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One more Sargnagel

Die Selbstaufgabe der Partei „Die Linke“

Wir erleben möglicherweise gerade die letzte Phase der Partei „Die Linke“ als einer ernstzunehmenden Kraft. Klaus Ernst war jedenfalls nicht mehr ernstzunehmen gestern bei Maischberger in seinem Versuch, Sahra Wagenknechts abgefahrene Bundestagsrede zu Russland/Putin/Energie noch irgendwie zu verteidigen.

Die Partei sitzt nicht mehr wegen der Prozente im Bundestag – sie ist schon unter Fünf -, sondern wegen der Drei-Direktmandate-Regelung. Sie sitzt dort mit einigen respektablen VertreterInnen – und mit einem Sahra-W.-Flügel, der versucht, die sozialen Folgen der Energiepreiskrise gegen die völkisch-faschistoide Kriegspolitik Putins einzurechnen: „Wir müssen Frieden mit Fascho-Putin machen, damit die deutschen Arbeiter in diesem Winter nicht frieren“ – das ist ungefähr die sozial-nationale Botschaft dieses Flügels. Dass auch Dietmar Bartsch, den ich eigentlich für ganz vernünftig halte (hielt?), hier abwiegelt und beschwichtigt, ist erschreckend. Die Vernünftigen in der Linkspartei müssten jetzt gemeinsam klar Kante zeigen. Sie tun es nicht, zum wiederholten Male! One more Sargnagel für diese Partei.

Tatsächlich ist viel zu tun, damit wir die Folgen der Energiepreissprünge in den Griff bekommen, das ist eine extrem wichtige Frage. Und Vorschläge dazu werden ja gerade diskutiert. Aber deswegen vor Putin buckeln und die UkrainerInnen den Dugin-Ideologen, den Kleptokraten, den Wagner-Söldnern und Kadyrow-Bluthunden ausliefern – geht es noch!!??

Am Ende der Weimarer Republik gab es schon mal Querfront, wo autoritär Links und autoritär Rechts gemeinsame Sache machten, gegen die, die irgendwie dazwischen waren. Heute sind die Mehrheitsverhältnisse etwas anders. Die Linke mit ihrer unentschlossenen Haltung zu Sahra W. hat fertig. Ich würde mal sagen: Schöne Zeit noch in ein paar Landtagen und Kommunalvertretungen.

Ich sage das alles übrigens nicht aus Böswillig- und Gehässigkeit, sondern mit einem vielleicht (hoffentlich) guten Gespür dafür, welches Vakuum dieses Ende “Der Linken“ im Bedeutungshaushalt unseres Landes hinterlässt. Der späten Stunde entsprechend schreibe ich das vor der Klangkulisse Chopinscher Nocturnes, gespielt von einer berühmten portugiesischen Pianistin, die in meiner Seh- und Hörweise nicht nur mit ihren Sozialprojekten, sondern auch auf den schwarzen und weißen Tasten ihres Berufs und tief poetisch empfunden etwas von dem transportiert, was eine Zuwendung zu den sozialen Fragen heute sein könnte. Dass „Die Linke“ das auf ihrem Feld heute nicht mehr schafft, ist kein Weltuntergang – aber irgendwie schade ist es schon.

Mehr zum Autor hier.

Über den/die Autor*in: Reinhard Olschanski (Gastautor)

Geboren 1960, Studium der Philosophie, Musik, Politik und Germanistik in Berlin, Frankfurt und Urbino (Italien). Promotion zum Dr. phil. bei Axel Honneth. Diverse Lehrtätigkeiten. Langjährige Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Referent im Bundestag, im Landtag NRW und im Staatsministerium Baden-Württemberg. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Politik, Philosophie, Musik und Kultur. Mehr über und von Reinhard Olschanski finden sie auf seiner Homepage.

2 Kommentare

  1. Martin Böttger

    Maischberger Einschaltquote gestern: 1,54 Mio. , rund 100.000 weniger, als noch 45 Minuten später die ZDF-Champions-League-Zusammenfassung einschalteten. Ich dagegen war mal wieder
    https://extradienst.net/2022/08/31/mehrheit-gegen-waffenliefern/
    bei der Mehrheit: im Bett. Solange es noch steht.

  2. A. Holberg

    Herr Olschanski schreibt: “Die Vernünftigen in der Linkspartei müssten jetzt gemeinsam klar Kante zeigen. Sie tun es nicht, zum wiederholten Male! One more Sargnagel für diese Partei.”. Erwartungsgemäß meint er mit den “Vernünftigen” die “links”-liberalen Fans des NATO-Krieges gegen Russland (mittels toter Ukrainer und Russen und der Verarmung breiter Bevölkerungsschichten hier). Warum sollte irgendein Land eine linke Opposition brauchen, die in zentralen Fragen mit dem unlinken bürgerlichen Mainstream mitschwimmt? Die Tatsache, dass der Krieg in der Ukraine nur die letzte Stufe des Versuchs der USA + EU-Vasallen ist, den historischen Abstieg der seit Ende des 2.Weltkriegs einzigen Hegemonialmacht – der gleichzeitig blutigsten -, der USA, aufzuhalten bzw. rückgängig zu machen, hat zu einer Einheitsfront aller “demokratischen” bürgerlichen Parteien von CSU bis hin zu den “Grünen” und der SPD geführt. Was bedarf es da noch einer vermeintlich “linken” Partei, die die Interessen der USA und des Rüstungskapitals im Bündnis mit diesen “demokratischen” Parteien verteidigen möchte?

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