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Militärmathematik für Dummies

20000 : 1000 = 20
20000 : 333,3 = 60

Als alter Kriegsdienstverweigerer bin ich in militärpraktischen und -theoretischen Dingen natürlich nicht so gut präpariert. Zum Glück kann ich wenigstens die Grundrechenarten, so dass ich die einfachere Militärmathematik nachvollziehen kann.

Es ist bei der russischen Armee wohl nicht unüblich, dass 1000 Soldaten eine Frontlinie von ca. 20km (20000 Meter) halten. Das wäre ein Soldat alle 20 Meter. Das alte sowjetische Lehrbuch sieht wohl 1000 Soldaten/10km vor. Tatsächlich haben russische Bataillone nach siebeneinhalb Monaten Krieg oft nur noch ein Drittel ihrer regulären Personalstärke. Das bedeutet faktisch ein Soldat alle 60 Meter. Das ergibt eine sehr löchrige Frontlinie, die ein Angreifer leicht überwinden kann – so wie die Ukraine es rund um Cherson gerade tut.

Wahrscheinlich sind die Dinge noch etwas komplizierter als diese Viertklässler-Mathematik. Aber ich frage mich schon, wie sehr die russische Militärführung geschlafen hat, wenn sie solche einfachen Berechnungen, die sich beim konkreten Kriegsverlauf doch aufdrängen mussten, ignorieren konnte. Man sieht hier wohl ein Land und eine Armee in einem krassen Niedergang.

Die russische Teilmobilisierung, die nun ausgerufen wurde, soll natürlich die „Löcher“ stopfen. Nur das dauert. Und reißt stimmungsmäßige Lücken bei den Familien der Eingezogenen an der „Heimatfront“.

Zudem hilft der reine mathematische Schematismus auch deshalb nicht weiter, weil das Personal, das die Lücken auffüllen soll, sehr unerfahren und wahrscheinlich noch unmotivierter ist.

Russische Militärblogger rechnen gerade nach, warum der Angriff auf die Ukraine so sehr schiefgeht.

Hier eine Zusammenfassung des Bloggers Kolyasnikov:

„Mehrere Quellen äußern sich direkt zu den Gründen für den Rückzug:

@voenacher: Die Krise in Richtung Krivoy Rog wurde durch eine enorme Überlegenheit der AFU in Bezug auf Personal und Ausrüstung verursacht.

@RSaponkov: Mangel an Rotation. Die Einheiten der 126. Brigade sind seit März im Einsatz. Die Soldaten hatten bestenfalls 5 Tage Urlaub. Ständige Kämpfe, Verwundungen, Erlebnisse und Beschuss wurden sieben Monate hintereinander ausgetragen. Es gibt keine Wunder, auch wenn unsere Soldaten noch so heldenhaft sind, wenn das Dorf von 15 Männern verteidigt wird.

Um es deutlich zu machen: Selbst zwei vollwertige Bataillone mit 500 Mann für 20 Kilometer Front – das sind 20 Meter pro Mann. Wenn in Bataillonen ein Drittel der Mannstärke vorhanden ist, was nicht selten der Fall ist, sind es 60 Meter pro Mann. Sie wissen, dass 20 Soldaten, die mehr als einen Kilometer Front halten, überholt werden können, ohne dass geschossen wird.

Nach dem Gefechtshandbuch der UdSSR-Armee von 1982 sollte der Verteidigungsbereich für ein motorisiertes Gewehrbataillon bis zu 5 x 3 km betragen; 1964 waren es bis zu 5 x 2 km. Zwei Kompanien in der ersten Staffel und eine in der zweiten Staffel.“

@SergeyKolyasnikov

Mehr zum Autor hier.

Über den/die Autor*in: Reinhard Olschanski (Gastautor)

Geboren 1960, Studium der Philosophie, Musik, Politik und Germanistik in Berlin, Frankfurt und Urbino (Italien). Promotion zum Dr. phil. bei Axel Honneth. Diverse Lehrtätigkeiten. Langjährige Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Referent im Bundestag, im Landtag NRW und im Staatsministerium Baden-Württemberg. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Politik, Philosophie, Musik und Kultur. Mehr über und von Reinhard Olschanski finden sie auf seiner Homepage.

Ein Kommentar

  1. Roland Appel

    Tja, die Invasoren sind halt heute auch nicht mehr das, was sie 1968 in Prag waren…

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