Beueler-Extradienst

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Hardcore-Realo

Gute Wissenschaftler*innen haben oft ein grosses “Problem”: sie verabscheuen schmissige Polemik. Sie differenzieren. Und sie forschen und – manche – lehren lieber, als bei Markus Lanz im Feldbett zu campieren und täglich leicht verdauliche Parolen in die Nacht zu posaunen. Das führt dazu, dass die vielen schlechten Politiker*innen sie gar nicht erst ignorieren. Weil sie sie nicht kennen. Und das auch nicht ändern wollen. Keine Lust, keine Zeit, nicht wichtig. Friedens- und Konfliktforscher*innen wissen ganz genau, was ich meine. Das Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der dortigen Universität holte sich 1984 in seiner Verzweiflung sogar den SPD-Politiker Egon Bahr als Direktor, aus der Motivmischung, die Forscher*innen einerseits “realistischer” und ihre Ergebnisse praktisch wirksamer zu machen. Mit stark begrenztem Erfolg.
Michael Brzoska kennt diese Geschichte definitiv besser als ich. Er nahm die Stelle von Bahr als überübernächster ein, 2006-2016. Zuvor leitete (stellv.) er das BICC in Bonn. Ein trockenes Brötchen. Wenn er im Radio spricht, wo er wegen seiner Fachkenntnis gerne mal genommen wird, stellen Sie sich einen Kaffee bereit. Wenn Sie ihn lesen, konzentrieren Sie sich. Für die meisten Medienredaktionen ist das eine Überforderung. Politiker*innen haben Stäbe – die können lesen lassen. Genosse Mützenich könnte es gelesen haben.
Vielleicht spricht jemand der Aussenministerin und dem Bundeskanzler Brzoskas Blätter-Aufsatz als Hörbuch ein: “Kooperation und Zurückhaltung – Für eine neue deutsch-europäische Sicherheitspolitik”. Die beiden müssen viel reisen, und sind gewiss froh, wenn sie dabei mal einige Minuten nicht telefonieren können. Ich nehme an, der Bundeskanzler ist Brzoska in seiner Amtszeit als Hamburger Bürgermeister (2011-2018) persönlich begegnet – wenn er so schlau war, wie ich ihn halte. Frau Baerbock könnte ihn dagegen während ihres Politikstudiums in Hamburg (2000-04) verpasst haben, weil er zu der Zeit hier in Bonn arbeitete.
Wenn sie ihn ernstnehmen, kann es nur besser werden. Wenn nicht, kommt es ungefähr so: Die EU auf dem Klappstuhl.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net

5 Kommentare

  1. Helmut Lorscheid

    Nein ich glaube nicht, dass Mützenich erst Brzoska lesen muß, um auf solche Gedanken zu kommen. Der Mann hat auch völlig selbstständig und von sich aus bewaffnete Drohnen abgelehnt und die Beratung im Bundestag darüber verzögert bis nach der Wahl. Wenn sie jetzt trotzdem kommen, liegt das mehr an den Damen Lambrecht und Baerbock als an ihm. als Brzoska noch bei SIPRI war fand ich es nicht so gut, dass er zu den Wissenschaftlern gehörten, die der Bundesregierung immer geholfen haben die Bedeutung der bundesdeutschen Rüstungsexporte nach unten zu rechnen. Wolff Geisler und ich haben im Rahmen der Kampagnen gegen Rüstungsexporte dann immer dagegen gehalten. Mützenich ist für mich einige der wenigen hoffnungsvollen Gestalter in der SPD-Bundestagsfraktion. Deshalb ist er auch kein Minister geworden. Er ist jedenfalls viel weniger pflegeleicht als etwa Kevin Kühnert.

  2. Martin Böttger

    Dass er kein Minister geworden ist, hört sich so an, als sei ihm eine Beförderung versagt worden. Das mag besoldungsmässig stimmen. Politisch sehe ich das anders. Ein Fraktionsvorsitzender weiss mehr, und beeinflusst mehr, als ein Fachminister.

  3. Helmut Lorscheid

    Ich habe ihm geraten, als es um den Bundestagspräsidenten ging, doch lieber Fraktionsvorsitzender zu bleiben.

  4. Martin Böttger

    Noch eine Ergänzung: mit anderem konstruktiv-polemischem Zungenschlag, aber ähnlicher kritischer Analyse, Michael Maier/Berliner Zeitung:
    https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/annalena-baerbock-ein-guter-start-und-jetzt-wirds-richtig-schwierig-li.205647

  5. w.nissing

    Wer des französischen mächtig ist sollte sich mal diese Ausführungen anhören. Auch wenn der Name Melenchon in hiesigen Medien so gut wie nicht vor kommt, steht er , wenn das Konzept der Heranführung der Nichtwähler an die Urne auf geht vor dem Tor des Elysee s. Er legt in dem Video seine Vision einer französischen Aussenpolitik was ja auch immer uns hier mitbetrifft dar, die ersten 30 min gehen mehr auf den Statusquo ein…..Viel Vergnügen:
    https://lemondeencommun.info/pour-une-france-independante-conference-geopolitique-de-jean-luc-melenchon/

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