16 Mio. haben 2014 um 22 h vor der Glotze gehockt, als die WM in Brasilien eröffnet wurde. Dass Gary Lineker mal wieder rechthaben würde, konnte zu dem Zeitpunkt noch niemand wissen. 2018 wollten 10 Mio. noch Russland gegen Saudi-Arabien kicken sehen. Warum weiss ich nicht mehr. Gestern waren es dann noch 6 Mio., die von dem Kick Qatars gegen Ecuador, nach allem, was ich darüber gelesen habe, gerecht bestraft wurden. Ein schöner Anfangserfolg von #boycottqatar2022. Wendet die Öffentlichkeit sich nun Wichtigerem zu? Das sieht leider (noch) nicht so aus.

Wolodymyr Selenskyj und seine Leute, die die europäische und insbesondere deutsche Öffentlichkeit in den letzten Monaten so erfolgreich bespielt haben, werden nicht nur wegen des Winters von Kopfschmerzen geplagt werden. Was ist zu tun, um weiter Aufmerksamkeit zu binden? Wie immer bei einer solchen Frage ist das Schlimmste zu befürchten.

Andere nutzen die Ablenkung Mitteleuropas durch eine “Kapitänsbinde” für ihr alltägliches Geschäft: Erdogan und das iranische Mullahregime überfallen gleichzeitig den Irak, bzw. was von dem noch übrig ist. Entfernung von Doha: 2.000 km. Der Krieg im Jemen, ebenfalls nur 2.000 km von der in Doha rumlungernden Weltpresse entfernt, kennt keine Pause.

Deutsche Medien, wenn nicht von der Kapitänsbinde ausgelastet, versuchen zu vermitteln, warum China der Böse bei der Weltklimakonferenz war. Mir ist noch nicht ganz klar, was sie damit erreichen wollen (ausser Verdummung von uns). Sicher gibt es massenhaft Gründe, die “Ergebnisse” der Konferenz in Ägypten zu kritisieren. Der Gipfel der Albernheit ist dabei allerdings, “uns” für unschuldig zu erklären. Die Ergebnisse von Gipfelkonferenzen werden in den Wochen und Monaten zuvor von Regierungsdelegationen vorprogrammiert. Mann und Frau nennt es Diplomatie und Aussenpolitik. Wer also nach einem Scheitern auf Andere zeigt, gesteht das Scheitern seiner*ihrer eigenen Aussenpolitik.

DLF-Redakteur Georg Ehring erklärte heute morgen absolut zutreffend (Audio 6 min), dass diese Konferenzen für kleine und bedrohte Staaten eine unentbehrliche öffentliche Arena sind, weil sie ansonsten von den Medienöffentlichkeiten der reichen Länder komplett ignoriert werden. Ich weiss, wovon ich schreibe, weil ich selbst bei einer UNO-Konferenz in Bonn für die bedrohten Inselstaaten lobbyiert (und damals auch mit dem – absolut fachkundigen – Kollegen Ehring gesprochen) habe.

Die zentralste Frage aber ist: was nützt es dem Klima, wenn “wir wissen”, wer schuld ist? Die Regimes in China, Indien, Russland, Brasilien, USA mag stürzen, wer will – ich persönlich bin der Meinung, dass das Sache der Gesellschaften dieser Länder selbst ist. Aber egal. Wie lange soll das dauern? Wer meint denn heute noch, so lange warten zu können?

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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