Thema: Kulturrevolution

Aktualisierung emanzipatorischer Strategien

Von , am Sonntag, 12. Januar 2020, in Beuel & Umland, Lesebefehle, Politik.

An diesem Wochenende erhielt ich von Extradienst-Gastautor Dieter Bott ein schönes Neujahrsgeschenk. Er schickte mir einen Text, leider in hektographierter Form, zu lang zum Abschreiben, von 1999. Rot-Grün hatte ein Jahr zuvor die Bundesregierung gegen den ewigen Kanzler Helmut Kohl erobert, und war sogleich gegen die serbischen Reste Jugoslawiens in den Krieg gezogen. Bott besuchte damals einen Jubiläumskongress des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, der angeführt von Ex-Chef Jürgen Habermas, sich böse verrenkte bei seinen Rechtfertigungsversuchen für die so junge, hoffnungsvolle neue Regierung. Dieter dagegen war enttäuscht und verbittert, und verteidigte in seinem heute noch lesenswerter gewordenen Text seinen Lehrer Weiterlesen

Warum klappts nicht mit der Demokratie? / Kindermissbrauch

Von , am Mittwoch, 21. März 2018, in Lesebefehle, Medien, Politik.

Viele der Älteren meinen heute, die Leute um sie herum würden immer bekloppter. In früheren Jahrhunderten waren sie – im Durchschnitt – längst tot. Die, die es in überdurchschnittliches Alter schafften, dachten das – im Durchschnitt – schon immer. Dennoch können wir – auch für Jüngere verständlich – festhalten, dass sich Intensität und Tempo des menschlichen Lebens technikbedingt fortgesetzt beschleunigt. Und auch frühere Menschheitsgenerationen in früheren Jahrhunderten benötigten die eine oder andere Generation Zeit, um die Nutzung neuer Techniken zu erlernen und kulturell zu beherrschen (statt umgekehrt). Weiterlesen

Queerness und Homophobie – verschiedene Wege der Befreiung

Von , am Montag, 8. Januar 2018, in Politik.

von Ingo Arend
Hat queerer Aktivismus dazu beigetragen, weltweit einen homophoben Gegenschlag zu erleichtern? Das ergründen zwei Politologen in „Queer Wars“.

„Schöne schwule Welt“. Der Aufschrei war groß, als der Autor Werner Hinzpeter 1997 gegen das „Bild vom leidenden Schwulen“ zu Felde zog. Die „schwule Freizeitgesellschaft“, beschied der selbst schwule Publizist die Funktionäre des „Jammer-Schlussverkaufs“, habe längst den politischen Aktivismus abgelöst. „Es scheint, als würde die Zeit, in der die sexuelle Identität die Gesellschaft spaltet, sich als eine vorübergehende Phase erweisen“, fasste er sein „Plädoyer für schwulenpolitische Sesselfurzer“ zusammen.

Zwanzig Jahre später könnte Hinzpeters These kaum abwegiger erscheinen. Seine These, dass heute „andere Dinge wichtiger sind als schwule Emanzipation“, würde er wahrscheinlich nicht noch einmal wiederholen. Nicht nur in Hinzpeters vermeintlichem Schwulenparadies Deutschland grassiert längst wieder massive, keineswegs nur rhetorische Homophobie. Die Kämpfe um sexuelle Identität toben so erbittert wie nie – inzwischen weltweit.

Bis zur „Verschwulung der Welt“, die der Schriftsteller Hubert Fichte einst erträumte, dürfte es also noch ein weiter Weg werden. Eine hinreißende LGTB-Schwalbe wie Conchita Wurst macht global gesehen eben noch keinen queeren Sommer. „Wir sind nicht aufzuhalten“, verkündete das Mädchen mit Bart nach dem Sieg beim Eurovision Song Contest 2014 überwältigt.

Doch noch immer sind, so zählen die australischen Wissenschaftler Dennis Altmann und Jonathan Symons in ihrem Buch „Queer Wars“ auf, homosexuelle Handlungen in 78 Ländern der Welt strafbar Weiterlesen

Der chinesische Stamokap kommt auch über uns

Von , am Freitag, 29. Dezember 2017, in Medien, Politik.

