Als sich NATO und Warschauer Pakt bis an die Zähne hochgerüstet in Mitteleuropa gegenüber standen, kam die gegenseitige Sicherheit durch eine Vielzahl von Faktoren zustande, deren Kernelement gegenseitige Berechenbarkeit war. In der Kuba-Krise 1962 setzte John F. Kennedy die Wiederherstellung einer solchen Berechenbarkeit durch, indem er den Abzug der sowjetischen Mittelstreckenraketen von Kuba gegen den geheimgehaltenen und klammheimlichen Rückzug ähnlicher Mittelstreckenraketen aus der Türkei mit Nikita Chruschtschow aushandelte und damit Vertrauen schuf.

 

Die Welt, die 1962 kurz vor einem Atomkrieg stand, atmete auf, weil von da an wieder 20 Minuten Zeit waren, ausreichend um das “rote Telefon” zwischen Moskau und Washington zu benutzen, um eine versehentlich ausgelöste Apokalypse zu vermeiden. Die Friedensbewegung, Grüne und viele andere waren 1983 gegen die “Nachrüstung” mit Pershing II, weil diese Waffen die beiderseitige Vorwarnzeit wieder auf 2 Minuten – diesmal in Europa – verkürzt hätten. Wie nahe die Welt trotzdem an der Vernichtung war, wissen wir heute, weil inzwischen bekannt wurde, dass 1983 ein Computerfehler den Sowjets einen Raketenangriff der USA vorgaukelte und nur der mutigen Entscheidung eines Oberstleutnants, der überzeugt war, dass die USA niemals nur mit 1 oder 2 Raketen einen Erstschlag ausführen würden, den massiven Gegenschlag der Sowjetraketen stoppte. Dass er dafür von seiner Regierung degradiert wurde, ist tragische Ironie der Geschichte.

 

Das Gleichgewicht des Schreckens basierte auf Fakten, auf Spionage, die der beiderseitigen Sicherheit diente, auf Misstrauen, aber eben nicht unwesentlich auch auf Berechenbarkeit der Handelnden. Diese Rationalität – egal ob US-Generäle oder Generäle der Sowjetunion hat wahrscheinlich den Planeten und uns allen bisher das Leben gerettet. Immer noch gibt es – trotz massiver Abrüstung in den 90er Jahren – eine huntertfache Overkill-Kapazität der Atommächte. Seit etwa sieben Jahren tritt ein nuklearpolitischer Hasardeur und Provokateur namens Kim Jong Un auf den Plan und nervt den Westen und inzwischen selbst seine letzte Schutzmacht China mit ständigen Meldungen über seine Aufrüstung. In den letzten drei Jahren haben sich die Berichte über seine Aktivitäten ständig dramatisiert, seine Gefährlichkeit wurde von Donald Trump, dem Japanischen Premier Abe beschworen, der Weltsicherheitsrat tagt inzwischen das dritte mal in diesem Jahr und Sigmar Gabriel hat nach dem letzten Raketenversuch den Nordkoreanischen Botschafter einbestellt. Donald Trump hat schon wieder weitere “Strafmaßnahmen” gegen Nordkorea angekündigt, will, dass Botschafter abgezogen werden.

 

Stehen wir wirklich an der Schwelle zu einer nuklearen Aggression? Das fragte vorgestern der Deutschlandfunk einen Physikprofessor der Universität München, der sich seit 40 Jahren mit Raketentechnik beschäftigt und der Mann klärte bemerkenswertes auf.

Erstens: Nordkorea hat in den letzten drei Jahren vielfältigste Raketentypen gezündet, ohne dass es irgendeine erkennbare industrielle Rakentenentwicklung in Nordkorea gibt. Das heisst im Klartext, dass sie völlig unterschiedliche Raketen gezündet haben,die sie niemals selbst entwickelt haben können.

Zweitens: Die offensichtiche Vielfalt dieser Raketen bedeutet, dass es sich ausnahmslos um importierte Einzelstücke – vermutlich aus dem Raum der ehemaligen Sowjetunion – handeln kann. Würde man so viele unterschiedliche Typen entwickelt haben, setze dies eine massive Raketenindustrie voraus, über die nicht einmal die Europäische Union verfügt, die keinem Spionagesatelliten verborgen bliebe, für die es keinerlei Anhaltspunkte gibt, die auch ökonomisch völlig außerhalb der Möglichkeiten von Nordkorea liegt.

