Beueler Extradienst

Meldungen & Meinungen aus Beuel und der Welt

Autor: Ingo Arend (Seite 1 von 3)

Erzwungener Präsentismus

berlin viral
“Hast du nicht auch das GefĂĽhl, dass irgendetwas mit der Zeit nicht stimmt?“ Meine Nachbarin schaut mich beim samstäglichen Abstandskaffee auf unserem Wochenmarkt irritiert von der Seite an. „Wie meinst du das?“, fragt sie. „Na ja“, versuche ich zu erklären, „es kommt mir so vor, als ob sie zu einem einzigen Block geronnen ist. Von März bis jetzt, das ist alles wie an einem StĂĽck, ohne Unterbrechung, Strukturierung.“Weiterlesen…

Legendärer Klassiker

Emine Sevgi Özdamars „Das Leben ist eine Karawanserei – hat zwei Türen – aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus“ auf der Bühne. Als burleske Nacherzählung im Heimathafen versemmelt
Gastarbeiter. So nannten die Westdeutschen die Arbeitskräfte, die Anfang der 1960er Jahre aus der Türkei und anderen südeuropäischen Ländern zu ihnen kamen. Im Türkischen wurde damals das Wort „Gurbet“ zum Synonym für Deutschland: „Die Fremde“.

Eine der Autor:innen, die die Fremdheitserfahrung dieses mehr oder weniger freiwilligen interkulturellen Austauschs mit am produktivsten verarbeitet hat, ist wohl Emine Sevgi Ă–zdamar.Weiterlesen…

Unter Druck

Wer repräsentiert wen? Hermann Parzinger diskutierte mit Gästen über die Zukunft der Museen
„Tear it down – Reißt es nieder.“ Für die bunte, queere Truppe, die sich vor ein paar Wochen vor dem Neubau des Berliner Schlosses alias Humboldt Forum zum antikolonialistischen Go-In versammelte, war die Sache klar. Dieses Museum soll gar nicht erst eröffnet werden. Eine Papp-Attrappe des christlichen Kreuzes, das seit Kurzem die Kuppel des umstrittenen Baus ziert, landete unter großem Jubel zerbrochen in der Spree.

„De-colonizing“ – die bei solchen Aktionen häufig intonierte Vokabel der Koalition progressiver Kulturarbeiter:innenWeiterlesen…

Rätsel der Zeitgenossenschaft

Der Soziologe Heinz Bude wurde als Gründungsdirektor des Kasseler Documenta-Instituts vorgestellt – und präsentierte schwungvolle Visionen.
Insider wussten es schon länger, aber erst vergangene Woche gaben die documenta und die Universität Kassel bekannt, dass der 1954 geborene Heinz Bude, dort seit 2000 Professor fĂĽr Makrosoziologie, „GrĂĽndungsdirektor“ des neuen documenta-Instituts werden soll. Spätestens durch sein Essay zur „Generation Berlin“ ist der Wissenschaftler zu einem der markantesten Intellektuellen Deutschlands geworden.Weiterlesen…

Kompensation untersagter Vergemeinschaftung

berlin viral – Soll das Gesundheitsamt sie zwei Jahre lang an Bäume binden?
Schemenhaft nur zu erahnende Gesichter im Halbdunkel, die Augen auf ein fluoreszierendes Display gerichtet, die Kappe tief ins Gesicht gezogen. Wer sich zu Beginn des Coronozäns nicht nur auf nächtliche Spaziergänge machte, traf meist auf personale Konstellationen wie diese. Menschen, die sich in Hauseingänge, Parkecken oder Bushaltestellen drĂĽckten, immer auf der Hut vor neugierigen Passanten, Nachbarn oder den zirkulierenden Ordnungskräften. Die Pandemie zwang alle zurĂĽck in eine rudimentäre Ă–ffentlichkeit, die mitunter die Form einer filmreifen Proto-Verschwörung annahm.Weiterlesen…

Teil eines Kreislaufs

Kunst und Ökologie – Mit seiner Ausstellung „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“ wirbt das Kunsthaus Dresden für ein symbiotisches Verhältnis von Natur und Zivilisation
Hitzewelle in Sibirien; die Insekten in aller Welt sterben aus; der deutsche Wald im Dürre-Stress. Kein Tag vergeht, der uns nicht vor Augen führt, dass das Verhältnis der Zivilisation zur Natur mehr als nur aus den Fugen geraten ist.

