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Besuchen sie Altenessen – solange es noch lebt!

Die WAZ (Funke Mediengruppe), alternativloses Lokalblatt mit nachlassender Relevanz im Ruhrgebiet – es liest ja kaum einer mehr gedruckte Zeitungen – fährt seit Wochen ein Thema: Altenessen! Haben Sie vielleicht schon von gehört, oder hier gelesen. Der größte Essener Stadtteil kommt dabei nicht so weg, als würde die WAZ sich dort noch um Abonennt/inn/en bemühen.

Im Gegenteil. Altenessen, gerne auch in multiplen täglichen Artikeln, die es durch die hohe Frequenz zum Thema immer wieder auch in den überregionalen Teil schaffen, wird zu einer No-Go-Area hochgeschrieben, da fragt man sich, wann Herbert Reul mit einem Kamerateam vorbei schaut… das kann nur noch eine Frage der Zeit sein!

Höhepunkt der Kampagne: Ein FDP-Vorsitzender im Stadtteil, der früher mal der CDU anhing und den ich schon vor dreißig Jahren, da war er noch in der Jungen Union, nicht um seine rhetorische Brillianz bewundert habe, ruft dazu auf, Altenessen gleich ganz zu verlassen

Das gab es in der WAZ tatsächlich alles schon. Nur vor wenigen Monaten/Jahren war es der Essener Westen, namentlich Altendorf, welcher tägliche Präsenz im Blatt und online fand. Da ist es offensichtlich ruhiger geworden… denn man liest ja nix mehr – so oft.

Während ein SPD Ratsherr, der früher mal ein richtig guter Grüner war, schon vor Jahren davor warnte: Der Norden sei voll. – womit er darauf hinweisen wollte, dass die Integrationsleistungen einer Stadtgesellschaft nicht allein in dem Stadtteil erbracht werden können, in denen die Arbeit schon in den Jahrzehnten davor nie weniger wurde. – Das hat die WAZ aber kaum gekümmert – außer dem “Skandal” für die SPD, der bundesweite Kreise zog und Karlheinz auch in “rechten” Kreisen populär machte, ist in Altenessen nix passiert.

Den Einwürfen von Endruschat hätte “man” ja mal auf den Grund gehen können, statt sie – wie die Mehrheit der politischen Klasse in Essen, sie als ausländerfeindliche Propaganda in die Nähe der AfD zu schieben. – Erfolgreich waren sie damit! Guido Reil (aus Essen Karnap) sitzt nun im Europaparlament. Was er da macht, will ich nicht wissen. Der AfD nutz das Thema ganz sicher, nur Altenessen hat davon nix.

Gestern fand der Colognisierungsprozess Altenessens seinen Höhepunkt: Rund 50 Leute haben dort in der Silvesternacht unter grober Mißachtung aller Pandemieregeln herumgeböllert, eine Bushaltestelle zerlegt und dabei Rap-Musik gespielt… also wenn das nicht die Domplatte des Essener-Nordens ist, dann weiß ich es auch nicht besser. Das waren schließlich nicht angesoffene biodeutsche Fußballfans, durchgeknallte Techno-Raver oder münsterländische Junggesellenvereinsvorsitzende, das waren schließlich Araber! Und das Video haben die sogar bei Youtube gepostet.

Nun ist Altenessen anders als das Schanzenviertel, Kreuzberg oder Connewitz. Bei “uns” gab es sowas sonst nicht. Mit den Polen kommen wir hier seit einem Jahrhundert klar, die Türken kennen wir auch schon länger, da geht das schon. Rußlanddeutsche haben wir nicht so viele und die bulgarischen Rumänen randalieren wenigstens nicht, die helfen uns doch, wenn sie die örtlichen Schrottimmobilien noch zu lohnenswerten Anlageobjekten für Immobilienhaie machen. Aber Araber… die haben einfach keinen Respekt vor der Obrigkeit!

A propos “Obrigkeit”: Die hatte, vor nicht allzulanger Zeit mal eine Wache am Karlsplatz – da wo das Krankenhaus steht, das ein katholischer Konzern gerade mitten in der Pandemie plattgemacht hat. Vom Karlsplatz zum Marktplatz an der Badeanstalt ist man fast schneller gelaufen, als mit dem Streifenwagen unterwegs. Heute ist die Wache einen Kilometer weiter – mitten im Gewerbegebiet. Da wo keine Menschen wohnen… oder “feiern“.

