Noch eine Mediathekperle bei Arte

Ich gebe zu: Meine öffentlich rechtlichen Mediathekverweise sind mitunter tendenziös. Gerade weil Inhalt und Plattform eben auch von meinem Geld bezahlt werden. Und auf kommerzielle Anbieter draufzuschlagen, fällt mir leicht, weil ich dort kein Kunde bin – (ich leihe mir aber schonmal einen Netflix oder prime Account). Was bei mir in der Regel aber sehr häufig gefeiert wird, das ist Arte. Obschon ich eigentlich gar nicht so sehr frankophil bin… also jedenfalls nicht mehr als anglophil oder skandinavisk (ist das ein Wort?).

Die deutsch/französische Zusammenarbeit ist einfach auch in ihrem Ergebnis wertvoll – auch weil sie sich nicht auf sich selbst beschränkt und daher mehr ist, als die Summe seiner Teile. Sie lässt uns Inhalte entdecken, statt vermeintliche Bedürfnisse sortiert nach Quoten und Sendeplatzschemas zu befriedigen. Besonders werden dort auch TV-Serien präsentiert – hier seien  nur “Borgen“, “Die Brücke” oder “Breaking Bad” noch einmal exemplarisch genannt, die wir auf Arte gesehen haben, bevor sie zum Hype wurden – die in anderen linearen Programmumfeldern wohl kaum überlebt hätten.

So eine Entdeckung war auch “Baghdad Central” (2020) für mich. Der deutsche Titel “Bagdad nach dem Sturm” lässt eher eine Dokumentation oder Reportage vermuten… vermutlich eher für eine andere Zielgruppe als eine “Cop-Serie”. Doch auch wenn es sich hier um eine britische (Channel4) Produktion handelt, ist es eben keine konventionelle britische Serie die nur zufällig im Bagdad unter amerikanischer Besatzung spielt. Sie dreht tatsächlich die geübte Perspektive um und erzählt von einem Polizisten (Waleed Zuaiter) mit irakischer Familie und irakischer Identität. Die zentrale Figur hier ist kein Expat, sondern Iraker. Ein Ex-Cop der irakischen Geheimpolizei unter Saddam Hussein.

So werden die amerikanischen und britischen Besatzer wahrgenommen, so wird die Folter erlebt, die Politik, Korruption, der Dschihad und die Schwierigkeiten “Gut und Böse” auseinander und eine Familie zusammen zu halten – unter den Bedingungen im Irak und Bagdad der Nachkriegszeit. Abziehbilder gibt es keine. Ansichtskarten und Hollywood-Kulissen auch nicht. Das ganze ist – für mein Empfinden – authentischer inszeniert und gespielt, als wirklich alles was ich in den 20 Jahren seit 09/11 an Spielfilmen und Serien über und aus dem Irak gesehen habe – und das war eine Menge! Spannend ist es ausserdem.

Ein besonderes Lob gebührt hier der deutschen Synchronisation, die sich tatsächlich an die Dialogkonzeption des Originals gehalten, und darauf verzichtet hat Dialoge in der Landessprache einzudeutschen, sondern nur die in der Originalversion englischen Passagen – der Rest wurde untertitelt und funktioniert ganz hervorragend. Tatsächlich wird die Serie durch diesen Verzicht auf Vollsynchronisation nochmal auf ein ganz anderes Qualitätslevel gehoben.

Auch etwas, an das mensch sich in Deutschland noch gewöhnen muss.

Arte zeigt “Bagdad nach dem Sturm” noch bis zum 09. September in der Mediathek.

(Regie: Alice Troughton, Drehbuch: Stephen Butchard, Produktion: Euston Films, UK)

Über den/die Autor*in: Der Maschinist

Der Maschinist lebt und arbeitet im Maschinenraum dieses Blogs, in einem tiefen Keller irgendwo im südwestlichen Münsterland. Früher war er Bergmann, Taxifahrer und Regaleinräumer im Möbelhaus. Im Extradienst schreibt er neuerdings unter Pseudonym, weil er ein Spiel mit dem Google Algorithmus spielt, der alles wissen will, aber nicht muss. Mit dem Herausgeber ist er verwandt aber nicht verschwägert. ;-) Der Maschinist auf Mastodon