Viele Stadt- und Dorfzentren, Fussgängerzonen, dieses Gefühl hat fast jede*r schon mal geäussert, “sehen irgendwie alle gleich aus”. Wie kommt das bloss? Es hat was mit Skaleneffekten in der kapitalistischen Ökonomie zu tun: je mehr vom Gleichen produziert wird, umso billiger die Herstellung, umso höher wenn nicht die Profitrate, so doch die Profitsumme. Aber selbstverständlich liegt es auch am Mangel von etwas besonders teurem: der Fantasie.
Die Entertainmentindustrie hatte ich schon als halbwüchsiger TV-Glotzer in Verdacht, dass sie ebenfalls das Ziel verfolgt, unsere Fantasie einzufangen und einzuzäunen, in industriell gefertigten Klischees. Filme, Popmusik, Opern und Theater – waren und sind sie nicht allzu oft Instrumente der Herrschaft zur Verfolgung dieses Zweckes? Nur diejenigen Produzent*nn*en, die Fantasie anregen, statt sie einzuzäunen und reproduzierbar zu machen, werden mit Recht Künstler*in genannt. Im Fußball z.B. waren das Typen wie Garrincha, Libuda, der faule Netzer und Lionel Messi, die vom Gesetz der Schwerkraft über die Berechnung physikalischer Leistung bis zu Gesetzen der Trainertaktik alles ausserkraft setzten – zugunsten der Fantasie ihrer Fans; darum waren sie unsterbliche Künstler ihrer Zeit.
Bis heute versuchen Ansammlungen von Irren, von Kalifornien über China bis in europäische Startup-Klitschen, solche Kunst in Rechnern und Algorithmen einzufangen. Die besonders Irren von ihnen wollen damit nicht nur steinreich werden, sondern auch die Weltherrschaft über uns Andere ausüben. Systeme, unsere Fantasien als kostenfreie Daten einzusammeln, zu horten und monopolistisch auszuwerten, haben sie schon installiert. Besonders gut gelingt das mit den immer wichtiger werdenden Computerspielen. Dort entstehen die Städte der Zukunft. Und sie bekommen immer grössere Ähnlichkeit mit Gefängnissen. Die Fantasieausübung der Spieler*innen wird von den Algorithmen domestiziert, so dass am Ende ein dressiertes Optimum herauskommt. Schön erklärt hat das Ava Kofman für Jacobin. Da freut mann sich, dass mann schon so alt ist …

1,1 Mio. Barrel zum Auslaufen bereit

Davor gibts in meinem Alter dagegen kein Entrinnen mehr: 1,1 Mio. Barrel Öl warten in einer havarierten Dose vor der Küste Jemens auf ihr Auslaufen. Die ökologische Katastrophe würde grösser als sie bei der Exxon Valdez 1989 war. Kriegführen und Rüstungsgeschäfte sind halt wichtiger.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net