Es gab eine Zeit, in der im Journalismus Milch und Honig flossen. In Hamburg, bei den Todfeinden von Helmut Kohl. Liberale Illustrierte verkauften sich wie geschnitten Brot, sogar Bücher. Buchverlage wurden zum Mythos hochsterilisiert. In jener Zeit machte sich ein Missionar auf, die ausgehungerten und kriegstraumatsierten von evangelischen Sekten in den Schwitzkasten genommenen Westdeutschen von den Vorteilen guten statt schlechten Essens und Trinkens zu überzeugen. Dieser Missionar hiess Wolfram Siebeck. Und für den Himmel hielt er Frankreich.
Das führte z.B. zu seinem anfänglichen Irrtum, die von italienischen Eurokommunisten gestartete Slowfood-Bewegung für Lobbyismus der italienischen Tourismusindustrie zu halten. Zugegeben: in Deutschland dauerte es ein paar Jahre, sie von einer distinktionssüchtigen Gourmetvereinigung zu einer politischen Bewegung umzugestalten. Doch heute lässt sich feststellen, und Siebeck hat das in seinen späten Jahren auch so gesehen: es ist gelungen.
Der Mann konnte nicht nur gut schreiben und intelligent denken, er konnte auch kochen. Ich habe zwei seiner Kochbücher, und selbst danach gekocht. Z.B. am Samstag vor der Bundestagswahl 1998: drei Lammkeulen nach Siebeck-Rezepten machten in meiner WG 26 Personen, die ich damals sehr liebte – manche von ihnen bis heute – satt, besoffen und glücklich. Auch mich. Ich hatte mir gezeigt: ich kann das. Und muss es nicht wiederholen. Es ist einfach zuviel Arbeit. In mir reifte der Entschluss von nun an die Menschen zu respektieren und zu ehren, die mit solcher Arbeit täglich ihren Lebensunterhalt verdienen: mit gutem Essen und Trinken. Lasst sie uns gerade jetzt am Leben halten, sie bereichern es.
Die Lange Nacht des DLF zu Wolfram Siebeck läuft heute ab 23.05 h im DLF, oder hier nachhören.

“Um 3 sind wir am Band”

Siebeck wusste, dass dafür, wie etwas schmeckt, von ursächlicher Bedeutung ist, wie es entsteht. Manfred Götzke, ein Leistungsträger seines Senders, hat dazu heute im DLF-Wochenendjournal seine Recherchen aus Westfalen, dem Hotspot von Coronavirus und organisierter Metzgerkriminalität abgesendet. Wenn es Ihnen an Wut und Verzweiflung mangelt, hören Sie sich das an. Aber auch, wenn Sie sich fragen, wo der gute Journalismus geblieben ist. Wenn Sie das gehört haben, werden sie bitte nicht Terrorist*in. Sondern überlegen Sie, was Sie in ihrem eigenen Lebensumfeld tun können. Ich will sie nicht bepredigen, welches Fleisch Sie essen sollen. Sondern: wie siehts bei Ihrer Arbeit aus? Sind sie schon gewerkschaftlich organisiert? Müssten Sie da nicht mehr tun? Tun Ihre Kinder womöglich mehr als Sie selbst? Warum? Was tun Sie ausser Wählen, um Ihre Meinung dazu in der Gesellschaft zu verbreiten? Wie machen Sie die Mitmenschen stark, die so ähnlich denken? Fragen, die ein Wochenende ausfüllen können.