Junge Welt: Paywall vergessen?

Von , am Freitag, 5. Juli 2019, in Lesebefehle, Medien.

Zitternder Jörges
Die Junge Welt, publizistische Speerspitze des linken Radikalismus, kämpft, wie alle linken Medien um ihre Existenz. Ist es nun ein gutes oder schlechtes Zeichen? Heute hat sie ihre Paywall vergessen. Normalerweise wird die Hälfte der Texte online vermauert und ist nur gegen ein Abonnement zugänglich. Auf diese Art und Weise wurden z.B. zahlreiche Texte des Extradienst-Lesers Andre Dahlmeyer für mich unlesbar, sehr bedauerlich. Anders heute.
Drei Texte möchte ich besonders empfehlen:
Gisela Sonnenburgs Ballettkritik “Hungern als Business”. Die Autorin hat exakt erfasst, welchen ästhetischen Widerwillen ich habe, Ballett zu besuchen. Wenn ich anorektische Menschen sehe, wird mir immer schlecht. Ich weiss zuviel, mit nicht wenigen bin ich befreundet, und ihre Lebensweise tut mir innerlich weh.
Rouven Ahl schreibt unter dem Titel “Mentalitätsmonster” über das US-Frauenteam bei der Frauen-WM und die Lage vor dem Finale am Sonntag (USA-Niederlande), eine gute Ergänzung dazu die Analyse von Frank Hellmann/FR.
Und der bewährte Andre Dahlmeyer bringt uns auf den Stand der Dinge bei der Copa America. Chile und Argentinien sind raus, im Finale wünscht er Peru den Sieg gegen Brasilien.
Jetzt müsste die Junge Welt nur noch solche Texte dauerhaft zugänglich lassen, statt sie nach einigen Tagen in einem Paywall-Archiv zu verstecken; dann wären meine Wünsche vorläufig alle erfüllt.

Sorge um Jörges

Als ich Hans-Ulrich Jörges das erste Mal bewusst wahrnahm, war er noch NRW-Korrespondent der Süddeutschen. Als ich 1990 anfing in Düsseldorf zu arbeiten, war er schon weg. Sein Nachfolger Jürgen Kahl war ein sehr angenehmer, und im Vergleich zu Jörges bemerkenswert reflektierter, nachdenklicher Kollege, der keine große Schnauze pflegte, aber sehr gut zuhörte und beobachtete. Zu gut für die SZ. Er wanderte weiter zur NZZ. Jörges war da schon in Hamburg.
Zusammen mit Manfred Bissinger entwickelte er für die Ganske-Verlagsgruppe (Hoffmann&Campe, Merian, dtv) die Wochenzeitung Die Woche, die für die kurze Lebensdauer 1993-2002 eine brave Begleiterin beim Aufstieg und Fall Gerhard Schröders wurde. Die Männerherrschaft dieser Jungs in der Redaktion muss für intelligente Frauen bisweilen sehr anstrengend gewesen sein. Männer halt. Als es Ganske mit der “Woche” zu teuer wurde, wanderte Jörges nicht nur durch TV-Talkshows, sondern hauptberuflich zurück zum Stern. Dort zehrt er nun 68 geworden ein Gnadenbrot.
Und wenn wir Stefan Niggemeier/uebermedien glauben dürfen, müssen wir uns um den Journalisten Jörges jetzt ernsthafte Sorgen machen. Verglichen damit war “Die Woche” echt ein seriös diskutierendes Organ. Tragisch.

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