– Nachtrag am Nachmittag um 17:49 Uhr –

Lesen sie Medien von Funke (WAZ, HH-Abendblatt, Morgenpost, Thüringer etc…)? Wenn nicht, dann geben sie sich wenigstens dieses Interview von Jochen Gaugele und Alessandro Peduto mit DGB-Chef Reiner Hoffmann. Denn bis zum Ende des Tages werden sie die Schlagzeile von Zeit-Online: “DGB-Chef fordert Tempolimit von 100 auf Autobahnen und 30 in Städten“, bei allen Agenturen und deren Online-Outlets wieder finden. Wetten dass?

Möglich, dass die WAZ/Funke das Interview noch hinter die Paywall stellt – eigentlich ist das ja bei derartigen und vielzitierten Exklusivstücken bewährte Praxis. So kommt niemand, die/der nicht bereit ist mit Daten oder Euros dafür zu bezahlen an die Originalquelle. Damit regiert nurmehr die Schlagzeile den Diskurs.

Hier nur zwei Fragen und die Antworten Hoffmanns aus einem weitaus umfassenderen Interview in dem es um einen von Corona, der Ukraine, der Energie- und Sozial- und Wirtschaftspolitik geprägten Komplex geht – zitiert ohne Verkürzung, weil die Einordnung in den sachlichen Zusammenhang wirklich elementar ist.:

Wird es Zeit, den Bürgern zu sagen, dass sie sich einschränken müssen? Weniger Auto fahren, die Heizung nicht mehr so weit aufdrehen?

Hoffmann: Ganz unabhängig von diesem Krieg müssen wir unsere Energieversorgung diversifizieren und sorgsamer mit den begrenzten Ressourcen unseres Planeten umgehen. Das erfordert auch Änderungen in unserem Konsumverhalten. Aber wir lösen kein Problem, wenn wir den Leuten jetzt sagen, dass sie zwei Pullover mehr anziehen sollen.

Sind Sie eher für Tempo 100 auf Autobahnen?

Hoffmann: Wir könnten zeitlich begrenzt ein Tempolimit von 100 auf Autobahnen und von 30 in den Städten einführen, um den Energieverbrauch zu drosseln. Es ist richtig, jeden Tropfen Benzin zu sparen, den wir sparen können. Aber das ist noch keine Antwort auf unsere tiefgreifenden strukturellen Probleme. Wir müssen Energiesicherheit schaffen, und das gelingt vor allem mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien.

Der DGB-Chef verweigert sich also und sehr offensichtlich den einfachen Antworten auf komplexe Fragen und geht in seinen Antworten direkt auf den Kern der Herausforderung ein, statt auf die populistische Forderungen des Berliner Essener Boulevards.

Im absoluten Konterkaro zu der von Funke gehäkelten Schlagzeile “Ukraine-Krieg: DGB-Chef bringt drastisches Tempolimit in Spiel” bringt nicht Hoffmann ein mögliches Tempolimit ins Gespräch, sondern die fragestellenden Journalisten. Hoffmann ist klug genug, die Frage einzuordnen.

Leser:innen des Extradienstes können das auch. Von daher ist dieser Beitrag ja eigentlich über. Vergeben sie es diesem Autor, dass er seiner Frustration über diese Manipulation ein Ventil gegeben hat.

Nehmen sie das hin, oder verhalten sie sich dazu.

Nachtrag am Nachmittag (17:49 Uhr): Raten sie doch mal, welches Thema inzwischen die meistkommentierte Meldung bei Zeit-Online ist? Tatsache! Es ist die oben verlinkte, völlig die Tatsache und das dokumentierte Wort Reiner Hoffmanns verdrehende Agenturmeldung ( ZEIT ONLINE, AFP, dpa, vu) von 11:38 Uhr. Stand jetzt: 867 Kommentare. Mit absolut keinem anderen Thema triggern sie mehr Menschen als mit dem Tempolimit. Nichtmal mehr mit einem Angriffskrieg in Europa. Diese Klicks bringen “Umsatz”. Die verdrehte Wahrheit hat tatsächlich einen kommerziellen Wert! Ich habe die Überschrift dieses Beitrags deshalb jetzt angepasst, weil es ist, was es ist: Fake-News!

Lesen Sie ergänzend dazu, online frei zugänglich: Jason Hickel/Blätter: “Die Tyrannei des Wachstumismus: Was heißt heute gutes Leben?”

Über den/die Autor*in: Der Maschinist

Der Maschinist lebt und arbeitet im Maschinenraum dieses Blogs, in einem tiefen Keller irgendwo im südwestlichen Münsterland. Früher war er Bergmann, Taxifahrer und Regaleinräumer im Möbelhaus. Im Extradienst schreibt er neuerdings unter Pseudonym, weil er ein Spiel mit dem Google Algorithmus spielt, der alles wissen will, aber nicht muss. Mit dem Herausgeber ist er verwandt aber nicht verschwägert. ;-) Der Maschinist auf Mastodon