Arbeit als existenzsichernde Leistung, eine bedrohte Lebensart

Von , am Mittwoch, 26. April 2017, in Medien, Politik.

von Hans-Jürgen Arlt, Martin Kempe und Sven Osterberg / Otto-Brenner-Stiftungg
(Schluss-/Diskussionskapitel der Studie “Zukunft der Arbeit als öffentliches Thema”)

„Das Potenzial der neuen Technik zum Guten wie zum Schlechten verlangt zwingend, dass es Orte geben muss, an denen die Auseinandersetzung darüber stattfinden kann, wie die Produktionstechnologie der Zukunft aussehen soll und wie sie mit einem nachhaltigen, zukunftsfesten Konzept der Entwicklung von Arbeit verbunden werden kann.“ (Kurz 2015: 89)

Mit diesem Kapitel verlassen wir die empirische wissenschaftliche Analyse. Wir reflektieren und diskutieren, wie sich die ermittelten Befunde der journalistischen Darstellung in gesellschaftspolitische Fragestellungen über die Zukunft der Arbeit einordnen lassen. Das heißt, wir beteiligen uns an der politischen Debatte.
Diese Diskussion der Befunde versteht sich nicht als Kritik der journalistischen Arbeit – für die es auch Anlässe geben mag. Auf die Frage, wie viel empirische Informationen, fachliche Kompetenzen, analytische Kraft und kritische Potenz journalistische Redaktionen zu einem Megathema wie Arbeit der Zukunft besitzen sollten, kann es keine verbindliche Antwort geben. Journalistische Publikationen richten sich an ein breites Laienpublikum; sie müssen auf Allgemeinverständlichkeit und auf eine generelle Anschlussfähigkeit achten. Ihre Möglichkeiten, fachspezifische, tiefschürfend analytische, kritisch-alternative Beiträge zu veröffentlichen, sind schon von daher prinzipiell eingeschränkt. Offenkundig hat sich die Mehrheit der Redaktionen der untersuchten Medien dafür entschieden, die Eigenbeiträge immer wieder mit Hilfe von Interviews und Gastbeiträgen gezielt durch externes Wissen zu ergänzen. In den Interviews und Gastbeiträgen finden sich in der Regel auch die stärker pointierten Aussagen.
Obwohl sie eine Beobachterrolle einnehmen, stehen Journalisten nicht außerhalb des gesellschaftlichen Kommunikationsprozesses, sie sind vielmehr ein relevanter Teil von ihm. Deshalb fassen wir die journalistischen Publikationen als Beiträge zur gesellschaftspolitischen Debatte auf, reflektieren sie als solche und mischen uns in diesem Kapitel, angeregt durch die Analyse der journalistischen Behandlung des Themas Arbeit der Zukunft, mit unseren Meinungsäußerungen in diese Debatte ein, ganz im Sinne Dirk Baeckers:

„Um zu verstehen, worum es in der Gesellschaft gegenwärtig geht, genügt es, sich anzuschauen, worüber gestritten wird. Man kann dann immer noch vermuten, dass die wahren Streitpunkte versteckt sind und nur Stellvertreterkonflikte um Scheinthemen ausgetragen werden. Doch wenn man diesen Eindruck hat und kommuniziert, beteiligt man sich bereits am Streit und muss seine Meinung der Kontroverse aussetzen.Das heißt, um einzugreifen, genügt es mitzustreiten.“
(Baecker 2008: 127 f.)

