Zwanzigeinundzwanzig – was für ein Jahr! Zwölf Monate, in denen die Politik, die Parteien und ihr Personal durcheinandergewirbelt wurden! Welche Spuren wird das zu Ende gehende „Jahr 2“ der Corona-Seuche hinterlassen, in der Gesellschaft, in der großen und kleinen Politik? Was wird in Erinnerung bleiben? 2021 – ein Fixstern wie 1969, als die sozialliberale Ära begann, wie 1982, als diese endete, wie 1990, dem Jahr der deutschen Einheit? Verdichtet wie selten vollzogen sich politische Prozesse und kamen neue Bräuche auf.

Beruhigend ist es, wie Angela Merkel und Olaf Scholz den Wechsel im Kanzleramt vollzogen. Freundlich, ohne Häme, respektvoll und ohne Zorn. Kein Vergleich mit früher, als Umbrüche von Rachegelüsten begleitet waren. Erstmals seit fast 40 Jahren haben SPD und FDP im Bund wieder zueinander gefunden, zwangsläufig im Dreierbündnis mit den Grünen. Wer die Auseinandersetzungen zwischen Joschka Fischer und Guido Westerwelle in Erinnerung hat, wird sich die Augen reiben, welches Einvernehmen ihre Nachfolger gefunden haben. Eitles Auftreten auf dem Jamaika-Balkon (2017) war nach der Sicht der Ampel (2021) zum Scheitern verurteilt. Verschwiegenheit wurde zum Gebot erfolgreicher Politik erkoren. Dass ein gewichtiger Teil der in Talkshows gestählten Medienöffentlichkeit die neue Diskretion willfährig begrüßt, ist kaum zu erklären. Sei’s drum.

Überraschungen gab es auch. Norbert Walter-Borjans blieb länger im SPD-Vorsitz als (etwa) Kurt Beck oder Andrea Nahles. Bilder bestimmten Politik. Das Lachen des Kandidaten und der Niedergang einer Volkspartei. Ein Selfie machte Karriere: Wissing, Baerbock, Lindner und Habeck. Dem Epochenwechsel mit dem Kanzler einer 25,7-Prozent-Partei und seiner rot-grün-gelben Regierungsbildung wurde bildlich entsprochen. Im Bundestag sitzt nun ein satter grün-gelber Block von Abgeordneten dem Redner- und Präsidentenpult gegenüber – größer als der schwarze Block der Union, größer auch als der rote Block der SPD. Wie ein Wahrzeichen: Ohne Grün-Gelb ist kein Staat zu machen. Mit der Rechtsverschiebung der Plätze der Abgeordneten von CDU/CSU nahm die Mehrheit des Bundestages das Ergebnis des Entscheids der CDU-Mitglieder vorweg: Mit dem 62,1-Prozent-Erfolg von Friedrich Merz wurde Merkels Anhängerschaft ins Abseits geschoben. Doch Schwurbelnde irrten abermals: Merkel absentierte sich nicht auf eine Ranch in Paraguay, was 2016 in die Welt gesetzt worden war.

Stoff für Zeithistoriker bietet 2021 allemal. Gewiss auch für Autoren politischer Dramen, Tragödien und Lustspiele – wobei sicherheitshalber anzufügen ist: für Zeithistoriker*innen und für Autor*innen auch. Das Gendersternchen machte Karriere. Es nistet sich ein, polarisiert und verändert den Sprachgebrauch. Hat Olaf Scholz als Bundeskanzler nun Vorgänger und Vorgängerinnen oder Vorgänger*innen? Merkel wird es gleichgültig sein. Scholz wohl auch, aber der muss Zugeständnisse machen. Sogar einen von Talkmasterinnen durchgesetzten Ministerkandidaten ertrug er, der sich mit Händen in den Hosentaschen präsentierte. Corona wegen ist Lauterbach Scholz’ wichtigster Mann. Vorerst.

Über den/die Autor*in: Günter Bannas (Gastautor)

Günter Bannas ist Kolumnist des Hauptstadtbriefs. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seine Beiträge sind Übernahmen aus "Der Hauptstadtbrief", mit freundlicher Genehmigung.