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Internationale Streiks gegen Lieferdienste

von Alix Arnold
Riders organisieren sich über Unternehmens- und Ländergrenzen hinweg

Lieferdienste für Essen und Lebensmittel haben weltweit Hochkonjunktur, die Arbeitsbedingungen sind meist miserabel, egal ob in Europa, den USA oder Lateinamerika. Aber die Arbeiter*innen in diesen App-basierten Jobs wehren sich. In Lateinamerika organisierten die Riders, wie sich die Kurierfahrer*innen nennen, letztes Jahr vier internationale Streiktage. Für den 3. November 2021 rief die Alianza Unidos World Action weltweit zum Streik auf.
Gig-Economy
Lieferdienste wie Uber Eats, Deliveroo, Rappi oder Glovo sind Paradebeispiele für die Arbeitsbedingungen in der sogenannten Gig-Economy: prekäre Beschäftigung, Scheinselbstständigkeit, überlange Arbeitszeiten, niedrige Löhne, bei großer Unfallgefahr und hohem Gesundheitsverschleiß. In Lateinamerika herrscht das Modell der Scheinselbstständigkeit vor. Die Fahrer*innen gelten nicht als Arbeiter*innen, auf Arbeitsrechte können sie sich nicht berufen. Aber vielleicht werden die Riders nun zum Vorbild für eine neue Art von Organisierung und Kämpfen in diesem boomenden Bereich prekarisierter Arbeit.
In Berlin haben die Riders der Firma Gorillas, bei der viele Fahrer*innen aus Lateinamerika arbeiten, sich im Gorillas Workers Collective organisiert und seit Februar mit mehreren selbstorganisierten Streiks – hierzulande „wilde“ Streiks genannt – für erhebliches Aufsehen gesorgt. Während Gorillas die Lieferung der Bestellungen in zehn Minuten zusagt, sagen die Kolleg*innen:
Wir organisieren uns in weniger als zehn Minuten.
In Lateinamerika machten die Riders bereits zu Beginn der Pandemie mobil. Obwohl sie zur Aufrechterhaltung der Versorgung beitrugen, als systemrelevant eingestuft und als Held*innen gefeiert wurden, bekamen sie für ihren Einsatz weder mehr Lohn noch die notwendigen Hygienemittel und Schutzmaßnahmen gegen Covid-19.
Am 22. April 2020 kam es unter der Parole #YoNoReparto (Ich liefere nicht) zu gleichzeitigen Aktionen von Fahrer*innen in Argentinien, Peru, Ecuador, Guatemala, Costa Rica und Spanien. Gefordert wurden verschiedene Verbesserungen, vor allem aber die Anerkennung als Arbeiter*innen. Beim nächsten internationalen Streik am 1. Juli waren auch die Riders in mehr als 20 Städten in Brasilien dabei. In São Paulo demonstrierten 5000 Fahrer*innen. Der größte Lieferdienst für Lebensmittel in Lateinamerika, iFood, versuchte mit einem Bonus von mehr als fünf Dollar pro Lieferung Streikbrecher*innen zu rekrutieren, andere Firmen machten ähnliche Angebote. Die Streikenden konnten jedoch einige potenzielle Streikbrecher*innen an der Arbeit hindern und andere von der Teilnahme am Streik überzeugen. Nach einem weiteren Streik im Juli rief die Allianz Unidos World Action, in der sich mehr als 30 Kollektive aus verschiedenen Ländern zusammengeschlossen haben, für den 8. Oktober 2020 erneut zum internationalen Streik auf. Diesmal waren Riders aus 17 Ländern beteiligt, auch auf anderen Kontinenten.
200 Mio. $ Lobbygeld – ungültig
Der 8. Oktober war als Datum bewusst gewählt worden, um die Riders der Mobile Workers Alliance in Kalifornien zu unterstützen. Dort begannen an diesem Tag die Präsidentschaftswahlen und die Abstimmung über den Gesetzesvorschlag 22, den Uber und weitere Fahrdienst- und Lieferdienstanbieter eingereicht hatten. Sie wollten damit das im Januar 2020 von der kalifornischen Regierung erlassene Gesetz aushebeln, das die Plattformen verpflichtet, ihre Arbeiter*innen einzustellen, mit Arbeitsrechten und Sozialversicherung. In die Kampagne für ihr Gesetz investierten die Plattform-Unternehmen 200 Millionen Dollar. Damit gewannen sie tatsächlich die Abstimmung; diese wurde jedoch inzwischen von einem Gericht für ungültig erklärt.
