In den 70er Jahren war es eine revolutionäre Tat meiner Schülervertretung, für unsere damalige selbstverwaltete Schülerbibliothek die Deutsche Volkszeitung zu abonnieren und auszulegen, die westdeutsche Vorläuferin des späteren Freitag. Wenn uns damals jemand vorausgesagt hätte, diese Zeitung werde dereinst vom entwicklungspolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Jürgen Todenhöfer (damaliger Jargon: “Hodentöter”) herausgegeben, wir hätten ihn sehr für seinen Geisteszustand bedauert. Nunja, der damalige Volksverhetzer Heiner Geißler ist ja auch attac-Mitglied geworden. Und der damalige Kämpfer gegen “Sekundärtugenden” mit denen man ein KZ betreiben könne, hat später geholfen, das Grundrecht auf Asyl zu schlachten. Und frühere Apo-Aktivisten kämpfen heute gegen Russland. Die Zeiten ändern sich, wir wissen und erfahren immer mehr; und das ist sehr unübersichtlich und in Schubladen nicht zu sortieren.

In den Nuller-Jahren habe ich die damaligen Freitag-Verleger*innen beraten, wie sie ihren damaligen Herausgeber*innen*kreis aktualisieren könnten, einige sehr wertvolle, Günter Gaus und Wolfgang Ullmann waren verstorben. Ihr größeres Problem, das ich selbstverständlich nicht lösen konnte, war, dass sie seit Jahren Altschulden mitschleppten, die sie absolut nicht begleichen konnten. Dem Freitag gings da wie Griechenland, oder, privat für die damals 6 Verleger*innen, noch schlimmer: wie Italien. Ich brachte sie aber auf eine Idee: Rudolf Augstein war auch gestorben. Seine Erben verloren durch sein Testament 1 Prozent ihrer Spiegelanteile und damit die 25%-Sperrminorität für strategische Entscheidungen. Mit anderen Worten: sie waren immer noch steinreich, aber entmachtet.
Franziska Augstein, damals schon SZ-Redakteurin, könne verlegerischen Abenteuern sicher nichts abgewinnen, aber ihr Bruder Jakob, beim Spiegel als Sprecher der Erbengemeinschaft auftretend, sei vielleicht eine spielerischere Natur. Das konnte man ahnen, wenn man nur ihre Texte intensiv las. Und so geschah es. Jakob Augstein kaufte den Freitag; die alten Verleger*innen hatten ihren Ruhestand gerettet.

Augstein hatte vernünftige Vorstellungen den Freitag zu modernisieren. Er hatte allerdings wohl illusorische Vorstellungen mit der verkauften Auflage zu expandieren. Marketingoffensiven und TV-Auftritte sind gut für die öffentliche Wahrnehmung, insbesondere in der selbstreferentiellen Branche, aber damit ist kein Verlegergeld zu verdienen. Ich glaube (und hoffe) nicht, dass der Mann mit dem Freitag verarmt, aber Geld verliert er auf jeden Fall.

Vielleicht hat er sich auch schon realistisch damit abgefunden, desillusioniert und sicher auch ein bisschen enttäuscht. Durch die Schmeicheleinheiten, die mann in seinem Business als attraktiver reicher Mann einsammelt, wird mann sicher auch eitler, selbstbewusster und eventuell neigt man auch zu beginnender Selbstüberschätzung, was die eigenen Welterklärungsfähigkeiten betrifft. So ist Augstein bisweilen mit Redakteur*inn*en umgegangen, und davon könnte die Wahl auf Todenhöfer als Herausgeber eine trotzige Folgerung sein.

Ob das eine gute Wahl für einen kreativen und funktionierenden Redaktionsbetrieb ist, würde ich zu bezweifeln wagen. Todenhöfer ist kein armer Mann, er wird von Burda komfortabel abgefunden worden sein, hat sicher viel mit seinen politischen Abenteuern ausgegeben. Vielleicht ist noch was über, zum Teilen des verlegerischen Risikos.

Nur mal zum Vergleich: die großen Medienräder werden wie immer (noch) in den USA gedreht. Da ist ein Böötchen wie der Freitag immer in Lebensgefahr.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net