Beueler Extradienst

Meldungen & Meinungen aus Beuel und der Welt

Schlagwort: Berlusconi

Wie ist SolidaritÀt noch möglich? (Politisches Prekariat XV)

Vor wenigen Wochen strahlte Arte eine Sendefolge ĂŒber den römischen Kaiser Nero aus. Nach dem Stand der Forschung war er nicht der irre Tyrann, als der sich uns, vermittelt ĂŒber Hollywood-Produktionen, eingeprĂ€gt hat. Sondern ein – gar nicht so doofes, etwas genussverliebtes – Kind des damaligen Systems. In diesem System gehörte es zum Alltag der Herrschaftssicherung, die nĂ€chststehenden Familienmitglieder frĂŒher oder spĂ€ter umzubringen, damit sie dem Herrscher nicht gefĂ€hrlich werden können. Die Stadtheilige Kölns, Agrippina, hatte diesen Nero als Sohn geboren und als Schwester, Gattin und Mutter drei Kaiserlegislaturperioden ĂŒberlebend durchgehalten. Daher die kölsche Philosophien “et es noch immer jootjejange” und “et kĂŒtt wie et kĂŒtt”.

Diese Tradition, in den Nahestehenden den gefĂ€hrlichsten Feind zu erkennen, hat sich bis heute erhalten. Ihre Richtigkeit wird durch die Kriminalstatistik gedeckt: die meisten Mörder*innen, SchlĂ€ger und Vergewaltiger sind Verwandte; der gefĂ€hrlichste Ort ist nicht der dunkle Park, sondern die eigene Wohnung (auch bei UnfĂ€llen). Daran gemessen geht es in der Politik doch noch recht sanft zu (wenn die gefĂŒhrten Kriege nicht wĂ€ren).Weiterlesen…

Sturm ĂŒber Bonn / ARD-Geld fĂŒr Ösi-MilliardĂ€r?

Der Soziologe Stefan Selke, er lehrt in Baden-WĂŒrttemberg, hat aber einige Jahre hier in Bonn studiert, beschreibt die fragile zivilisatorische Firnis wĂ€hrend des Sturms Friederike in der abgelaufenen Woche in Bonn bei telepolis. Ich war an diesem Tag auch in Bonn, nicht am Hauptbahnhof, aber bewegte mich im ÖPNV ĂŒber die KennedybrĂŒcke, und hatte eher gegenteilige, angenehme Erlebnisse. Vielleicht lags auch einfach an dem guten Mittagessen im Pastis.
Im Alltag, also gerade nicht in Krisen-Ausnahmesituationen, mache ich jedoch Ă€hnliche Beobachtungen wie er. Als Kunde und Gastronomiegast merke ich seit langem, dass ich mit normal-höflichem Verhalten schnell von den Dienstleister*inne*n im Service ins Herz geschlossen werde – weil es so selten ist.Weiterlesen…

Linke Zellteilungen – von Europa bis Bonn (Politisches Prekariat XIV)

Viel Gedankenreichtum und Energie wurde bereits in die ErklĂ€rung weltweiter rechter VormĂ€rsche investiert. Die Bibliotheken sind vollgeschrieben. Eine gedankliche Abzweigung bleibt im allgemein verbreiteten Besserwissertum merklich unterbelichtet: die suizidale Neigung der gesellschaftlichen Linken (fast) aller LĂ€nder, sich nicht zu Kompromissen und gemeinsamen Strategien zu vereinigen, sondern immer weiter zu teilen. GemĂ€ss der verbreiteten Neigung von Politiker*inne*n: wenn ich keine Verantwortung ĂŒbernehmen muss, bin ich auch nichts schuld, habe es aber immer “gleich gewusst, aber auf mich hörte ja keiner”. Sie werden so zu getreuen AusfĂŒhrenden des angeblich von ihnen bekĂ€mpften Neoliberalismus, indem sie seinen Segregations- und Individualisierungsdruck in ihren eigenen BetĂ€tigungsfeldern auf die Spitze treiben.

