„Schmerzliche Entscheidungen“ angekündigt

Es ist nicht ganz klar, warum der russische Präsident das von ihm in den annektierten ukrainischen Gebieten verhängte Kriegsrecht „Kriegsrecht“ nennen darf und nicht Spezialoperationsrecht sagen muss. Zwischen beiden Ausdrücken liegen in Russland normalerweise ein paar Jahre Knast. Wir harren der Auflösung. – Der neue Oberkommandierende der kriegführenden russischen Verbände in der Ukraine, der von seinem militärischen Werdegang her ja so etwas wie ein „Schlächter“ zu sein scheint, hat Viele überrascht, als er von bevorstehenden, möglicherweise „schmerzlichen Entscheidungen“ sprach.

Möglich ist, dass er damit einen Rückzug der russischen Truppen aus einer haltlos gewordenen Position in Cherson andeuten wollte. Dem militärpolitischen Timing nach wäre das logisch: Wenn man ein Kommando neu übernimmt, in einer Situation, in der eine Niederlage möglich oder wahrscheinlich ist, sollte man das tunlichst nicht mit dem eigenen Namen verbinden, sondern mit dem, was in der Zeit vor der eigenen Verantwortlichkeit vorgefallen ist (könnte so ähnlich als Lehrsatz bei Macchiavelli stehen). Das könnte der tiefere Sinn der relativ überraschenden Äußerungen sein. In wenigen Tagen wissen wir mehr.

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Über den/die Autor*in: Reinhard Olschanski (Gastautor)

Geboren 1960, Studium der Philosophie, Musik, Politik und Germanistik in Berlin, Frankfurt und Urbino (Italien). Promotion zum Dr. phil. bei Axel Honneth. Diverse Lehrtätigkeiten. Langjährige Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Referent im Bundestag, im Landtag NRW und im Staatsministerium Baden-Württemberg. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Politik, Philosophie, Musik und Kultur. Mehr über und von Reinhard Olschanski finden sie auf seiner Homepage.