Solidarische Haltestellen
Bei Berichten zur Organisierung der Riders in den einzelnen Ländern fällt auf, dass sich die Gruppen unabhängig von Parteien und bestehenden Gewerkschaften bilden und großen Wert auf Basisdemokratie legen. In einer internationalen Erklärung vom August letzten Jahres heißt es: „Wir haben nicht nur die Unternehmen gegen uns, sondern auch die Regierungen und mit ihnen verbündete Gewerkschaften aller Art, die sich darin einig sind, eine Flexibilisierung zuzulassen, die wir Compañeros mit unserem Leben bezahlen. Wir müssen weiter unsere Kräfte bündeln und die Kurierfahrer*innen weltweit in den Kampf einbeziehen. Mit Versammlungen und einer tatsächlichen Beteiligung der Kurierfahrer*innen wollen wir die Basisorganisationen stärken.“ Eine solche Basisorganisation ging zum Beispiel in Buenos Aires der internationalen Organisierung voraus. Hier gründete sich zu Beginn der Pandemie die Gruppe JTP, Jóvenes Trabajadores Precarizados (Junge prekarisierte Arbeiter). An Orten auf der Straße, an denen manche Riders sowieso ihre Pausen machten, richteten sie „Solidarische Haltestellen“ ein, mit einem Tisch, Plakaten, Kabel zum Aufladen der Handys und Thermoskannen mit Kaffee. Diese wurden zu Treffpunkten, von denen aus sie ihre eigene Gewerkschaft SiTraRepa gründeten. Der wichtigste Ort der Begegnung ist nach wie vor die Straße. In Córdoba, ebenfalls in Argentinien, gründeten Kurierfahrer*innen von Rappi, Pedidos Ya und weiteren Lieferdiensten Ende letzten Jahres die Versammlung Asamblea de Repartidores de Córdoba als basisdemokratische Entscheidungsstruktur. Da die Plattformen in der Provinz keine Büros haben, beschlossen sie eine Blockade einer McDonalds-Filiale, um Druck für ihre Forderungen zu machen. In Brasilien gründeten Streikaktivist*innen die Gruppe „Treta no Trampo“. Ein paar Tage vor dem Julistreik veröffentlichten sie ein Video, in dem sie ihre Unabhängigkeit von politischen Parteien klarstellten und ankündigten, dass sie Fahnen von Parteien oder Gewerkschaften bei ihrer Mobilisierung nicht zulassen würden.
Schlagkräftiges internationales Netz
Über Webseiten und soziale Medien nehmen die Kollektive Kontakt miteinander auf, sie vernetzen sich in WhatsApp-Gruppen, und auch die in der Pandemie üblich gewordenen Zoom-Konferenzen erleichtern internationale Kontakte über große Entfernungen. Aller Prekarisierung und Vereinzelung zum Trotz ist es den Riders gelungen, selbstorganisiert ein schlagkräftiges internationales Netz zu knüpfen. Neue Formen der Ausbeutung erfordern neue Formen der Organisierung. Die Riders sind da auf einem guten Weg.
Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 450 Nov. 2021, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Zwischenüberschriften und Links wurden nachträglich eingefügt.

Über den/die Autor*in: Gastautor*inn*en

Unter dem Namen "Gastautor*inn*en" fassen wir eine Reihe ganz verschiedener und oft unregelmäßig erscheinender Autor*inn*en und Quellen zusammen. Hierbei kann es sich um individuelle Personen, aber auch Institutionen handeln. Wir bedanken uns sehr für die freundliche Genehmigung zur Übernahme der Beiträge!

Ein Kommentar

  1. Roland Appel

    Ohne auf Nachhaltigkeit zielende Organisation und Beiträge, um Streiks materiell zu überstehen, also letztlich gewerkschaftliche Organisation werden solche Protestforman ebenso Eintagsfliegen bleiben wie die Geschäftsmodelle ihrer Ausbeuter. Die Tatsache, dass sich Regierungen weigern, ihre Bürger*innen vor kriminellen Geschäftsmodellen wie Uber und Gorillas gesetzlich zu beschützen, ist ein Politikum des 21. Jahrhunderts.

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