Zwar sollen die Deutschen inzwischen nur noch halb so viel RestmĂĽll entsorgen wie 1985, heiĂźt es. Trotzdem scheint alles immer katastrophaler zu werden. Kann da ausgerechnet die friedliebende Kunst einen Ausweg aus dieser tödlichen Mesalliance weisen?Weiterlesen…

TĂĽrkische Kunst in der Krise

Istanbuler Sammlung der Moderne – Im September soll der Neubau des Mimar-Sinan-Museums eröffnen. Doch wichtige Exponate befinden sich nach wie vor bei Präsident ErdoÄźan.
Kaum war er zurĂĽck, ist er auch schon wieder weg. Als in Istanbul vergangenen Sommer die Nachricht die Runde machte, Vasif Kortun wĂĽrde neuer Chefkurator des Mimar-Sinan-Museums fĂĽr Malerei und Skulptur, war die Kunstszene elektrisiert.

Der 1958 geborene Kunsthistoriker bahnte in den 90er Jahren der kritischen tĂĽrkischen Kunst den Weg und avancierte zum „Power Broker“ dieser Szene. Der Aufstieg Istanbuls zur neuen Kunstmetropole war wesentlich auch sein Verdienst.Weiterlesen…

Wie ein Freigang im Gefängnishof

berlin viral
Das Chlor killt ja das Virus. In der Hoffnung hatte ich mich gewiegt, als das Coronozän langsam, aber sicher ausbrach. Die Schwimmbäder wĂĽrden sie schon nicht so schnell dichtmachen. Bis zur letzten Minute hatte ich mich in die blauen Bahnen gestĂĽrzt. Auch wenn ich mich natĂĽrlich gefragt hatte, ob ich wirklich jedes Geländer, jede TĂĽrklinke, jede Klobrille anfassen kann, wenn ich die menschenleer gewordenen, gekachelten Hallen betrat.Weiterlesen…

Lieber Maler, male mir!

Die Bundestagsfraktion der Grünen lud zu einer Diskussion über „Kunst in der Coronakrise“. Gestritten wurde im Internet.
„Hört auf zu malen!“ Als der Maler Jörg Immendorff 1966 seine Zunft aufforderte, die Kunst für den politischen Kampf aufzugeben, sorgte das natürlich für Aufsehen. Es folgte ihm aber niemand.

Ăśber 50 Jahre nach dem militanten Slogan könnte es womöglich doch noch zur Malverweigerung kommen. Weniger, weil der böse Kapitalismus, den Immendorff damals bekämpfen wollte, nun noch böser geworden wäre. Schuld ist diesmal ein besonders böses Virus.Weiterlesen…

Ăśber den eigenen Schatten springen

Der verhĂĽllte Reichstag bescherte vor genau 25 Jahren den Deutschen einen einzigartigen Moment heiterer Selbstreflexion. Heute mĂĽsste man das Experiment eigentlich wiederholen
“Ich schaue mir die Sache nicht an.“ Helmut Kohl blieb standhaft. Schon im Februar 1994, bei der historischen Debatte im Deutschen Bundestag um Christo und Jeanne-Claudes Projekt zur ReichstagverhĂĽllung, war der Kanzler der Einheit auf der Seite der 223 Abgeordneten geblieben, die gegen das Projekt gestimmt hatten.

