– Kill Me Today, Tomorrow I’m Sick! (2018) –

Mehr Tragik als Komik ist das hier – aber aufregend und ganz anders als was sie vielleicht vermuten: Sie kennen die OSZE? Das ist sozusagen die Vereinigung des globalen Nordens, die hier – in Umkehrung des Mephistopheles – stets “das Gute will und das Böse schafft”. Im Jahr 1999 war so auch diese Organisation beteiligt den Kosovo zu “befrieden”. So ganz geklappt hat das mit der Sicherheit & Zusammenarbeit (bis heute) nicht.

Ich habe seit Dominik Grafs phänomenaler Kritik in der FAZ (Archiv, kostenpflichtig oder hier: PDF) dieses verfilmten Irrsinns darauf gewartet, den fertigen Film endlich sehen zu können. Doch letztes Jahr war ja nicht soviel mit Kino. Und das ist wieder eine ganz andere Tragikomödie. Jedenfalls gibt es jetzt, den Anstalten des Bayerischen Rundfunks und des Südwestrundfunk sei Dank, diesen Reißer von Joachim Schroeder und Tobias Streck auch öffentlich rechtlich zu sehen.

“Eine ordentliche Portion Übermut der Verzweiflung und grimmiger Humor ohne Rücksicht auf Verluste ergeben hier humanistische Haltung ohne jeden Moral-Kitsch, erzählt in einem Ton, der angesichts der Leichenberge auch eine Anklage der ewigen Welt-Dummheit ist.” (Dominik Graf)

Wenige Sekunden einer Hommage an den unsterblichen Charles Chaplin in seiner größten Rolle als jüdischer Friseur in “Der große Diktator“, etwa gerade zur Mitte des Filmes, haben mich in meiner moralischen Verfassung auf das positivste erschüttert, geradezu gerührt. Das Ding hier ist ziemlich laut, gewalttätig, und komisch und bitter und eigentlich tiefschwarz. Aber es ist, vor allem, kostbar, weil es so selten ist.

“Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig” – doch, WARNUNG! Henryk M. Broder, Michael Wolffsohn und Joachim Steinhöfel müssen sie trotzdem ertragen. Die spielen sich selbst – oder sowas ähnliches und hätten den Film beinahe ruiniert. Aber der Spuk ist ja auch jeweils nur Sekunden lang. Die letzten 3 Minuten können sie am besten weglassen!

Deshalb: Meine Empfehlung für ihren Sonntagabend – das können sie heute noch nach Dominik Grafs Polizeiruf-München-Premiere bis nach den Tagesthemen weggucken. Sonst geraten sie noch zufällig an Anne und das Will ja wirklich niemand…!

Kann aber sein, dass sie danach nicht so gut schlafen können.

“Kill Me Today, Tomorrow I’m Sick!” – in der ARD Mediathek verfügbar bis zum 05.12.2021


– Der Baum, der Bürgermeister und die Mediathek oder Die 7 Zufälle (1993) –

Eric Rohmer war schon in den späten 1950 Jahren einer der Väter der Nouvelle Vague (Neue Welle) des französischen Kinos und hat seither in den fast 60 Jahren seines Kinoschaffens ein großes Werk hinterlassen. “Der Baum, der Bürgermeister und die Mediathek oder Die 7 Zufälle” ist davon eines der kleinen, oft übersehenen Werke außerhalb seiner berühmteren Filmzyklen.

Doch wie sehr Rohmer in diesem Film von 1993 nicht nur noch auf der Höhe der Zeit, sondern auch mit einer präzisen Vorstellung der Zukunft unterwegs war, verblüfft sogar noch knappe 30 Jahre später durchaus. Denn die Konflikte die seine kleine Satire auf die französische Kommunalpolitik beschreibt, können sie noch heute im Lokalteil ihrer Tageszeitung – oder gelegentlich – dem Beueler-Extradienst – verfolgen. Und seine Vision einer Zukunft, die ist heute, die ist da!

“Schließlich sind die Ökos Leute, die ganz in Ordnung sind…” – Julien Dechaumes, sozial. Bürgermeister (im Film)

Dieser ganz einfache, kleine, politische, intellektuelle, französische Film singt ein hohes Lied auf die Provinz und lädt uns freundlich zu einer Beobachtung der Menschen und besonders der “kleinen” & “großen” Akteure in der (französischen Regional- und) Kommunalpolitik ein. Im Grunde liebt er, was er zeigt. Eine lange Debatte und die Zufälle die Menschen über ideologische Gräben trennen und zusammenführen. Das ist schön, manchmal anstrengend und insgesamt äußerst lebenswert.

Eigentlich also alles, wie bei uns zuhause. ;-)

Absolut selten im TV und deshalb eine echte Mediathekperle!

“Der Baum, der Bürgermeister und die Mediathek” – in der Mediathek bei arte verfügbar nur bis 25.09.2021


– Unschuldsvermutung (2021) –

Ehrlich, es macht schon viel Freude, einem misogynen Arsch aus dem Olymp des (musikalischen) Kulturbetriebes dabei zuzusehen, wie er von seiner Ex-Frau (gnadenlos: Catrin Striebeck), einer angstbefreiten Journalistin (gefährlich: Marie C. Friedrich) und seinem jüngsten Protegé (fulminant: Laura de Boer) nach allen Regeln der Kunst vorgeführt und auseinandergenommen wird. Aber wenn der “feine Herr” von Ulrich Tukur gegeben wird, dann tut der “arme Kerl” mir am Ende fast noch leid. Das liegt wohl am charmanten Herrn Tukur. Und das ist die eklatante Schwäche dieser “#MeToo-Kommödie” von ORF und SWR.

Kulisse (Salzburg), Darsteller:innen und Produktion – alles allererste Sahne. Doch am Ende ist es “nur” eine Kommödie die niemanden verstört zurücklassen darf und dem “Täter” am Ende erlaubt, sich mit einem sprichwörtlichen blauen Auge aus dem Theater zu schleichen. Da hat das Buch entweder versagt, oder es hat genau den Auftrag von ORF & SWR erfüllt… und das ist dann wieder ganz “Erstes Deutsches Fernsehen”.

Wenn das jetzt ein Spoiler war, dann tut mir das leid. Aber sie müssen sich den Film (“Online first” und nächsten Mittwoch im TV bei der ARD) auch nicht ansehen. Auf ZDFneo gibt’s dann eine Doppelfolge Wilsberg!

“Unschuldsvermutung” – in der ARD Mediathek verfügbar bis 08.10.2021

Über den/die Autor*in: Klaus Böttger

Klaus lebt und arbeitet im Maschinenraum dieses Blogs, in einem tiefen Keller irgendwo im südwestlichen Münsterland. Früher war er Bergmann, Taxifahrer und Regaleinräumer im Möbelhaus. Er verbringt seine Zeit hauptsächlich "online", beruflich wie privat. Wenn er nicht gerade im Garten oder mit dem Hund draußen ist. Dann ist er "off"!