Zellteilung in Europa

Ist das besonders deutsch? Leider nicht.
In Spanien regiert eine gerichtsverwertbar semikriminelle Vereinigung namens “Volkspartei” (PP) das Land, fĂ€hrt es mit ihrer Katalonien-Politik, wo sie selbst nur 4% erreicht, mutwillig gegen die Wand. Die EU schaut zu – und die spanische Linke auch.
In Frankreich war das Potenzial vorhanden, die rechtsradikale Le Pen schon aus der Stichwahl rauszukicken.Weiterlesen…

Berlusconi, Celentano, das Wetter, Öl, Gas und Frankreichs Linke

Italien wĂ€hlt dieses Jahr ein Parlament. Es wird furchtbar. Frederica Matteoni bereitet uns in der Jungle World darauf vor. Sie stellt, unter Verweis auf die italienische Feministin Ida Dominijanni, einen interessanten Bezug zu der aktuellen Sexismusdebatte her, und erschliesst uns so besser das RĂ€tsel, warum so viele Italiener auf Silvio Berlusconi immer noch hereinfallen. Ein Mann, der so wenig wie Trump, weder Muslim noch nordafrikanischer Araber ist. Hier ein Ă€lterer (2011) ĂŒbersetzter Text von Dominijanni ĂŒber Berlusconi.

Andreas Rossmann wĂŒrdigt derweil den 80. Geburtstag eines bei uns entschieden beliebteren italienischen Mannes: Adriano Celentano. Er versucht aus dessen Biografie, Rossmann ist ein höflicher Mensch, sogar berlusconikritische Funken zu schlagen. Der von Rossmann erwĂ€hnte Sender Canale Cinque, in dem der Geburtstag abgefeiert wird, das vergass der Kollege hinzuzufĂŒgen, ist allerdings ein Berlusconi-Sender. Da siegt “Azurros” Eitelkeit dann doch ĂŒbers kritische Bewusstsein. Hoffen wir zu seinen Gunsten, dass es so Ă€hnlich wie bei Hazel Brugger ist.

Wolfgang Pomrehn hĂ€lt uns, die gemĂŒtliche Ausruhzeit endet, gedanklich auf Trab. Das Wetter, was hat es zu bedeuten? Unser Öl und Gas – um Northstream 2 tobt ein EU- und Bundesregierungs-interner BĂŒrgerkrieg – kann auch nach Osten fliessen. Russland ist egal, wer bezahlt, es braucht das Geld.

Wer versteht hierzulande noch Oskar Lafontaine? Er gibt sich alle MĂŒhe, auf der Zielgeraden seines Lebens als unverstandenes Genie zu laufen. Sein Genosse Jan-Luc Melenchon, bei Wahlen ungleich erfolgreicher, scheint so eine Art Vorbild fĂŒr ihn zu sein. Bernhard Schmid versucht auf Telepolis eine differenzierte Analyse.

Espana Corrupta / Xavi & Pirlo

Wird Spanien von einer kriminellen Vereinigung regiert? Die offiziellen Ermittler vermeiden diese Begrifflichkeit, noch; Journalist*innen dagegen nicht mehr. Das geht aus diesem DLF-Bericht hervor. FĂ€lschlicherweise suggeriert er, dass dieses Thema und die Katalonien-Frage zwei verschiedene Themen sind. Das sind sie nicht. Im Gegenteil ist es genau das, was die Katalan*inn*en gegen die spanische Zentralregierung mobilisiert. Und sie sind es, die fĂŒr Europa eintreten und von der EU im Stich gelassen werden. Die damit zeigt, wie schwach sie ist.

