Alle Beträge von Ingo Arend:

Gegenhegemoniale Anstrengungen

Von , am Freitag, 14. Februar 2020, in Allgemein.

Ohne Moralin und Emphase: Mit seinem Essay „Conflictual Aesthetics“ schlägt der Politologe Oliver Marchart Schneisen in das Dickicht der politischen Kunst
Zweieinhalb Meter hoch und vier Tonnen schwer. Allein von Gewicht und Material hatte es die „Gedenkstätte“, die das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) Anfang Dezember zwischen Reichstag und Bundeskanzleramt platzierte, in sich. Aber auch die Idee, mit der Asche mutmaßlicher Holocaust-Opfer aus Polen in einer erleuchteten Stahlsäule vor dem „Verrat an der Demokratie“ zu warnen, schlug ein wie eine Bombe. Viel mehr Streit lässt sich selbst bei den, schon von mehreren ZPS-Aktionen abgebrühten Berlinern und Hauptstadtpolitikern, kaum erreichen.

Ob diese Kunst, die auf Teufel komm raus politisch relevant werden möchte, das auch wirklich ist, Weiterlesen

Steinmeiers Nächte sind lang

Von , am Freitag, 7. Februar 2020, in Genuss, Politik.

“Heimatabend“ im Schloss Bellevue – Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier lädt zum „Heimatabend“ mit migrantischen Künstlern. Auch Almancı tanzen begeistert zu Musik von DJ Ipek.
Dass der Gassenhauer „Kreuzberger Nächte sind lang“ im Schloss Bellevue ertönt, kommt auch nicht alle Tage vor. Insofern war es gewöhnungsbedürftig, als Sultan Tunc am Donnerstagabend die kleine Bühne des dortigen Festsaals bestieg.

Im weißen Nadelstreifen-Anzug, mit coolen Sneakers gab der deutschtürkische Rapper Weiterlesen

Ist einfach russisch

Von , am Mittwoch, 29. Januar 2020, in Genuss, Politik.

berliner szenen
“Vergiss heut Abend Xara nicht. Treffen wir uns vor Rossmann.“ Agnieszkas Messenger-Nachricht ploppt aus meinem Fon, während ich in einer doofen Besprechung brüte. Wie könnte ich die Party vergessen? Eine „Nacht der Liebe“ hat der Schinkelpavillon den Abend genannt. Und das direkt am Kotti.

Sonst stehen vor dem Eingang zu der türkischen Disco im Brutalo-Vorbau vom Zentrum Kreuzberg immer schwarz verkleidete Schränke mit Vollbart. Heute dürfen wir ohne Gesichtskontrolle durch. Weiterlesen

Aus dem mythischen Dunkel

Von , am Dienstag, 7. Januar 2020, in Allgemein.

Die documenta wird größer, kritische Forscher sichern NS-Spuren. Die Weltkunstschau steht vor einem Umbruch. Ein Besuch in Kassel und einer Konferenz in Berlin
Ein nackter Jüngling aus Bronze steht auf einem weißen Sockel, die Hände flehend nach oben gerichtet. Neben der recht kleinen Statue hängt ein Ölbild in Blau-Gelb, ein Kraftfeld aus Dreiecken und Gittern. Wer dieser Tage die Neue Galerie in Kassel betritt, hat plötzlich das Gefühl, wie es damals tatsächlich ausgesehen haben könnte, 1955, auf der ersten documenta. Weiterlesen

Das Geheimnis des Lebens

Von , am Montag, 6. Januar 2020, in Genuss, Politik.

berliner szenen
“Kann doch wohl nicht wahr sein.“ Ich stehe mit Greta vor dem Ladenlokal auf der Bergmannstraße. Die Fenster sind verklebt, die Eingangstür ist halb geöffnet, drinnen wummert es. Wir sind verzweifelt. Unser Café hat mal wieder zugemacht. „Stand ja in der Zeitung, dass sie den Laden an diese norwegische Kette verkauft haben. War zu erwarten.“

Zugegeben. Im Grunde war es eine Hassliebe. Weiterlesen

Der überforderte Drucker

Von , am Samstag, 4. Januar 2020, in Genuss, Politik.