Gewohnt trotzig blieb der CDU-Politiker seiner Ablehnung treu und ĂĽbte sich in Wahrnehmungsverweigerung,Weiterlesen…

Maske ist mehr Maskerade

berlin viral
Zischende Shisha-Pfeifen, auf dem Trottoir Kunstledersessel zum Sitzkreis gerĂĽckt, drumherum drängen sich ein gutes Dutzend junger Männer mit Vollbart und in TrainingsanzĂĽgen, in deren Taschen sich groĂźe Smartphones abzeichnen. Ich traue meinen Augen nicht, als ich den Platz der LuftbrĂĽcke ĂĽberquere und auf die lange StraĂźe nach Schöneberg einbiege. Von der Quarantäne-MĂĽdigkeit, die sich langsam, aber sicher auf dem Globus breitmachen soll, hatte ich schon gehört.Weiterlesen…

Moralischer Mut

Freigesprochen und doch in Haft: Osman Kavala, Förderer der türkischen Zivilgesellschaft. Jetzt setzt sich die Kampagne „Artists United for Osman Kavala“ mit prominenten Unterstützern für seine Freilassung ein
Was hat er denn bloĂź getan? Die rhetorische Frage wirft auf, wer besonders nachdrĂĽcklich sagen will, dass jemand zu Unrecht einer Straftat bezichtigt wird. Die jĂĽngste Solidaritätskampagne fĂĽr den inhaftierten tĂĽrkischen Mäzen und Philanthropen Osman Kavala mit diesem Titel zu ĂĽberschreiben ist mehr als naheliegend. SchlieĂźlich haben schon Gerichte in der TĂĽrkei festgestellt, dass er sich nichts zuschulden hat kommen lassen.Weiterlesen…

Dating mit den Tieren der Stadt

berlin viral
Schwarz-grau gefleckt, den Kopf leicht nach unten geneigt. Ich war gerade auf dem Weg zum Supermarkt, als ich plötzlich diese Krähe auf dem Dach der parkenden roten Limousine sitzen sah. Krähe, genau. Eines dieser Exemplare aus der Familie der Rabenvögel, die im Hinterhof neuerdings MĂĽlltĂĽten zerlegen. Sie plusterte sich auf, rutschte mit ihren Klauen auf dem spiegelglatten Dach nach vorne. So selbstverständlich, als sei ich derjenige, der sich zu erklären hätte.Weiterlesen…

Demokrat der Objekte

Es lag Logik darin, dass Christo mit dem Reichstag-Projekt ein ästhetisches Ende zum Kalten Krieg setzte. Nachruf auf einen komplexen Künstler.
Steif sitzt der damalige Bundestagspräsident und spätere Bundespräsident Karl Carstens in einem Schalensessel. Es ist der 20. Januar 1977 im damaligen Regierungssitz Bonn. Der konservative CDU-Politiker hat die buschigen Augenbrauen hochgezogen. Die Körpersprache, mit der der Deutschnationale sein Gegenüber betrachtet, spricht Bände.

Wild gestikuliert der KĂĽnstler Christo, malt imaginäre GrößenmaĂźe in die Luft. Er wirbt fĂĽr sein Reichstag-Projekt. Obwohl privat fasziniert davon, lehnte Carstens es ab. Zwölf Jahre vor dem Mauerfall fĂĽrchtete der Scharfmacher gegen die sozialliberale Entspannungspolitik Ă„rger mit dem Osten.Weiterlesen…

Kein New Age, please

Die Lehre aus der Coronakrise ist für Slavoj Žižek nur eine neue Form von Kommunismus
Zeit zum Nachdenken, Chance für die Entschleunigung, bewusster leben. Während der Coronakrise verging kaum ein Tag, an dem nicht die Chancen für einen anderen Lebensstil beschworen wurden, den das Coronavirus – neben den Schrecklichkeiten – doch biete.