Stimmt schon alles. In Altenessen ist in den letzten 40 Jahren nicht viel besser geworden. Doch ist es ein ganz normaler Stadtteil, mit ganz normalen Problemen – die aber oft größer sind, als in anderen “Nachbarschaften”. Was Altenessen fehlt, ist eine Politik, eine Stadtgesellschaft und eine Presse, die investiert! In Daseinsvorsorge, Bildung und Arbeit. Pandemie hin oder her!

Wer sich da der Unterlassung schuldig macht, hat nicht das Recht über Altenessen “zu richten”.

In gewissenloser Ausnutzung der (zur Zeit) heruntergelassenen WAZ-Paywall, lesen sie bitte selbst.

Offenlegung: Der Autor hat fast alle der ersten dreißig Jahre seines Lebens im Essener Norden verlebt. Fast die Hälfte davon in Altenessen. Teile seiner Familie leben immer noch dort. Und wollen nicht weg!

Über den/die Autor*in: Klaus Böttger

Klaus lebt und arbeitet im Maschinenraum dieses Blogs, in einem tiefen Keller irgendwo im südwestlichen Münsterland. Früher war er Bergmann, Taxifahrer und Regaleinräumer im Möbelhaus. Er verbringt seine Zeit hauptsächlich "online", beruflich wie privat. Wenn er nicht gerade im Garten oder mit dem Hund draußen ist. Dann ist er "off"!

5 Comments

  1. Martin Böttger

    Die Zerstörung Altenessens begann mit dem U-Bahnbau. Er zerstörte viele Einzelhandelsstrukturen. Die öffentliche Sicherheit wurde mit den Strassenbahnen vergraben. Die Kosten dieses Zerstörungswerk summieren sich weit höher, als die sowieso schon ruinösen Bau- und Unterhaltskosten. In meiner Kindheit war Altenessen wie eine grosse Kleinstadt-City, mit Kaufhäusern, Kneipen, Cafés, Programmkino, Rathaus – und damals noch einem Fernbahnhof mit Verbindungen nach Paris, Moskau, Athen und Barcelona (Port Bou). Heute guckt es das Essener City-Establishment mit dem Arsch nicht mehr an. Trump würde eine Mauer bauen, und die Kinder in Käfige stecken.

    • Rainer Bohnet

      Ich bin mehrfach mit den Zügen der RSE auf dem Weg zur Zeche Zollverein durch den Bahnhof Essen-Altenessen gefahren. Aufgrund seiner geographischen Lage könnte er nach wie vor eine große Bedeutung für Essen haben.

    • Martin Böttger

      Das meine ich auch. Stattdessen wurde 1999 das Bahnhofsgebäude abgerissen, und zwar ersatzlos. Geblieben ist ein vermüllter Tunnel unter den Gleisen und ein winddurchlässiger Bahnsteig oben. Er hat noch nicht einmal aktualisierte Zuganzeigen – ein klassischer “verlassener Ort”. Wer soll sich da sicher fühlen?

  2. Rainer Bohnet

    Ich bin vor ca. drei Jahren per Fahrrad von Duisburg über Bottrop nach Essen gefahren und habe dabei Essen von Norden nah Süden durchquert. Natürlich gibt es zwischen dem Essener Norden und dem Essener Süden signifikante Unterschiede. Die gibt es allerdings in Bonn zwischen dem Tannenbusch und der Südstadt. Und gefährdet kam ich mir im Essener Norden nicht vor.

    • Klaus Böttger

      Fahrradtourismus wäre mir als Rettungsprogramm für Altenessen jetzt nicht eingefallen. Aber Respekt dafür! Ruhralle oder Bredeneyer Straße sind in Nord-Süd Richtung auch leichter als andersrum. Das sind, je nach Strecke nur ca 30Km – aber jede Menge Höhenmeter. Ich kenn jeden einzelnen von denen persönlich. Ich hatte mal eine Freundin in Kettwig… ausgerechnet. ;-)

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