– Im Netz der Camorra (2021) –

Hätte ich die Spiegel-Kritik von Christian Buß nicht gelesen, hätte ich mich wahrscheinlich von dieser deutsch-österreichischen Produktion eher ferngehalten. Schon aus dem Grund, dass der Heimatsender des österreichischen Rechtspopulismus aus dem Imperium des Dietrich Mateschitz hier koproduziert hat. Red-Bull stinkt nach Gummibärchen. Geld aber wohl nicht… Wie im Fußball. Sei es drum.

Der Titel des Films, lautete während der Dreharbeiten “Il Pastore” (Der Hirte), bevor er für das Fernsehpublikum zu “Im Netz der Camorra” wurde. Klingt schon ein wenig nach Dominik Graf, oder liege ich falsch? Der “Arbeitstitel” hat mir jedenfalls besser gefallen. Doch so weit weg von Graf ist das ganze hier auch nicht.

Der Staats- Burg- und österreichische Nationalschauspieler Tobias Moretti gibt den “Mafia-Aussteiger”, der, selbstverständlich, von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Dieses wirklich klassische Mafia-Film-Motiv kennen wir seit Al Pacinos “Godfather” nur zu gut. Doch die subtilere südtiroler Variante von Andreas Prochaska gewinnt ihr durchaus neue Seiten ab.

So kommt dieses Schuld und Sühne Drama – überraschend, bei dem Drehort (und den Koproduzenten) – vollkommen ohne Ansichtskartenmotive aus und spielt vor der regionalen Backstory über die Industrie krimineller Weinpanscher. Ich habe nicht viel Ahnung vom Weingeschäft, aber für mich ist das sehr schlüssig hergeleitet. Der Film lässt sich nicht treiben, sondern nimmt sich Zeit für Entwicklung der Geschichte, bis zum unvermeidlichen und klaustrophobischen Showdown – der sich ebenso viel Zeit nehmen kann. Das ist hier dann auch als Qualitätskriterium zu werten. Und spannend!

Vor allem die (sehr gelungene) Besetzung von Antonia Moretti, als Tochter sowohl des Protagonisten (Il Pastore) als auch des Hauptdarstellers, transportiert, wenig subtil aber überzeugend, die Botschaft, dass nur die wahre Familie, die Töchter und Mütter, es vollbringen, sich von der Vergangenheit ihres Patriarchen und “dem Bösen an sich” zu befreien. Auch das ist ein klassisches Libretto der Mafia-Oper, das hier, für das Fernsehen in neue Schläuche abgefüllt, noch immer leidlich funktioniert.

Ob das jetzt ein großer Wein geworden ist, entscheiden sie selbst. Mir hat er, anders als die Brause,  durchaus gut geschmeckt. Doch neu erfunden hat der Film die Rezeptur des Genres jetzt auch nicht. So verstehe ich es auch, wenn sie lieber bei den Klassikern bleiben möchten. Die Lebenszeit bekommen sie ja an der Kasse nicht zurück.

Das Fernsehpublikum bekommt diesen dreistündigen 2-Teiler nächste Woche (am 6. und 7. September) und in der ZDF-Mediathek als 4 Häppchen à 45 Minuten serviert. Warum eigentlich? Da wundere ich mich, denn 90 Minuten war früher eben die klassische Länge eines TV-Films. Reicht die gemessene Aufmerksamkeitsspanne der durchschnittlichen Mediatheknutzer:innen nicht aus, um so lang auf ihr Smartphone zu glotzen? Oder ist es nur Marketing, weil sie einen Film in zwei Teilen dort nicht als “Mini-Serie” an die Frau und den Mann bringen können?

Ichweißesdochauchnicht…

“Im Netz der Camorra” – in der ZDF Mediathek verfügbar bis 30.08.2022.

Über den/die Autor*in: Klaus Böttger

Klaus lebt und arbeitet im Maschinenraum dieses Blogs, in einem tiefen Keller irgendwo im südwestlichen Münsterland. Früher war er Bergmann, Taxifahrer und Regaleinräumer im Möbelhaus. Er verbringt seine Zeit hauptsächlich "online", beruflich wie privat. Wenn er nicht gerade im Garten oder mit dem Hund draußen ist. Dann ist er "off"!