Katika Kühnreich ist der Burner bei CCC-Kongress in Leipzig, zu Recht. Sie präsentierte die Zwischenergebnisse ihrer Doktorarbeit unter dem Titel “Gamified Control” (Übersetzungsversuch: spielerische/verspielte Kontrolle). 349 Suchmaschinentreffer, die ersten Seiten in zahlreichen Sprachen vom CCC. Hier der SZ-Bericht, hier ihr Interview für Spiegel-online. Warum dieses Aufsehen? In erster Linie weil SZ-Autor Jannis Brühl und Sp-on Interviewerin Angela Gruber völlig falsch in ihrem Glauben liegen, bei uns sei oder werde es schon nicht so schlimm.

Was sich hier in China bereits abzeichnet, ist die mustergültige Ausführung dessen, was Marxist*inn*en früherer Jahrzehnte als staatsmonopolistischen Kapitalismus bezeichneten. Was den chinesischen vorteilhaft vom europäischen unterscheidet ist, dass er durch zentralstaatliche makroökonomische Steuerung – bisher – das Platzen von Blasen und millionenfache Verelendung vermeiden konnte, sondern nach der Überwindung des Traumas der Kulturrevolution (als Trauma vergleichbar mit Europas Verwüstung durch den deutschen Faschismus) eine überraschend stabiles ökonomisches und technologisches Wachstum realisieren konnte.
Nun schickt sich China an, die USA als führende ökonomische Weltmacht zu überholen. Die USA rüsten sich zu Tode, wie sie einst die UdSSR dazu provoziert haben. Die chinesische Führung scheint diese Lektion gelernt zu haben. China erobert die Märkte in Lateinamerika und Afrika scheinbar widerstandslos, Weiterlesen

FAS: Die Wissenschaft vom Scheissen

Von , am Dienstag, 14. März 2017, in Fußball, Lesebefehle.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung wird oftmals als liberales Kind der konservativen Mutter FAZ gesehen. Das ist in wichtigen Ressortteilen falsch. Die strategischen Köpfe des FAZ-Hauptstadtbüros Bannas und Sattar, beide weit entfernt von verblendenden Ideologien, publizieren online nur selten, in der FAS aber überhaupt nicht. Das entwertet ihren vorderen Teil, den kann man sonntags direkt weglegen.

Weiter hinten ist es dagegen sporadisch interessant. So erfahre ich, dass meine Geburtsstadt Gelsenkirchen neben S04 noch ein weiteres Alleinstellungsmerkmal hat: einen Lehrstuhl über die Wissenschaft vom Scheissen. Wie immer hat China auch zu dieser Wissenschaft Wichtiges beizutragen, als späte Lehre der “zehn chaotischen Jahre”, bei uns besser bekannt unter der Bezeichnung “Kulturrevolution”.

Relevant in der FAS ausserdem ein Lagebericht über den Spielerberatermarkt im deutschen Fussball, ein bisschen doll durchsetzt mit Marketing- und Rechtfertigungssprech der Branche selbst, aber auch mit harten ökonomischen Fakten.

Und bevor wir die FAS online wieder weglegen: die hochverehrte Senta Berger, die immer Interessantes zu sagen hat, im autobiografischen Interview.

Kölner Hupke muss Bürgermeister von Peking werden

Von , am Mittwoch, 23. September 2015, in Beuel & Umland.

Für den Weltfrieden und die Außenhandelsblanz darf uns kein Opfer zu groß sein. Jetzt ist die rheinische Konfliktlösungkompetenz des Exportvizeweltmeisters beim Weltmeister gefragt. Andreas Hupke, grüner Bezirksbürgermeister in Köln und dort seit Jahren in der Konfliktmoderation am Brüsseler Platz engagiert, ist jetzt für höhere Aufgaben gefordert.
In chinesischen Großstädten, erheblich – man glaubt es kaum – größer als Köln, gibt es ähnliche Probleme. Die Jugendlichen der chinesischen Kulturrevolution terrorisieren mit ihren sozialen Aktivitäten die ruhebedürftigen, produktiven und für die Exportweltmeisterschaft schuftenden jüngeren Bevölkerungsmassen. Sozialismus und Kapitalismus stossen hier mit der ganzen Unbarmherzigkeit ihrer Widersprüche aufeinander.
Wie kann man hier zu einem Interessenausgleich kommen, der den Weltfrieden nicht gefährdet sondern erhält? Da muss Hupke ran. Der Brüsseler Platz ist zu klein für ihn.