Caline Aouns Ausstellung „Seeing is Believing“ im Palais Populaire lotet die Aporien eines durchgedrehten Daten-Zeitalters aus. Die Schau ist ein Paradebeispiel für die Programmatik des Ausstellungshauses
Vier sanft plätschernde Brunnen, an der Wand eine Kaskade pastellfarbener Bilder. Stumm flimmert das Video eines Seebildes, vor einem violettfarbenen Relief verfallen Besucher in Trance wie vor einem Werk Mark Rothkos.

Wer dieser Tage den ersten Stock des Palais Populaire betritt, fühlt sich plötzlich Weiterlesen

Moralisch beschränkt

Von , am Freitag, 6. Dezember 2019, in Medien, Politik.

Das ZPS und seine Entschuldigung – Nicht zum ersten Mal soll beim Zentrum für Politische Schönheit der Zweck des Schockeffekts die trüben Mittel heiligen – Zeit, den Laden zu schließen.

“Armes Volk, selbst in den Gräbern stört man deine Ruhe!“ Alexander von Humboldt, Altmeister der künstlerischen Forschung, plagte sein Gewissen, als er aus der Höhle von Ataruipe, einer Begräbnisstätte des Stammes der Atures-Indianer, Knochen und Schädel mitgehen ließ. Ihm schwante schon, dass er da an einer moralischen Grenze operierte. Weiterlesen

Jenseits von Beuys

Von , am Mittwoch, 4. Dezember 2019, in Allgemein.

oder Nicht ohne ein Surplus
Karen van den Bergs kunsttheoretischer Sammelband „The Art of Direct Action“ macht hinter den vielen Formen neuer, politisch engagierter Kunst eine „soziale Wende“ in der Ästhetik aus

Vierundzwanzig graue Betonsäulen. Björn Höcke dürfte nicht schlecht gestaunt haben, als er im November 2017 vor sein Haus im thüringischen Bornhagen trat. Um gegen seinen Ausspruch, das Berliner Holocaust-Mahnmal sei ein „Denkmal der Schande“, zu protestieren, hatte das Berliner Zentrum für Politische Schönheit dem AfD-Politiker demonstrativ sein persönliches Erinnerungsmal vor die Tür gestellt. Weiterlesen

So schön symmetrisch!

Von , am Freitag, 1. November 2019, in Genuss.

Ästhetik vs. Wissenschaft? Naturphilosoph Olaf Müller und sein Buch „Zu schön, um falsch zu sein“

„Zu schön, um wahr zu sein“. Wem ist die Floskel nicht schon einmal über die Lippen gekommen, wenn etwas alle Erwartungen zu übersteigen scheint oder vollkommen unrealistisch ist. Die wahre Wirklichkeit, so der Subtext der bündigen Phrase, ist komplizierter und vertrackter, schon gar nicht elegant. Schönheit und Wissenschaft scheiden sich wie Feuer und Wasser. Weiterlesen

Mehr als tausend Worte?

Von , am Samstag, 26. Oktober 2019, in Medien, Politik.

Diskussion „Die Macht der Bilder“ – Es braucht eine neue Bildkompetenz – jenseits des bewusstlosen Postens und Sharens. Darum ging es bei einer Diskussion in Berlin.
Von den zerstörten Bildern der Pharaonin Hatschepsut 1500 vor unserer Zeitrechnung bis zu dem Video von der Hinrichtung Saddam Husseins: Bilder bargen immer eine politische (Spreng-)Kraft. Von einer Veranstaltung, die diese besondere Wirkung im digitalen Zeitalter zu erklären versucht, hätte man daher mehr als einen Grundkurs in Politischer Ikonologie erwarten können. Weiterlesen

Kunst, Ökologie und Imagetransfer

Von , am Samstag, 12. Oktober 2019, in Genuss, Politik.