Drittens: Wollte Nordkorea wirklich eine ernstzunehmende Rakete entwickelt haben, würde dies bedeuten, dass für denselben Raketentyp um die hundert oder mehr Versuche gemacht, ihre Reichweite geprüft, die Zieleinrichtungen und die in die Atmosphäre wieder eintauchenden Sprengköpfe oder – Hüllen erprobt werden müssten. Dafür dürfte Nordkorea nicht nur Raketen in die Höhe schiessen, sondern müsste auch die ausgebrannten Stufen weit entfernt aus dem Meer fischen und untersuchen. Da es dies alles nicht gibt, müssen sich weder Europa, noch die USA, so der Raketenspezialist, in diesem Stadium irgendwelche ernsthaften Sorgen machen. Un’s Behauptung, er könne nun die USA mit Atomwaffen erreichen, sei ausgemachter Blödsinn.

 

Das ist schon harter Tobak. Gelingt es also einem sektiererischen Spinner und Diktator, die USA, die UN und China zu provozieren und die Weltöffentlichkeit in Furcht und Schrecken zu versetzen? Der Münchner Professor riet im Übrigen, den Herrn in Pjöngjang einfach machen zu lassen, alles zwar weiter wissenschaftlich zu beobachten, ihn aber politisch nicht weiter zu beachten. Da stellt sich schon die Frage, ob die USA keine Raketenwissenschaftler haben, die zum gleichen Ergebnis kommen. Schließlich ist diese Nation mal zum Mond geflogen – wenn auch mit Hilfe NS-belasteter deutscher Experten. Soll es vielleicht der Öffentlichkeit möglichst bedrohlich erscheinen, was das Diktatörchen dort veranstaltet? Suchen die USA einen Anlass, um nun doch irgendwann mittels welcher auch immer gearteten Präventivmaßnahmen gegen den Möchtergern- Atomkrieger vorzugehen? Wäre es nicht besser, ihn dann entweder zu ignorieren oder einfach mal mit ihm zu verhandeln? Die Antwort ist unklar. Klar ist nur, dass Rationalität und Faktenbasiertheit der Politik , die einst im “Kalten Krieg” kühle Köpfe und letztendlich den Frieden bewahrte, heute so nicht mehr existiert. Und das ist eine durchaus bedrohliche Erkenntnis aus der Nordkorea-Krise. Denn wenn Donald Trump rote Knöpfe drückt, könnten nicht nur die Südkoreaner mit zu Opfern werden, sondern auch China seine Interessen bedroht sehen. Mit Ratio hätte das alles dann ganz schnell nichts mehr zu tun.

 

Viel schlimmer aber ist, dass sich an ganz anderer Stelle in Nahost aufgrund des Rückzuges der US-Politik unter Trump dort eine neue nukleare Gefahr zusammenbraut, die heute noch unter dem Deckel hält, aber mittelfristig zum Problem für Europa wird. Bisher hat in der Region nur Israel Atomwaffen und diese nicht einmal offiziell. Aber seit dem Auftritt Trumps in Saudi-Arabien und der danach folgenden Aktivitäten des saudischen Prinzen Mohammed bin Salman zur innenpolitischen Beseitigung von Gegnern und außenpolitischen Übergriffe gegen Katar, im Jemen und in Somalia ist zu ahnen, dass Saudi-Arabien der nächste Staat des nahen Osten sein wird, der nach Atomwaffen strebt. Dass eine Reaktion des Iran, der bisher durch das Atomverzichtsabkommen, das Trump nicht mehr verlängern möchte, reagieren wird, ist so klar, wie Morgenröte auf die Nacht folgt. Wenn die EU eine solche Destabilisierung quasi vor der Haustür vermeiden möchte, wird es Zeit, dass sie im Dialog mit Russland unter Einbeziehung aller Akteure für eine nachhaltige Friedensordnung verhandelt. Dass diese auch dem Wohlstand in den nordafrikanischen Ländern zugute kommen könnte, wäre ein wünschenswerter Nebeneffekt zur Stabilisierung der Region.