Christian Eichler weist heute auf das Karriereende der aus meiner Sicht grössten Fussballer unserer Zeit hin: Xavi Hernandez und Andrea Pirlo. An Charakter- und Ich-StĂ€rke nehmen sie es spielend mit den Steuerhinterziehern Lionel Messi und Cristiano Ronaldo auf,Weiterlesen…

The winner: Ancelotti & China

Die Ignoranz des Medienrudels ist oft zum verzweifeln. Ich hatte das hier schon zu Saudi-Arabien/Jemen hervorgehoben: es ist unfassbar, dass, was fĂŒr Unsereinen eine fĂŒnfminĂŒtige Recherche-“Arbeit” ist, bei der Mehrzahl der professionalisierten Mediendinestleister schon eine Überforderung ist. Im gescheiterten “realen Sozialismus” gab es mal die Fantasie von der “allseitig gebildeten Persönlichkeit”. Sie scheint im heutigen Kapitalismus definitiv nicht möglich zu sein. Ein bisschen mehr Lesen und Lernen, das wĂ€re schon viel.

Noch schlimmer als im Politikjournalismus sieht es beim Sport aus. Das einzige sportjournalistische Produkt des deutschen Fernsehens und seiner hunderten Programme, die WDR-Produktion “Sport inside“, beendet – sage und schreibe am 1. Oktober – seine “Sommerpause”.
In der abgelaufenen Woche wurde uns vorgespielt, dass der arme Trainer Ancelotti wegen angeblicher Erfolglosigkeit seinen gut bezahlten Arbeitsplatz loswurde. Wie lĂ€cherlich ist das denn? Nur einer, Gladbach-Fan Christian Eichler bei der FAZ, scheint es verstanden zu haben.Weiterlesen…

Der Wille zum Feind (Politische Sprache III)

von Reinhard Olschanski

Über populistische Rhetorik
Einleitung

Der Populismus bespielt die große BĂŒhne. Kaum ein westliches Land ohne erbitterten Kulturkampf – fĂŒr das Abendland und gegen den Islam, gegen FlĂŒchtlinge, Migranten oder „korrupte” Eliten. Mit der Wahl von Donald Trump zum US-PrĂ€sidenten wurde der Populismus zum Faktor der Weltpolitik. Eine Hassrhetorik, die alle AnsprĂŒche an MĂ€ĂŸigung und VerstĂ€ndigung mit FĂŒĂŸen trat, hat ihn ins Amt gefĂŒhrt. Auch in den großen europĂ€ischen LĂ€ndern ist der Populismus ein Faktor. Der vom britischen Populismus angestoßene Brexit stellt eine historische Weichenstellung dar. In Frankreich ist der Front National ein politisches Schwergewicht. In Italien hatte der Populismus mit Berlusconi und seinen BĂŒndnispartnern bereits eine große Stunde. Und auch die Bundesrepublik ist lĂ€ngst keine Insel der Seligen mehr, die sich ihrer „rechtspopulistischen LĂŒcke” erfreuen kann. In Österreich scheiterte der FPÖ-Kandidat knapp bei der PrĂ€sidentenwahl und in EU-Staaten wie Ungarn, Polen oder der Slowakei schwĂ€cht ein Populismus an der Macht die Gewalten-teilung und das demokratische InstitutionengefĂŒge. Vor dem Hintergrund dieses beĂ€ngstigenden Tableaus könnte man fragen, was eigentlich ĂŒbrig bleibt von jenem liberalen, weltoffenen, auf Demokratie und Menschenrechte setzenden Westen, der, bei all seinen WidersprĂŒchen und Problemen, doch lange ein hochattraktives Modell war. Können die Gesellschaften des Westens dem neuen Ansturm des Illiberalen, Völkischen und Nationalen standhalten? Oder ist das alles nur – wie einige immer noch meinen – halb so schlimm? Ein Sturm im Wasserglas?

Der vorliegende Band kann keine abschließenden Antworten auf die vielen neuen und verwirrenden Fragen geben. Es gibt wohl niemanden, der das gegenwĂ€rtig kann. Doch möglich und dringend nötig ist es, an einigen zentralen Stellen gezielt nachzufragen. Und zwar nicht nur mit Blick auf politische, ökonomische, soziale oder kulturelle Bedingungen, die zum Aufstieg des Populismus beigetragen haben, sondern auch hinsichtlich des Stils seiner Verlautbarungen. Denn er scheint ja in besonderem Maße ein „rhetorischer” Politikstil zu sein. Hier, auf dem Feld des Rhetorischen, ist er „ganz bei sich”, in seiner guten oder auch weniger guten Stube, in der seine WortfĂŒhrer einen sehr speziellen Austausch mit ihrem Publikum suchen.Weiterlesen…

