Wolfgang Michal würde gerne Unrecht bekommen. Schon vor knapp einem Vierteljahr beschrieb er die Sau, die heute mal wieder weitgehend recherchefrei von deutschen Leitmedien durchs Hauptstadtdorf getrieben wurde. Der Russe versucht uns zu beeinflussen! Ja, ist es denn die Möglichkeit?
Wer hat Trump gewählt? Wer verbreitet Lügen auf Facebook? Woher kommen Wut und Hass? Nein, das können doch nicht “wir” gewesen sein. Wir müssen es abspalten, irgendwo abladen. Wen kennen die Leute nicht, fürchten ihn aber? …. Jetzt mal ernsthaft: für wie bescheuert wollen die uns eigentlich noch halten?

Versuchen wir es sachlich.
Joseph Fischer und Rolf Mützenich (SPD) verbreiteten heute ihre geopolitische Sicht der Dinge. Ich teile nicht in allem ihre Perspektive, vor allem nicht die von Fischer als einem der handelnden Verantwortlichen der Vergangenheit für die heutige Lage. Aber aus ihrer jeweiligen Perspektive beurteilen beide die vertrackte Situation der Jetztzeit realistisch. Auch und gerade in den Kleinigkeiten, in denen sie sich zu unterscheiden scheinen, wird ein kleiner Schuss Dialektik zum besseren Verständnis weiterhelfen.

Das gilt auch, wenn wir uns den Nachweis von Tomasz Konicz danebenlegen, dass Mister Trump mindestens so ein Wallstreet-Bruder ist, wie er es seiner politischen Stiefschwester Clinton immer unterstellt hat. Wenn nicht nur die US-amerikanische Mehrheit, sondern auch die Mehrheit der Trump-Wähler*innen das herausgefunden hat, und das wird nicht lange dauern, dann wird die Innenpolitik der USA noch stärkere Ähnlichkeiten mit, sagen wir mal, der Türkei annehmen. Über die Außenpolitik will ich da lieber nicht spekulieren, das haben (s.o.) Fischer und Mützenich ja schon getan.

Wird es der liberalen Mehrheit westlich und östlich des Atlantik gelingen, sich dagegen zu erheben? Das würde voraussetzen, dass es ihr gelingt Solidarität zu organisieren. Ihre Wirtschaftspolitik war jedoch in der Vergangenheit darauf ausgerichtet, sie wo immer möglich zu demontieren, sie durch ökonomische Disruption so zum Verschwinden zu bringen, dass sich heute klare Bevölkerungsmehrheiten davor fürchten. Und da sie über keine politischen Gegenstrategien oder Alternativen verfügen, entlädt sich die Angst in Hass und Wut. Soziale Zäune und Leitplanken des Kapitalismus wurden und werden immer noch niedergerissen. Dann darf man sich nicht wundern, wenn immer mehr wilde Tiere aggressiv ihr Unwesen treiben.
Die Linke (die gesellschaftliche, nicht die das angeberisch im Namen führende Partei) ist bereits so in die Verzweiflung des Raufundrunteranalysierens von Schuldigen gefangen, dass sie zu Bündnissen mit bürgerrechtsinteressiertem Bürger-, Mittel- und Kleinunternehmertum kaum noch in der Lage scheint. Bürgerliche und linke Intellektuelle, “das Feuilleton” …..ach vergessen wirs.

Fast schon rührend, wie in dieser Situation einstige Weggefährt*inn*en von Willy Brandt und Egon Bahr zu einer vernunftorientierten entspannungspolitischen Debatte und Strategie aufrufen. Das Handwerk, das uns von 1945 bis heute vor einer Atomkriegseskalation geschützt hat – in mehreren historischen Situationen (Kubakrise, 80er Jahre) war das arschknapp – es droht heute auszusterben. Das Durchschnittsalter der Unterzeichnenden schätze ich auf um die 70. Bemerkenswert: Horst Teltschik, einstiger Berater von Helmut Kohl und langjähriger Organisator der Münchener (Un-)”Sicherheitskonferenz” (99-08) ist darunter; mit Ludger Volmer habe ich einen einzigen Grünen entdeckt. Das gibt zu weiteren großen Sorgen Anlass. Oder ist es die alte Borniertheit und Bündnisblindheit der sozialdemokratischen Initiator*inn*en? Hoffentlich.