Öffentliche Zuversicht – Fehlanzeige

Das Netz ist die Megametapher der Digitalisierung. Zwischen oben und unten, innen und außen, links und rechts, davor und danach lassen sich interaktive Verbindungen herstellen, sobald Computer im Spiel sind. Nun ist es ein alter Gemeinplatz, dass alles irgendwie mit allem zusammenhängt. Das Neue liegt darin, dass die digitalen Verbindungen als ein bewusst hergestelltes, permanent gestaltbares Kommunikationsnetz funktionieren. Die Anfangsbedingung jeder Kommunikation, die Erreichbarkeit von Adressaten, wird in bisher unbekannten Dimensionen sichergestellt. So schnell, so multimedial, so global und so interaktiv zu kommunizieren, ist erst seit dem Ende des 20. Jahrhunderts möglich. Vergleichbar große Umbrüche, die den gesellschaftlichen Möglichkeitshorizont aufreißen, haben in der Vergangenheit sowohl Befürchtungen ausgelöst als auch Hoffnungen geweckt; wobei in der Moderne meist der Fortschrittsoptimismus überwog. „Egal ob man nun eine konservative oder linke Perspektive bevorzugte, die industrielle Revolution und andere Ansätze der Modernisierung waren immer eng mit der Hoffnung auf Wohlstand oder sogar eine klassenfreie Gesellschaft verbunden“ (Al-Ani 2016). Sorgenvolle Unausweichlichkeit und vorsorgliche Defensive sind im Unterschied dazu öffentliche Grundgefühle des gegenwärtigen Umbruchs. Es gibt Versprechungen interessierter Akteure auf Verbesserungen, aber, und die journalistische Berichterstattung spiegelt es wider, es herrscht keine öffentliche Zuversicht, dass hier eine gute Entwicklung im Gang ist. Veröffentlichte Meinung und demoskopisch ermittelte öffentliche Meinung scheinen in dieser Hinsicht übereinzustimmen. „In der Wahrnehmung der Befragten hat sich seit den 1990er Jahren die reale Arbeitswelt immer weiter vom Ideal einer wünschenswerten Arbeitswelt und auch dessen, was man in Deutschland unter Lebensqualität versteht, entfernt […], wobei jeder Fünfte (20 Prozent) eine Verbesserung in Richtung Idealbild für wahrscheinlich hält“ (Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2016: 16).

Entpolitisierung von Arbeit und Wirtschaft

Für die wirtschaftliche Organisation der Arbeit, verstanden als Einheit von Bedarf, Leistung und Gebrauch (siehe Abschnitt 2.1.2), eröffnen sich mit dem digitalen Netz Möglichkeiten der Kooperation und der Produktivitätssteigerung, Ausmaße der Konkurrenz sowie Dimensionen der Kontrolle von Arbeitsleistungen und Konsumverhalten mittels eines perfektionierten „Datenzugriff[s] auf den ganzen Menschen – in seiner Erwerbs- wie Konsumptionsarbeit“ (Pfeiffer 2015: 36), die das bisher Gewohnte weit übersteigen. Bestehende Ordnungen und Regeln stellen sich vielfach als Hindernisse dafür dar, alle diese Potenziale im Positiven wie im Problematischen auszuschöpfen. Nichts ist selbstverständlicher, als dass unter solchen Bedingungen ein hoher Entscheidungsbedarf entsteht, ob und in welcher Weise die Arbeit verändert werden soll – und auch dazu, wer solche Entscheidungen zu treffen hätte. Zu den Merkmalen der journalistischen Berichterstattung über die Arbeit der Zukunft gehört, dass sie den Entscheidungscharakter der bisherigen und weiteren Entwicklungen vernebelt und auf diese Weise zu einer Entpolitisierung von Arbeit und Wirtschaftbeiträgt.
Die Digitalisierung erscheint in der journalistischen Berichterstattung als etwas quasi Naturgesetzliches. Die Menschen und die Gesellschaften machen sie nicht, sondern sie sind damit konfrontiert und müssen sich darauf einstellen. Wirtschaftliche, militärische, wissenschaftliche Interessen, die den Digitalisierungsprozess antreiben, werden kaum angesprochen.
Von daher gesehen verwundert es auch nicht, dass heute – anders als in den 1970er Jahren bei der öffentlichen, gewerkschaftlichen und betrieblichen Diskussion um die „Humanisierung der Arbeit“ – deutlich formulierte, arbeitswissenschaftlich fundierte und auch allgemeinpolitisch vertretene Zielsetzungen für die Gestaltung der „Arbeit der Zukunft“ trotz gewerkschaftlicher Initiativen für „gute Arbeit“ eher Mangelware sind. (Wir verweisen in diesem Zusammenhang auf das Interview im Anhang dieser Studie.)