Geiseln von Profit und Terrorkampf

Beim Dortmunder Anschlag vom vergangenen Dienstag wurden die Spieler der Borussia, Menschen die sonst stĂ€ndig unter Beobachtung der Öffentlichkeit stehen, zu ganz gewöhnlichen Opfern eines Terroranschlags mit allen damit verbundenen Folgen. Schon von WohnungseinbrĂŒchen wissen wir, dass die Opfer oft monatelang traumatisiert sind. Bei Terrorangriffen lösen Explosionsknall, Ausnahmesituation und die Erkenntnis ĂŒber die Folgen – auch nicht eingetretene – bei den unmittelbar Betroffenen wie auch bei Zeugen ein Trauma aus. Deshalb werden die Opfer nachhaltig psychologisch betreut, um ihnen zu ermöglichen, das Ereignis zu verkraften. Werden solche Erlebnisse verdrĂ€ngt, kann es zu langfristigen psychischen Irritationen oder Störungen kommen. Schlaflosigkeit, AlptrĂ€ume, einem Burn-Out Ă€hnliche Symptome und letztich ArbeitsunfĂ€higkeit sind möglich. Wichtig sind GesprĂ€che, gemeinsame Aufarbeitung, psychologischer Rat in einem geschĂŒtzten Raum ohne Druck. Ohne Druck bedeutet auch, selbst entscheiden zu können, wann man an den Ort des erlittenen Anschlags zurĂŒckkehren möchte. Auch seelsorgerische Betreuung kann fĂŒr manche Betroffenen eine wichtige Hilfe sein. FĂŒr nichts davon wurde den Spielern von Borussia Dortmund genĂŒgend Zeit gelassen.

Berichte von Spielern, dass ihnen erst bei der Heimkehr zu ihrer Familie klar wurde,Weiterlesen…

New York – Berlin: was ist das Trump?

von Michael Kleff und Volker Perthes

Ausgelöst durch ein Deutschlandfunk-Interview von SWP-Direktor Volker Perthes, dessen verkĂŒrzte Zusammenfassung durch den Sender (nicht mehr im Netzangebot) der Musikjournalist Michael Kleff als Verharmlosung ansah, entwickelte sich zwischen beiden eine E-Mail-Kontroverse, die sie mir freundlicherweise erlaubt haben zu dokumentieren. Wir alle drei haben unsere politische Jugend in den 70er und 80er Jahren in den Jungdemokraten verbracht. Martin Böttger

Lieber Volker,
ich nehme an, Du verfolgst die Entwicklung in den USA. Trump ist vier Tage im Amt und hat schon ordentlich Hand angelegt bei der Zerstörung der noch vorhandenen demokratischen Strukturen im Land. Edogan und Putin lassen grĂŒĂŸen. Europa und die Deutschen schweigen.
Beste GrĂŒĂŸe
Michael

Lieber Michael,
mir scheint, die Deutschen und andere EuropĂ€er wissen einfach noch nicht, wie sie aus Trump „Sinn machen“ sollen. Unterschiedlichste Theorien kursieren:Weiterlesen…

Sacchi dement?

Arrigo Sacchi, einer der grĂ¶ĂŸten Fußballtrainer ever, gibt leider gerade ziemlich den Löffel ab. Über ihn wird berichtet, er sehe in italienischen Jugendmannschaften “zuviele Schwarze” und das schade der “italienischen IdentitĂ€t” im Fußball. Egal wie glaubwĂŒrdig Sacchi sich danach korrigierte und dementierte, so gibt er doch eine in Italien verbreitete Weltsicht wieder, die durchaus aussagekrĂ€ftig fĂŒr die Krise der dortigen Gesellschaft ist. Mit der Wirklichkeit im Fußball hat dieses Gestammel dagegen nichts zu tun.

Ausgerechnet Sacchi. In seiner TrainerschaftWeiterlesen…

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