschichte menschlicher Emanzipationsbewegungen. Nur im Chat mit Karl Marx wird das kurz angetippt. Die Gretchenfrage ist: wie können sie erfolgreich geführt werden? Zuende gehen sie nie.