Mediathekperle in der ARD (und Amazon prime) + Update am Nachmittag

“Im Angesicht des Verbrechens“, vom deutschen Feuilleton fast einhellig militant verteidigt, war missraten, langweilig und klischeebeladen…” so hat der Herausgeber 2018 im Extradienst eine 10-teilige TV Krimi-Serie von Dominik Graf auf den Punkt gebracht, die schon acht Jahre vor seinem Urteil in der ARD grandios gescheitert ist. Ich bin da zwar grundlegend anderer Meinung als Martin – am Scheitern der Serie ändert das allerdings nichts.

Wenn sie sich für episch erzählte Serien interessieren, können sie die Wikipedia als Referenz nehmen – diese listet viele enthusiastische aber auch einige kritische Rezensionen, sie können das nun schon 12 Jahre alte Werk aber nun auch wieder selbst ansehen, denn die ARD hat es einmal mehr wieder in ihre Mediathek gestellt. Und ob sie mit ihrem Urteil im Anschluss dann Martin oder eher mir folgen wollen, liegt dann ganz in ihrer Entscheidung. Für die Investition von 10 Stunden Lebenszeit gibt es, meiner Meinung, jedenfalls sehr gute Gründe!

Schade ist aber, dass auch die Dysfunktionalität des Webangebots und der ARD Mediathek hier schon wieder so exemplarisch nachvollziehbar wird, dass es mir einfach schmerzt.

Auf der Startseite der Mediathek finden sie… nix. Auch auf daserste.de…, nix. Auf einer Portalseite für die Serie unter “daserste.de” (gefunden über die Suchmaschine) finden sie einen Hinweis “Momentan nicht im Programm” – während auf der Seite der Mediathek die  aktuelle Verfügbarkeit bis zum 07.November versprochen wird.

Da weiß die linke Hand nichts von der rechten… oder die Redaktion der Webseite macht gerade Urlaub. Kann passieren. Ist aber leider die Regel und kein Einzelfall. An ganz ähnlichen Symptomen ist die Serie selbst vor zwölf Jahren gescheitert. Und das ärgert mich maßlos – eben weil ich dafür schon bezahlt habe… und da bin ich dann als Kunde so angefressen, dass ich am liebsten gleich ganz auf die Nutzung der Webseite verzichte. Mein Geld bekomme ich aber nicht zurück.

Sie können diese Mediathekperle auch bei Amazon streamen. Das kostet dort allerdings dann EUR 8,99 für die ganze Serie oder EUR 1,99(!) je Folge. Es sei denn, sie sind “prime” Mitglied und abonnieren den “ARD Plus” Kanal. Der kostet (nach 7 Tagen) dann EUR 4,99 im Monat. (Eine Gutschrift auf ihre Haushaltsabgabe gibt es allerdings auch hier nicht!)

What the fuck, Christine Strobl?

Geld zu verdienen ist das Ziel von Amazon. Und schon längst ist es nicht mehr das Versandgeschäft, welches den Kern des Unternehmens ausmacht, sondern “AWS” die “Cloud” – also die Daten-Wolke in der inzwischen wohl über 30% der Inhalte und Services im Netz bereitgestellt und betrieben werden. Wenn sie Netflix schauen, dann kommen die Daten von Amazon, wenn sie sich bei Facebook einloggen, wenn sie einen Uber-Mietwagen bestellen, dann über AWS.. die Liste der Kunden ist unendlich. Und vermutlich gehören dazu auch die deutschen öffentlich-rechtlichen Mediatheken. (Tatsächlich arbeiten diese offenbar vorwiegend mit Akamai, einer Content-Delivery Plattform, die aber wiederum selbst zu den großen Kunden von Amazon gehört.)

Eigentlich, so eine Legende, war AWS nur das Ergebnis einer Strategie, die wachsenden Investitionen durch die Anforderungen an die Amazon-Infrastruktur durch dritte vorfinanzieren zu lassen – indem diese die Kapazitäten nutzten und finanzierten, die Amazon noch nicht unmittelbar selbst benötigte. Ein Turbolader für die eigene Web-Infrastruktur also. Stellen sie sich mal vor, Aldi hätte eine vergleichbare Idee gehabt, Volkswagen oder IKEA, oder der Otto-Versand… und vergessen sie es am besten gleich wieder.  Für all die war Amazon vor zwanzig Jahren noch eine Buchhandlung (auf Steroiden) und keine Konkurrenz.

Heute nun, verkündet Amazon den Start von “Freevee”. Einem weiteren – dieses Mal werbefinanzierten – Streamingangebots auf der eigenen Plattform. Also “prime” für umsonst, sozusagen…

So sollen wir es verstehen. Aber warum sollte der Laden sich also selber Konkurrenz machen? Hmm… die “Mitgliedschaft” im System Amazon für die Kundschaft ist unlängst auch um 30% teurer geworden – da ist das eigentlich schon “bezahlt”.

Und Leser:innen des Extradienstes wissen längst: Wenn etwas nichts kostet, dann bist du die Ware!

Amazon, so belegt der jüngste Geschäftsbericht wieder, ist nicht nur Großhändler, Logistiker (mal eben 100.000 Menschen rausgeworfen) und Datenhändler – sondern auch – nach Google/Alphabet – die zweitgrößte Werbeplattform im Netz – und da passt “Freevee” gerade mal perfekt ins Portfolio. Das Ökosystem ist ja längst vorhanden, d.h. die technischen Grenzkosten sind so schon “gedeckt”. Die Inhalte liegen schon auf den eigenen Servern und die Rechte dafür sind auch schon bezahlt. Und da sind die Kund:innen, die unter Auswertung ihres Konsumverhaltens auf der Amazon-Shopping-Seite beim Zuschauen auf Amazon-Freevee mit präzise auf ihre “Bedürfnisse” zugeschnittener Werbung “versorgt” werden können.

Besser kann ein Datensauger wie Amazon die von EU oder US-Kongress konzeptionierten Restriktionen von personalisierter Werbung und Schutz der Privatsphäre meines Erachtens gar nicht umgehen..Für die Datenschützer:innen wird das Kampfgebiet nicht kleiner.

Und für jene, die schon lange über die Zerschlagung dieser Plattform-Konzerne räsonieren, wird die Bedeutung ihrer Bemühungen nur unterstrichen.

Nachtrag nachmittags: An dieser Stelle empfehle ich gerne auch den Newsletter von Johannes Kuhn: Neues aus dem Internet-Observatorium. (Seinen Blog finden sie hier.) In seiner gerade eben erschienenen jüngsten Ausgabe geht es weder um die ARD, noch um Amazon. Jedenfalls nicht direkt. Doch beschäftigt er sich mit der Frage, wer im (kommerziellen) Netz eigentlich die “Nutzer:innen” sind, und nach wessen “Bedürfnissen” seine Entwicklung stattfindet. Überraschung: Sie und ich sind es nicht, sondern: “Diejenigen, die (…) entweder Produkte verkaufen oder Geld verdienen. Der Rest ist: Ein Publikum aus Testpersonen für Verhaltensforschung.”

Über den/die Autor*in: Der Maschinist

Der Maschinist lebt und arbeitet im Maschinenraum dieses Blogs, in einem tiefen Keller irgendwo im südwestlichen Münsterland. Früher war er Bergmann, Taxifahrer und Regaleinräumer im Möbelhaus. Im Extradienst schreibt er neuerdings unter Pseudonym, weil er ein Spiel mit dem Google Algorithmus spielt, der alles wissen will, aber nicht muss. Mit dem Herausgeber ist er verwandt aber nicht verschwägert. ;-) Der Maschinist auf Mastodon