WorĂŒber es sich lohnen wĂŒrde zu berichten und – öffentlich! – zu streiten
Stephan Russ-Mohl/bruchstuecke.info arbeitet seine kritische Position zum Herdenjournalismus in der Pandemie- und Trump-Berichterstattung weiter aus. Ich teile seine Kritik: zuviele wichtige Begebenheiten und Entwicklungen geraten unter die öffentliche Wahrnehmungsschwelle und schaffen zusĂ€tzliche Gefahren, bzw. bestĂ€rken deren “Fortschritt”. Der kurze zustimmende Kommentar von Ludwig Greven unter seinem Text, wie auch die ihm entgegengebrachte positive Nachfrage, deuten darauf hin, dass Russ-Mohl in der fortschrittlich-liberalen Publizistik damit nicht alleinsteht, sondern mit einem Minimum an demokratischer Tapferkeit vorangegangen ist. Was selten ist, ist wertvoll.
Zu den aktuellen Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie gehören auch die StrategieĂŒberlegungen von Twitter, die Richard Gutjahr berichtet. Twitters Zugpferd könnte – es sieht ernsthaft möglich aus – bald ein wichtiges Amt und damit an Zugkraft einbĂŒssen. Hoffen wir das Beste.
Bis dahin ist noch Zeit genug, Unheil anzurichten. In Bezug auf den Iran berichtet darĂŒber Florian Rötzer/telepolis. Ausgerechnet in dieser zugespitzten Konstellation erlaubte sich Arte gestern einen inhaltlich dubiosen Libanon-Themenabend. Die Kritik von Irit Neidhardt/FR ist inhaltlich zutreffend, und im Ton nach meinem GefĂŒhl sehr sachlich und höflich. Ich habe schon lange nicht mehr eine derartige Aneinanderreihung herrschender Klischees ohne jede kritische Fragen stellende Reflexion gesehen, wie in dem Film von Duki Dror. Keine kritische Silbe zum von den Sauds abhĂ€ngigen Hariri-Clan – das ist fast schon “Kunst” (KĂŒnstler*innen mögen entschuldigen!)
Ich kann es mir nur so erklĂ€ren, dass die auftraggebende WDR-Redaktion und die Produktionsfirma GebrĂŒder Beetz von der Biografie und preisgekrönten Filmkarriere des Autors geblendet waren, und sich eigenstĂ€ndiger kritischer Betrachtung gerne entzogen haben. Auf einem Arte-Sendeplatz sind die Auswirkungen dennoch immens. Massenpublikum glotzt sowas sowieso nicht. Aber die liberalen BildungsbĂŒrger*innen des Arte-Publikums glauben ernsthaft, bei solcher Gelegenheit etwas fĂŒr ihre politische und kulturelle Bildung zu tun.
So werden Fundamente bereitet und die wurzelgetriebenen SpĂ€twirkungen deutscher und mitteleuropĂ€ischer Friedensbewegungen bekĂ€mpft – wie mit einem Pestizid. Denn die Regierung braucht das dringend. AKK muss die GeschĂ€fte der RĂŒstungskonzerne retten, und sieht sie in den Armen Joe Bidens besser gesichert, als bei Emmanuel Macron. In KĂŒrze “mĂŒssen” sie “gemeinsam” in Libyen einsteigen (dieser Link verschwindet in einigen Tagen in einem Paywall-Archiv), weil die USA vom Irak und Afghanistan immer noch die Schnauze voll haben. Ausserdem sollen da ja “unsere”, nach Europa strebende FlĂŒchtlinge eingefangen werden. Was hat Joe Biden damit zu tun?
Als weiteres Kriegsziel wird der Islamismus dialektisch aufgebaut. Die aktuell widerstreitenden Feldherren Macron und Erdogan brauchen es beide: binĂ€re Weltbilder und Stellungen (“Wer nicht fĂŒr uns ist, ist gegen uns”) nĂŒtzen in ihrem innenpolitischen Desaster beiden. Nicht nur Erdogan, auch Macron zieht gegen fast alles Böse, das Virus z.B., rhetorisch in den “Krieg”. Derartige Aggressions-Expansion soll sie im dĂŒmmeren Teil ihres Anhangs als “stark” erscheinen lassen. Und die RĂŒstungslobbys beider Seiten sind auch zufrieden.
Zivilist*inn*en, Zivilgesellschaften, Menschen, die in Frieden leben wollen – das sind dann halt alles KollateralschĂ€den. Grosse. Ein Problem fĂŒr Kinder und Enkel*innen.