Gestaltung als Anpassung

In der massenmedialen Auseinandersetzung mit der Arbeit der Zukunft herrscht eine Gestaltungsrhetorik vor, die den technisch-ökonomischen Selbstlauf nicht als eine bestimmte Variante der Gestaltung auffasst und schon gar nicht als ein Resultat von Entscheidungen anspricht, die auch anders hätten getroffen werden können. Die Ausrichtung der Technik selbst sowie der Arbeitsorganisation auf Wirtschaftlichkeit im exklusiven Sinn effektiver Wertschöpfung wird nicht als Gestaltungsprozess wahrgenommen und entsprechend auch nicht problematisiert, sondern als der natürliche Gang der Dinge hingenommen.
Der Gestaltungsbedarf wird im Wesentlichen in Form eines Anpassungsbedarfs bei Staat und Gesellschaft, Beschäftigten und Sozialsystemen verortet. Die erste Frage lautet stets, wie die Gesellschaft fit gemacht werden kann für die Anforderungen der Digitalisierung; gerufen wird nach der Neuorganisation der Unternehmen und neuen Führungsqualitäten, nach Bildung 4.0, Politik 4.0, Familie 4.0, letztlich nach Menschen 4.0 und Gesellschaft 4.0. Im Grünbuch des Bundesarbeitsministeriums wird es so formuliert: „Die Wirtschaft von morgen erfordert eine Gesellschaft, die zu Innovationen fähig ist und sich im Wandel immer wieder neu erfindet.“40
In den Sozialwissenschaften wird hingegen nachdrücklich darauf verwiesen, dass der Digitalisierungsprozess keine eindeutigen Folgen für die Arbeit nach sich zieht, weder für die technischen noch für die menschlichen Arbeitskräfte. Die Re- und Neuorganisation der Arbeit beruht nicht auf einem unmittelbaren Transfer technischer Möglichkeiten, sie wird vielmehr über soziale Prozesse unter Vermögens-, Macht- und Wissensungleichheiten vermittelt.
Die konkrete Organisation der Arbeit resultiert auch aus unternehmerischen, betrieblichen sowie (tarif-)politischen Entscheidungen; sie ist also eine Alternative unter anderen möglichen (vgl. z. B. Dörre 2015) und insofern auch Ausdruck von Machtverhältnissen, ausgetragenen oder unterdrückten Konflikten, Überzeugungs- und Überredungshandeln. So halten Autoren des Münchener Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) fest: „Welchen Weg die Unternehmen einschlagen werden – ob sie eher auf die kollektive Expertise ihrer Mitarbeiter oder die neuen Möglichkeiten der Kontrolle und Überwachung setzen –, ist noch nicht entschieden“ (Boes/Bultemeier/Kämpf/Lühr 2016: 231). Offen ist auch, ob sich mehr Zeitsouveränität für die Beschäftigten oder „eine Unkultur permanenter Verfügbarkeit“ (ebd.: 234) realisiert, ob sich für die Einzelnen neue, unkonventionelle Karrierechancen ergeben oder ob sie unter dem Druck ständiger Bewährung arbeiten werden.
Verallgemeinert können die alternativen Entwicklungslinien auch so charakterisiert werden, dass entweder eine postdemokratische Welt der elitären Wissensmonopole und der Überwachung oder eine Kultur der Commons und der Partizipation die Oberhand gewinnen wird. Die mit der Durchsetzung der einen oder der anderen Alternativen verbundenen Konflikte – unterstellt, die Wissenschaft hat recht und es gibt sie – sind in der Öffentlichkeit jenseits einzelner Problemfälle wie Amazon oder Uber nur wenig präsent.

Kein öffentlicher Druck für gute Arbeit

Dass mit Blick auf die Arbeit der Zukunft ein gewisser Entscheidungsbedarf zugunsten des Schutzes, der sozialen Absicherung sowie besserer materieller und demokratischer Beteiligungsrechte von Erwerbstätigen existiert, wird auch in der journalistischen Berichterstattung öfter betont. Ebenso wird in wissenschaftlichen Beiträgen ein solcher Bedarf häufig aufgerufen. „Durch den von der Digitalisierung induzierten Wandel von Arbeitsprozessen, -organisation und Geschäftsmodellen liegen verschiedene gesetzgeberische Handlungsbedarfe auf der Hand. Schlaglichtartig wären hier etwa die arbeitsrechtliche Anpassung des Betriebs- wie auch des Arbeitnehmerbegriffs, die Schließung gesundheitsrechtlicher Lücken bei weiter zunehmendem Einsatz digitaler Arbeitsmittel oder die Weiterentwicklung und der Ausbau der sozialen Sicherungssysteme zu nennen, wobei insbesondere Letzteres eine genuin politische Aufgabe darstellt“ (Brandt/Polom/Danneberg 2016: 3). Oder mit einer etwas anderen Akzentuierung: „Um gute und faire Crowd Work zu ermöglichen, kommt daher der Entwicklung angemessenerer Entlohnungsmechanismen für Crowd Worker und effektiver Kollaborations- und Mitbestimmungsstrukturen zwischen den Beteiligten eine entscheidende Rolle zu“ (Leimeister/Durward/Zogaj 2016: V).
Was dabei gänzlich fehlt, ist öffentlicher Druck auf die Akteure, die solche Entscheidungen treffen könnten. Das sind zunächst die Wirtschaftsorganisationen selbst, sodann die Tarifvertragsparteien und schließlich die für kollektiv verbindliche Entscheidungen zuständigePolitik.

