Erfahrungen einer angehenden feministischen Köln-Brüsseler Ärztin mit lateinamerikanischen Wurzeln

Sie ist keineswegs allein mit ihrer Sensibilität für Sexismus von Ärzt*innen und Patient*innen in deutschen Krankenhäusern. Aber, sagt die Medizinstudentin und baldige Ärztin Camila Hoyos Banchón, „Einzelkämpferin bin ich insofern immer, als bei mir ja nicht nur das weibliche Geschlecht, sondern auch der Migrationshintergrund in den Diskriminierungserfahrungen eine Rolle spielt“. Geboren wurde sie in Köln, aufgewachsen ist sie in Brüssel. Beide Elternteile kommen aus Lateinamerika. Während des Studiums in Deutschland wurde ihr allmählich bewusst, dass in der Medizin Männer als (Halb-)Götter in Weiß gelten. Doppelte und dreifache Anstrengungen sind vonnöten, wenn frau als fachlich versiert anerkannt werden will und nicht „typisch deutsch“ aussieht. Camila Hoyos Banchón holte sich in feministischen Gruppen und bei Medizinerinnen Verstärkung, arbeitet in der Fachschaft ihrer Universität, in einem feministischen Arbeitskreis und kämpft unbeirrt in einer Männerdomäne.

„Wenn so eine hübsche Schwester wie Sie mich behandelt, dann lasse ich alles mit mir machen.”

Mit einem suggestiven Augenzwinkern hält mir der Patient seinen Arm hin, in den ich jetzt einen Zugang legen soll. Dass ich mich eigentlich am liebsten umdrehen und aus dem Zimmer gehen würde, spielt keine Rolle. Ich bin Medizinstudentin und bald Ärztin. Ich bin Latina und mein Aussehen hat nichts mit meinen Kenntnissen oder meiner Professionalität zu tun. Die korrekte Antwort fällt mir erst Stunden später ein, der Frust begleitet mich den restlichen Tag. Wie so häufig, seit ich im Aachener Klinikum studiere.
Ich gehe mit einem männlichen Kommilitonen in ein Zimmer, um eine Patientin zu untersuchen. Nachdem wir sie beide untersucht haben, nimmt sie meine Hand und sagt: „Herr Doktor ist ja so ein toller Chef. Du arbeitest bestimmt liebend gerne für ihn, oder, Schwester?” Ich bin Medizinstudentin und bald Ärztin. „Ich bin eine Frau und mein Kommilitone ein Mann, aber das bedeutet nicht, dass er mein Vorgesetzter ist, und auch nicht, dass Sie mich duzen dürfen.“

Das Krankenhaus trieft als Institution, so wie viele andere auch, von Sexismus, beginnend damit, dass die klinischen Studien der Medikamente, die wir verschreiben, an Männern durchgeführt werden, oder auch, dass das operative Outcome bei Frauen schlechter ist, wenn sie von einem männlichen Chirurgen operiert werden. Nicht zuletzt beginnt ein Anteil von Frauen von über 60 Prozent ein Humanmedizinstudium, der weibliche Anteil an Professorinnen beträgt jedoch nur 25 Prozent.

Es gibt einen evidenten Mangel an Vorbildern und ein tiefsitzendes Selbstverständnis dafür, dass Ärztinnen zwanghaft weniger Erfolg im Beruf haben werden als Männer. Die alltäglichen Kommentare kommen als Sahnehäubchen dazu.

Ich stehe mit einem männlichen Allgemeinchirurgen am OP-Tisch, ich assistiere ihm. Er fragt mich nebenher, ob ich mich schon für eine Fachrichtung entschieden habe.