Boykottaufruf: In Istanbul werfen Künstler- und Umweltinitiativen den Sponsoren der 16. Istanbul-Biennale vor, an der Umweltzerstörung zu verdienen, vor der die Biennale warnt

Das Skelett eines Büffels auf einem grauen Sockel aus Beton. Ozan Atalans Arbeit „Monochrome“ ist eine der wenigen Arbeiten der Anfang September eröffneten Istanbul-Biennale, die sich mit Umweltzerstörung in der Türkei konkret beschäftigt. Trotz Kriegs, es gibt in der Türkei auch zivilgesellschaftliche Auseinandersetzungen. Gerade der französische Kurator Nicolas Bourriaud wollte die von ihm verantwortete Biennale ganz dezidiert in den Kontext der globalen Umweltzerstörung stellen. Weiterlesen

Aufstand der Senioren

Von , am Freitag, 27. September 2019, in Politik.

Ganz ohne Tugenden geht es dann wohl doch nicht – Beim Jahresforum der SPD-Zeitschrift „Neue Gesellschaft“ kam es zum Schisma zwischen Parteibasis und intellektueller Elite

Der tendenzielle Fall der Profitrate. Erinnert sich noch jemand an die schöne Vokabel? In den achtziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts stützte die Linke ihre politische Zuversicht gern auf die These vom wissenschaftlich beweisbaren Untergang des Kapitalismus. Der ist zwar bis heute nicht eingetroffen. Der diskursive Joker stand aber immerhin für die Einsicht, dass der gesellschaftlichen Formation, die auf den Namen Kapitalismus hört, zuvörderst analytisch zu begegnen sei. Weiterlesen

Biennale in Istanbul – Das fünfte Element

Von , am Dienstag, 17. September 2019, in Genuss, Politik.

Das Kunstevent eröffnete in Istanbul unter dem Motto „The Seventh Continent“. Vielen Werken fehlt jedoch die Dringlichkeit.

Ein riesiger runder Schlammberg, in dem seltsame Reste auftauchen: Ein skelettierter Schädel, die Tonfigur eines schlafenden Menschen, Bruchstücke von Fundamenten. Claudia Martínez Garays Arbeit „The Creator“ wirkt wie eine verlassene Ausgrabungsstätte. Zu welcher untergegangenen Kultur könnten diese Fundstücke gehört haben?

Das Gefühl von Dystopie, des Endes aller Zivilisation war allgegenwärtig auf der 16. Istanbul Biennale, Weiterlesen

Neustart in Kurdistan

Von , am Mittwoch, 19. Juni 2019, in Genuss, Politik.

„Wer in Diyarbakır lebt, für den ist alles politisch“: Kurz vor der Wahlwiederholung in Istanbul streift unser Autor durch die kurdische Stadt und besucht Künstler_innen und Kurator_innen. Und begegnet einer Haltung zwischen Humor und Trotz

Eine Familie sitzt in einem mit Teppichen ausgelegten Wohnzimmer apathisch auf einem Diwan. Aus dem Fußboden vor ihnen öffnet sich ein kreisrunder Krater aus Steinen und Geröll. Heraus arbeitet sich ein Arbeiter mit einer Spitzhacke in der Hand. Alle starren ins Leere. Weiterlesen

Gott ist eigentlich schon lange tot

Von , am Montag, 3. Juni 2019, in Politik.

Buch über Philosophie und Populärkultur – Das Ringen des Menschen mit der Religion hat in der gesamten Kultur und im Alltag Spuren hinterlassen. Der Philosoph Ger Groot hat ihnen nachgespürt.

„Beam me up, Scotty“. Der Satz, den Enterprise-Commander James Kirk seinem Chefingenieur Montgomery Scott zuruft, um ihn von einem fremden Planeten zurück an Bord des Raumschiffs zu teleportieren, ist zu der Metapher für die US-amerikanische TV-Serie „Star Trek“ geworden. Und längst als Synonym für den Wunsch, sich aus einer unliebsamen Situation zu befreien, in die Alltagssprache diffundiert.

Die wenigsten dürften freilich realisieren, welchen Subtext der coole Spruch in sich bergen könnte. Weiterlesen

Talk mit Häppchen

Von , am Freitag, 17. Mai 2019, in Politik.