FĂĽr derlei Ideen hat Slavoj Ĺ˝iĹľek wenig ĂĽbrig. Am Schluss seiner jĂĽngsten, gerade in den USA erschienenen Streitschrift verfällt der slowenische Philosoph in den Duktus eines Achtziger-Jahre-Altlinken, der die aufkommende Seuche der „Selbsterfahrung“ als Ablenkung von der harten Pflicht des Klassenkampfs geiĂźelt.Weiterlesen…

Dachgärten für alle

Von der dynastischen Lustarchitektur zur demokratischen Hortitecture: Stefan Schweizer und Frank Maier-Solgk zeichnen die Kulturgeschichte der „Hängenden Gärten von Babylon“ nach
„Des GrĂĽnen blĂĽhende Kraft.“ Schwer zu sagen, ob sich Stefan Boer­ri von Johann Wolfgang von Goethes poetischer Formel fĂĽr das befreiende GefĂĽhl plötzlich ausbrechenden FrĂĽhlings leiten lieĂź, als er vor sechs Jahren sein „Bosco Verticale“ eröffnete. Zumindest kam der italienische Architekt dem Traum eines Lebens im immerwährenden GrĂĽn ziemlich nahe.Weiterlesen…

In einem Aquarium voll Aspik

berlin viral
“Herrlich“, antwortete ich bis vor Kurzem immer, wenn mich Freunde fragten, wie es mir denn so gehe „in diesen Tagen“, und erntete dann meist ein sĂĽĂźsaures Lächeln. Aber ehrlich, kein Zynismus. Als die ersten Bleib-zu-Hause-Orders den Beginn des Corozäns ankĂĽndigten, hatte mich das kein bisschen geschreckt. Gut, Ausgangssperre war natĂĽrlich eine hässliche Vokabel. Die kannte man eigentlich nur so aus Diktaturen und den BĂĽrgerkriegs-Reportagen im Fernsehen. Ich habe sie mir dann einfach zur Auszeit zurechtgebogen.Weiterlesen…

In betrĂĽgerischer Absicht

Mit seinem Buch „Kunstfälschung“ hat der Berliner Kunsthistoriker Hubertus Butin das komplexe Zusammenspiel beschrieben, das ein schillerndes Phänomen erst möglich macht
300 gefälschte Bilder und Zeichnungen, ein Betrugsgewinn von rund 50 Millionen Euro und eine Haftstrafe von sechs Jahren. Ein Spur TitanweiĂź brachte vor genau zehn Jahren den Maler Wolfgang Beltracchi zu Fall. Jahrelang hatte der KĂĽnstler Werke der Klassischen Moderne wie solche von Max Ernst gefälscht und zu Fantasiesummen verkauft. Bis ihm Forscher auf die Schliche kamen. Seine Enttarnung galt als der größte Kunstfälscher-Skandal aller Zeiten.Weiterlesen…

Fragmente einer Sprache der Warteschlange

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Der alte Mann, der die StraĂźe entlanghumpelt, stoppt vor der Post. Mit zitternder Hand hält er zwei orange gerasterte Zettel in die Höhe. „Ich will doch nur die Ăśberweisung.“ Fassungslos fixiert er die Schlange vor der Stahltreppe hinauf zum Eingang und wendet sich dem jungen Mann mit Migrationshintergrund in gelber Schutzweste zu, der das Geschehen von oben dirigiert. „Nur die Ăśberweisung“ wiederholt er und präsentiert seine Zettel wie Passierscheine.Weiterlesen…

Mitternächtliches Sammeln im Coronozän

berlin viral
Not macht erfinderisch – dass der Satz nicht nur ein blöder SpieĂźerspruch ist, der Bescheidenheit lehren soll, dämmerte mir in irgendeiner Sommernacht, als ich mit Freunden auf der AdmiralbrĂĽcke saĂź und ein paar emsigen tĂĽrkischen Seniorinnen mit Hackenporsche zusah, die leere Flaschen einsammelten, die die ultra­legere Meute ringsherum demonstrativ desinteressiert auf dem Bordsteinpflaster aufreihte.Weiterlesen…

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