Vladimir Putin ist ja bekannt für seine besondere Tischkultur. Beim Gipfel der “Kaspischen Fünf” wollten die anderen dem Nachfolger des Großen Peter an der Tischkante wohl nicht näher kommen als 20m – also nicht ganz so nah an den Vladimir Vladimitrowitsch heran. Dazwischen Luft.

Die russische Armee ist heute von der Schlangeninsel geflüchtet, angeblich als Goodwill-Zeichen gegen den Welthunger. Im Internet kursieren Drohnen-Videos, die zeigen, wie die ukrainische Artillerie sich auf die Insel einschießt und dort so eine Art Grosny-Aleppo-Mariupol-Effekt erzielt – zumindest bei den strategisch wichtigen russischen Flugabwehrstellungen, die sie dort einfach abgeschossen hat, ohne dass die russische Seite etwas dagegen unternehmen konnte. Hier liegen wohl die wirklichen Gründe für den Abzug. Auch bei der Artillerie, der einzigen Waffengattung, bei der Russland dem Westen zumindest zahlenmäßig ebenbürtig ist, ändern sich nun wohl die Zeiten.

Was außer den Konferenztischen jetzt ebenfalls lang wird für die russische Seite, sind die gemeinsamen Grenzen mit der Nato. Dass solche Jahrhundert-hard-core-Neutralisten wie Schweden und Finnland sich unter den Schutz des Nato-Artikel 5 flüchten, sagt mehr als tausend Analysten-Worte. Putin hat sein Blatt total überreizt.

Bei den Nato-Mitgliedschaften lagen immer auch die rhetorisch dunkelrotesten Linien von Putin. Nun verlängern sich die gemeinsamen Grenzen Russlands mit der Nato auf einen Schlag von 800 auf 2100 km. Litauen erhält erhält eine deutsche Kampfgruppe, Polen eine eigene Nato-Kommando-Zentrale u.a.m. Normalerweise müsste das so eine Art doomesday für den russischen Autokraten sein.

Er hat sich in eine Lage manövriert, in der er selbst das alles nur noch abnicken und herunterspielen kann, weil jede andere Reaktion seine gescheiterte Politik gnadenlos offenlegen würde. Putin steht einer 20 zu 1 – Überlegenheit des Westens gegenüber – BIP-mäßig gesprochen (40000 Mrd zu 1775 Mrd). Wenn man Kaufkraftunterschiede rausrechnet und den technologischen Rückstand Russlands wieder reinrechnet, sieht es in summa wohl noch schlechter aus. Die Nazis hatten gegenüber den USA seinerzeit eine Unterlegenheit von 1 zu 4. Von dieser Relation hat die Sowjetunion seinerzeit durch US-Waffenlieferungen massivst profitiert – bloß dass man in der offiziellen sowjetischen Kriegsikonographie die vielen zehntausend Großwaffen und Gerätschaften aus den USA selten zu sehen bekommt.

Bei uns im Schwabenland würde man jetzt langsam sagen: S’isch over, Vladimir. Ich hoffe, dass auch Russland als Land bald einmal zu einer realistischen Einschätzung der Lage findet und den Krieg in der Ukraine beendet und sich auf den Weg hin zu einem ganz normalen Nationalstaat macht. Deutschland, Frankreich, GB ist es auch gelungen, sich von ihren imperialen Illusionen zu verabschieden. Ein Abschied Russlands von Putin wäre auf diesem Weg aber wohl eine zentrale Voraussetzung.

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Über den/die Autor*in: Reinhard Olschanski (Gastautor)

Geboren 1960, Studium der Philosophie, Musik, Politik und Germanistik in Berlin, Frankfurt und Urbino (Italien). Promotion zum Dr. phil. bei Axel Honneth. Diverse Lehrtätigkeiten. Langjährige Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Referent im Bundestag, im Landtag NRW und im Staatsministerium Baden-Württemberg. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Politik, Philosophie, Musik und Kultur. Mehr über und von Reinhard Olschanski finden sie auf seiner Homepage.