Katarina Barley beim SPD-Kulturforum – Die Spitzenkandidatin verbreitet bei der Veranstaltung Optimismus. Doch die SPD muss das soziale Europa wahr machen, um etwas zu ändern.
„Meine Herren, der Kampf in Paris ist nur ein kleines Vorpostengefecht, die Hauptsache in Europa steht uns noch bevor und ehe wenige Jahrzehnte vergehen, wird der Schlachtruf des Pariser Proletariats ‚Krieg den Palästen, Friede den Hütten, Tod der Not und dem Müßiggange!‘ der Schlachtruf des gesamten europäischen Proletariats werden.“

Als August Bebel am 25. Mai 1871 vor dem Deutschen Reichstag in Berlin seine Solidarität mit der Pariser Commune bekundete, fackelte Otto von Bismarck nicht lange. Weiterlesen

Die schwarzen Bilder von Athen

Von , am Donnerstag, 1. November 2018, in Genuss, Politik.

Die 6. Athen-Biennale – Was bleibt von der Documenta? Die 6. Athen-Biennale „Anti“ zeigt: die befürchtete Post-Documenta-Depression bleibt aus.

„Stehen bleiben. Sie sind verhaftet. Schalten Sie die Kameras aus.“ Die Athener Polizei fackelte vergangene Woche nicht lange. Kaum hatte das bizarre Schwarmwesen in schrillen Neonfarben und Teleskop-Hörnern die Absperrung vor der alten Römischen Agora im Schatten der Athener Akropolis durchbrochen, schritten die Ordnungshüter ein.

Mit Grenzüberschreitungen hat Johannes Paul Raether seine Erfahrung. Weiterlesen

Ein System aus Willkür und Unrecht

Von , am Mittwoch, 31. Oktober 2018, in Politik.

Seit über einem Jahr sitzt der Istanbuler Philantrop Osman Kavala in Haft. Aus Deutschland bekommt er viel Unterstützung.

„Es schmerzt, zu erkennen, dass ein Staat keinen Wert auf die Freiheit der eigenen Bürger legt.“ Kein Funken Verzweiflung lag in dem Satz, den Osman Kavala seinen Freunden Mitte Oktober aus dem Gefängnis schrieb. Stattdessen gab er sich so, wie man ihn kennt: mit klarer politischer Haltung, ohne übertriebenes Aufheben von seiner Person zu machen. Grund dazu hätte er: Seit über einem Jahr sitzt der Istanbuler Ex-Unternehmer nun in demselbem Gefängnis im Haft, in dem schon Deniz Yücel und Peter Steudtner einsaßen. Weiterlesen

Außen Toskana, innen Diskurs

Von , am Mittwoch, 24. Oktober 2018, in Genuss, Politik.

Die Villa Romana und die Deutsche Bank – Die Villa Romana in Florenz gilt als ein kritischer Kunst-Hotspot. Nun will die Deutsche Bank die Förderung einstellen.
“You are a good muslim.“ Lachend deutet Bassel al-Saadi auf die Beinkleider seines Gegenübers. Schwer zu sagen, ob Viron Erol Vert seine dunkelrote Pluderhose wirklich als Bekenntnis zum Osmanentum angelegt hat. Oder weil er einfach ein vollschlanker Mensch ist. „Na, eher schlechter Christ“, pariert der geistesgegenwärtig. Als Christ würde man dergleichen in der Türkei nicht tragen. Von dort stammt Vert nämlich.

Die morgendliche Frotzelei zwischen den beiden Künstlern auf der Terrasse der Villa Romana in Florenz – Syrer der eine, Deutscher mit türkisch-griechischen Wurzeln der andere Weiterlesen

Nicht ohne die anderen

Von , am Samstag, 18. August 2018, in Medien, Politik.

Sozialkritisches Buch „Anerkennung“ – Das Wort Selfie kommt in Axel Honneths neuestem Werk „Anerkennung“ nicht vor. Obwohl es nahe läge.

Ein lachendes Gesicht, eine Armeslänge entfernt von der eigenen Hand aufgenommen, meist ist das magische Viereck, das es bannt, noch im Bild. Bei der ikonischen Geste der Gegenwart schrillen gewöhnlich alle kulturpessimistischen Alarmglocken. Doch nur um Narzissmus geht es dabei nicht. Ohne die Hoffnung auf Anerkennung durch ein Gegenüber würde diese fröhliche Verrenkung keinen Sinn machen. Das Wort Selfie kommt in Axel Honneths neuestem Werk nicht vor. Obwohl es nahe läge. Weiterlesen