Emanzipatorische Potenziale, die uns Alten entgehen
Susie Orbach war nicht nur Therapeutin der eingeheirateten Windsor-Schwiegertochter Diana Spencer. In erster Linie war und ist sie eine führende Kritikerin und Therapeutin gegen die Essstörungs-Pandemie. Den meisten Feministinnen ist sie ein Begriff wie Judith Butler. Und heterosexuelle Männer, die mit solchen Frauen zusammenleben, haben auf diesem Wege auch von ihr gehört. So auch ich, und zwar schon Anfang der 90er Jahre. Die Zeit ist jedoch erfreulich über Lady Orbach hinweggegangen. Das repräsentiert, neben Anderen, Paula-Irene Villa.
In diesem aussergewöhnlich bedeutungsvollen DLF-Kultur-Gespräch belehrt Villa ihre Gesprächspartnerin Susanne Führer darüber, dass es längst emanzipatorische Widerstandspotenziale gegen die gesellschaftlich bedingte Essstörungs- und Körperhass-Pandemie gibt, und gibt Frau Führer und uns als Leser*innen/Zuhörer*innen eine Unterrichtsstunde über Ambivalenz und die Dialektik gesellschaftlicher Prozesse. Das ist grosses gesellschaftspolitisches Kino, und ein Beweis, wie nützlich die von rechts verteufelten Gender-Studies-Lehrstühle sind.
Ich rege mich schon so lange, wie ich von Susie Orbach weiss, darüber auf, dass die Essstörungs-Pandemie, seit sie endlich im öffentlichen Diskurs zur Kenntnis genommen wird, fast immer als individualisiertes Krankheitsphänomen, und viel zu selten als Politikproblem aufgefasst wird. Doch die real existierenden Kids halten sich mit dieser Begriffsstutzigkeit der von den Alten beherrschten politischen Klasse nicht mehr auf. In den USA haben sie soeben die Wahlkampfmaschine des “mächtigsten Mannes der Welt” quasi gehackt und in ihren ersten spektakulären Crash gelenkt. Opposition, Emanzipation, Intelligenz, Kreativität sind ihre Waffen. Und mir ist, als wenn Donald sie fürchtet. Dank FAZ-Korrespondentin Frauke Steffens erfahren das nun auch die, die so gerne bedrucktes Papier anfassen. Die armen Bäume …