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Black Lives Matter in Lateinamerika

von Informationsstelle Lateinamerika
Wer hat’s gewusst? Seit dem 1. Januar 2015 befinden wir uns in dem von den Vereinten Nationen ausgerufenen „Jahrzehnt der Afrikastämmigen“, das noch bis Ende 2024 andauert.

Damit „erkennt die internationale Gemeinschaft an, dass Menschen afrikanischer Abstammung eine besondere Gruppe darstellen, deren Menschenrechte gefördert und geschützt werden müssen. Auf dem amerikanischen Kontinent leben etwa 200 Millionen Menschen, die sich als Menschen afrikanischer Abstammung bezeichnen“, heißt es auf der Seite der UN. Leider spielt diese Dekade in der Öffentlichkeit überhaupt keine Rolle. Im Gegenteil leben wir im Jahr Eins nach dem Tod von George Floyd und ein knappes halbes Jahr nach dem Massaker im brasilianischen Jacarezinho. Gut gemeinte UN-Initiativen waren eben noch nie Selbstläufer.

Parallel zu dieser UN-Dekade ist als Initiative von unten die Black Lives Matter-Bewegung entstanden und groß geworden, zunächst in den USA. Dort kam sie 2013 auf, nach dem Freispruch von George Zimmerman, dem Wachmann, der den 17-jährigen Trayvon Martin erschossen hatte. Die Bewegung verbreiterte sich nach den Polizeimorden an dem 18-jährigen Michael Brown in Ferguson und dem 12-jährigen Tamir Rice in Cleveland, beide im Jahr 2014. Doch erst der qualvolle Erstickungstod des 46-jährigen George Floyd am 25. Mai 2020 durch den Polizeibeamten Derek Chauvin in Minneapolis sollte zum Wendepunkt der Bewegung werden und weltweite Massenproteste und Solidarisierung auslösen (Polizist Chauvin ist mittlerweile verurteilt worden, allerdings hat er angekündigt, in Berufung zu gehen).
Langandauernde rassistische Unterdrückung der Indigenen und Schwarzen – existierende Kämpfe beflügelt
Im Zuge der Mobilisierungen wurden überall auf der Welt Denkmäler für ehemalige Sklavenhalter und Massenmörder vom Sockel geholt, auch in Lateinamerika, etwa in Kolumbien, Brasilien oder Mexiko. Black Lives Matter hat in Lateinamerika keine neue Problematik auf die Agenda geholt, sondern die langandauernde rassistische Unterdrückung der Indigenen und Schwarzen Bevölkerung erneut sichtbar gemacht. Gleichzeitig hat sie dem ebenso lang-andauernden Widerstand gegen den strukturellen Rassismus neue Legitimation verliehen, ihn international vernetzt und eine neue selbstbewusste Generation auf die Straße gebracht. Bei unseren Recherchen und Anfragen in Lateinamerika haben wir häufig zu hören bekommen, dass BLM vor Ort nicht unbedingt neue Themen gesetzt oder Bewegungen ausgelöst hätte. Vielmehr habe diese Bewegung bereits existierende Kämpfe beflügelt, zu neuen Aktionsformen inspiriert und Aktivist*innen besser vernetzt.

Rassismus ist in Lateinamerika und der Karibik ein brennendes Problem seit der sogenannten Entdeckung. Die Conquista und ihre Raubzüge zogen ihre Rechtfertigung aus der Herabsetzung der indigenen Menschen und ihrer Kulturen, in der zweiten Phase der Ausbeutung des „neuen“ Kontinents kamen der brutale Menschenhandel und die Ausbeutung durch Sklaverei hinzu. Gegenüber Indigenen nimmt Rassismus andere Formen an als gegenüber Afrikastämmigen. Was aber allgemein gilt, ist die Tatsache, dass Rassismus und Exklusion in Lateinamerika und der Karibik von Anfang an mit der Landfrage verbunden waren, mit Vertreibung und Aneignung für privaten Profit. Heute erfährt diese Verbindung eine neue Zuspitzung durch die Vertreibungen und Enteignungen im Rahmen der Expansion des extraktiven Wirtschaftsmodells, insbesondere des exzessiven Bergbaus auf dem ganzen Kontinent.
Existenzielle Kämpfe um Territorien
Die Identitätsdebatte, die durch Black Lives Matter einen kräftigen Schub erfahren hat, wird ganz offensichtlich auch in Lateinamerika und der Karibik geführt, wenn auch nicht mit derselben Terminologie wie in Europa oder den USA. Indigene und Afro-Latinos halten sich längst nicht mehr nur in den abgegrenzten Bereichen auf, die ihnen für die Ausübung ihrer Kultur und eigenen Lebensweise zugewiesen worden waren. Sie führen existentielle Kämpfe um ihre Territorien, wozu auch die Favelas in Brasilien gezählt werden können. Und die verteidigen sie mit Leib und Leben gegen neue Enteignungswellen oder brutale Polizeieinsätze. Sie verlangen volle Bürgerrechte und politische Mitgestaltung und nicht etwa nur Minderheitenrechte. Unüberhörbar sind die Stimmen der Jungen, der neuen Generation. Sie haben, häufig im Unterschied zu ihren Eltern und Großeltern, ihre eigenen Erfahrungen in und mit den Mehrheitsgesellschaften gemacht, bringen zum Teil aus Migrationserfahrungen vielfältige Kompetenzen mit und beherrschen oft Mehrsprachigkeit ebenso wie divers vernetzten Aktivismus und Social Media. Ein neues Kapitel im Kampf um soziale, politische und ökonomische Emanzipation bei selbstverständlicher Anerkennung der kulturellen und ethnischen Identitäten ist angebrochen.

P.S. in eigener Sache: Wir schreiben „Schwarz“ als Bezeichnung für Menschen als Adjektiv groß, da es sich hier nicht um eine Farbe, sondern um eine soziale Kategorie beziehungsweise Konstruktion handelt.
Dieser Beitrag ist die Übernahme des Editorials von ila 449 Okt. 2021, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt.

Über den/die Autor*in: Gastautor*inn*en

Unter dem Namen "Gastautor*inn*en" fassen wir eine Reihe ganz verschiedener und oft unregelmäßig erscheinender Autor*inn*en und Quellen zusammen. Hierbei kann es sich um individuelle Personen, aber auch Institutionen handeln. Wir bedanken uns sehr für die freundliche Genehmigung zur Übernahme der Beiträge!

Ein Kommentar

  1. André Dahlmeyer

    Exzellenter Beitrag!

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