Das große Risiko von Industrie 4.0

Die herausragende soziale Bedeutung der Erwerbsarbeit, an der für die Mehrheit der Bevölkerung im wahrsten Sinne des Wortes ihr Leben hängt, zumindest die Möglichkeit einer individuell eigenständigen sozialen Existenz, ist ein grundlegendes Merkmal entwickelter Industriegesellschaften. Die bisherige Praxis der Digitalisierung tendiert zur Auflösung des sogenannten Normalarbeitsverhältnisses, das seit dem 19. Jahrhundert die Basis dieser existenzsichernden Funktion der Arbeitsleistung war und ist. Inzwischen verlieren nationalstaatliches Arbeitsrecht und sozialpartnerschaftliche Vereinbarungen an Wirksamkeit.
Sie haben das Normalarbeitsverhältnis bislang stabilisiert in Form eines Arbeitsplatzes mit geregelten Arbeitszeiten, festem Einkommen, verbrieften Schutzrechten und sozialen Absicherungen (bei Krankheit, Arbeitslosigkeit, fortgeschrittenem Alter) über die tatsächliche Arbeitstätigkeit hinaus. Das genaue Gegenteil sind die Plattformen des Crowdworking, auf denen die Spielregeln privater Konzerne dominieren, die alle sozialen Risiken der Arbeitenden von sich fernhalten. Wo früher ein sachlich, zeitlich und räumlich definierter Arbeitsplatz, eine mit einer bestimmten Person besetzte „Stelle“ war, kursieren auf Plattformen Arbeitspäckchen, um deren Erledigung ein globaler Konkurrenzkampf geführt wird. Charakteristisch ist „ein Höchstmaß an Eigenverantwortung und Selbstorganisation kombiniert mit minimalen Absicherungen undPlanbarkeiten“ (Klotz 2015: 55).
Hinzu kommt – vor dem Hintergrund seit Jahrzehnten bestehender millionenfacher Langzeit- und Jugendarbeitslosigkeit in vielen Industriegesellschaften – die große offene Frage, zu welchen Anteilen künftig die gesellschaftliche Arbeit von Maschinen auf der einen oder von Menschen auf der anderen Seite verrichtet wird. Die Leistung von Autos wird zwar noch in Pferdestärken gemessen, aberdie Arbeitskraft der Vierbeiner ist längst abgelöst.
Wird es der Arbeitskraft der menschlichen Zweibeiner ähnlich ergehen? „Das große Risiko von Industrie 4.0 betrifft die Frage der quantitativen Entwicklung von Beschäftigung“ (Kurz 2015: 86). Die drohende Demontage der existenzsichernden Funktion der Arbeitsleistung ist – noch vor der Kontrollwut: „Sie wissen alles“ (Hofstetter 2014) – eindeutig die größte mit der Digitalisierung verbundene Sorge. Auf diese Sorge gibt es bislang keine verbindliche Antwort, die nennenswert mehr Substanz hat als das bereits zu Anfang zitierte rheinische Motto „Et kütt wie et kütt un et hätt noch emmer joot jejange“. Noch nicht einmal über Arbeitszeitverkürzungen wird ernsthaft diskutiert.
Wenn man den inzwischen häufig gestellten Fragen nachgeht, wohin die Mittelschicht driftet (Mau 2012), weshalb sich Abstiegsängste und Statuspanik (Nachtwey 2016) breitmachen, warum von Vertrauensverlusten (Bertelsmann Stiftung 2009), sogar von einer „Gesellschaft der Angst“ (Bude 2015) gesprochen wird, dann kann die teils tatsächliche, teils befürchtete Zerrüttung der Integrationsfunktion der Arbeit nicht unberücksichtigt bleiben. Dabei dürfte das ausschlaggebende Problem nicht die Auflösung des Normalarbeitsverhältnisses sein, sondern der weit verbreitete Eindruck, dass sich keine Alternativen abzeichnen, noch nicht einmal intensiv über mögliche Alternativen debattiert wird, die dessen Funktion übernehmen könnten.