Ich antworte, dass ich ebenfalls Chirurgin werden möchte, woraufhin er mir unmittelbar vorschlägt, Gynäkologin zu werden, um weniger Arbeitsbelastung zu haben, zu operieren und den Beruf trotzdem mit einer Familie vereinbaren zu können. Ich möchte aber gerne Allgemeinchirurgin werden. Ich bin eine Frau und werde bald Ärztin. Ich möchte gerne eine Familie gründen, jedoch keine Kompromisse in meiner Facharztwahl eingehen. Der Chirurg betrachtet mich mit einer Mischung aus Mitleid und Machotum.

In meinem spezifischen Fall, wie zu Anfang erwähnt, kommt mein lateinamerikanischer Migrationshintergrund als „erschwerender Faktor”, pessimistisch ausgedrückt, hinzu.

Die Frage nach meiner „wirklichen” Herkunft oder Komplimente zu meinem Deutsch sind fester Bestandteil meines beruflichen, aber auch privaten Alltags. Dass ich im „entlegenen” Köln geboren bin, wird belächelt oder mir gar nicht erst geglaubt. Wenn ich auf Bewerbungen keine Antwort oder eine Absage erhalte, frage ich mich, ob meine Unterlagen beim bloßen Anblick des Fotos oder des ausländischen Namens aussortiert wurden.

Vor der Pandemie war ich mit einer italienischen Freundin auf einer Feier. Wir waren ins Gespräch vertieft, als uns ein junger Mann mit folgenden Worten unterbrach: „Ach, ich liebe Feiern, bei denen ich so exotische Frauen wie euch kennenlernen kann.” Exotisch. Das Gefühl, wie zwei seltene Paradiesvögel in einem westlichen Zoo betrachtet zu werden, hinterließ eher einen bitteren Nachgeschmack als das sicher von ihm erhoffte Verlangen, uns ihm zuzuwenden und uns mit ihm zu unterhalten.

Doch diese Statistiken und Erfahrungen, obgleich ernüchternd, sind auch eine Herausforderung, eine Ermutigung, die Diskussion zu suchen und die Konfrontation nicht zu meiden.

„Medical Students for Choice”

An meiner Universität bin ich Teil der feministischen Gruppe „Medical Students for Choice”, in der wir Diskussionen, Vorträge und Themenabende rund um Feminismus, Abtreibung und weibliche sexuelle Gesundheit organisieren. Ebenfalls wirke ich bei der Antirassismusgruppe meiner Fachschaft mit.

Eine weiteres Fachschaftsprojekt hat dieses Semester eine Biografiereihe organisiert, in der Universitätsprofessorinnen und andere inspirierende Frauen unserer Fakultät ihren Lebensweg und ihre Erfahrungen als Frau in der Wissenschaft vorgestellt haben.

Heute Morgen befand sich eine Mail des Gleichstellungsbüros meiner Universität in meinem Postfach, in der Trainings zu „Kommunikationsgeschick” und „Gehaltsverhandlungen” speziell für Studentinnen angeboten wurden. Wir sind noch lange nicht am Ziel.

Ich bringe als Medizinstudentin und zukünftige Ärztin mit Migrationshintergrund von außen betrachtet sicherlich die ungünstigsten Voraussetzungen mit. Jedoch wappne ich mich jeden Tag aufs Neue dafür, zu diskutieren, Mikroaggressionen anzusprechen und daran mitzuwirken, dass sich durch Lehre und Aufklärung das System grundsätzlich ändert.

Damit in Zukunft die Bewerbung mit dem Foto einer Latina mit „kompliziertem” Nachnamen auf dem Stapel ganz oben liegt.

Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 453 März 2022, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung von der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt.

Über den/die Autor*in: Camila Hoyos Banchón (Gastautorin)

Unter der Kennung "Gastautor*inn*en" fassen wir die unterschiedlichsten Beiträge unterschiedlicher Quellen zusammen, die wir dankbar im Beueler-Extradienst (wieder-)veröffentlichen dürfen. Die Autor*innen und Quellen sind, soweit vorhanden, jeweils im Beitrag vermerkt und/oder verlinkt.