Partizipation zum Zweck der Motivation

Auf die unternehmerische Grundfrage, wie gekaufte Arbeitskraft in die erwartete geleistete Arbeit transformiert werden kann (vgl. Minssen 2012), kennt die Geschichte der Erwerbsarbeit variantenreiche Antworten. Ist die Übernahme vormoderner Lösungen aus Sklavenhalter- und Feudalgesellschaften – im Zweifel Gewalt – ausgeschlossen, sind die beiden Pole offenkundig, zwischen denen sich die Antworten bewegen: Druck und Kontrolle oder freiwilliges Engagement. In den Frühphasen der Fabrikorganisation mussten Menschen überhaupt erst in den Zustand versetzt werden, dass sie ihre Arbeitskraft verkaufen konnten und wollten. Die quasi-militärische Ordnung der ersten Großfabriken verweist darauf, wie selbstverständlich Arbeitgeber davon ausgingen, dass den gekauften Arbeitskräften die erwartete Arbeitsleistung abgerungen werden muss, dass sie nur unter einem Regime äußeren Zwangs bereit waren zu „liefern“.
Die Potenziale der Digitalisierung polarisieren auch in dieser Grundfrage der Arbeit. Einerseits: Eingebunden in digitalisierte Informationsprozesse wird die Arbeitsleistung minutiös kontrollierbar. „Der Schutz vor ausufernden Auswertungen vorhandener Daten oder der Ausschluss heimlicher oder verdeckter Kontrollen“ (Schwemmle/Wedde 2012: 86) sind arbeitsrechtlich nicht gewährleistet. „Auf der individualrechtlichen Ebene zeichnet sich damit ein Auseinanderfallen des gesetzlichen Schutzrahmens und der tatsächlichen Bedingungen ab, unter denen digitale Arbeit erbracht wird“ (ebd.). Andererseits: Eingebunden in digitalisierte Informationsprozesse eröffnen sich Möglichkeiten der Beteiligung, der Mitsprache und des Mitentscheidens, welche die individuelle und die kollektive Arbeitsleistung sehr viel mehr zur eigenen Sache machen können. Kooperatives Verhalten, engagiertes Mitdenken, geteiltes Wissen können zu prägenden Faktoren der Arbeitsverhältnisse werden.
Unseres Erachtens bleibt die teilweise euphorische Bewertung von Demokratisierungstendenzen in der öffentlichen Darstellung zu naiv gegenüber der Funktionalität solcher Partizipationsangebote, um die gewünschten Arbeitsleistungen abzurufen. Zumindest müsste dieser Funktionszusammenhang offener thematisiert werden.
In einer solchen Diskussion wären auchEinschätzungen zu berücksichtigen, die in der technischen Entwicklung einen Machtverstärker für die Eigentümer der Produktionsmittel sehen. Eine der Folgen der fortschreitenden „Automatisierung und algorithmischen Effizienzoptimierung“ könnte sein, dass das „Kapital zum noch stärker dominierenden Produktionsmittel, die Kontrolle darüber zum ultimativen Machtinstrument“ wird. „Je geringer der Anteil menschlicher Arbeitskraft – sei es nun geistig oder körperlich – an Produktion und Wertschöpfung wird, desto stärker verschiebt sich das Machtgefüge in der Wirtschaft zu den Besitzern von Kapital, dem ultimativen Produktionsmittel. Ändert sich gleichzeitig nichts an den Grundlagen von Staat und sozialen Sicherungsnetzen, wird die derzeitig sich immer weiter öffnende Schere zwischen Löhnen und Kapitaleinkommen noch weiter geöffnet“ (Kurz/Rieger 2013: 280 f.).

Die Leitbranche der Digitalisierung

Digitalisierungsfolgen für die Industriearbeit zum einen, die industrienahen Dienstleistungen zum anderen und die personenbezogenen Dienstleistungen zum Dritten werden in der öffentlichen Darstellung nur an wenigen punktuellen Beispielen differenziert behandelt. Es dominiert eine pauschalisierende Betrachtungsweise, wobei die Prominenz des Labels Industrie 4.0 deutlich macht, dass die Produktionsarbeit im Vordergrund steht. Die traditionelle produktionszentrierte Perspektive auf Arbeit und Wirtschaft scheint sich auch unter den Bedingungen der Digitalisierung fortzusetzen, trotz des Megatrends hin zur Dienstleistungsgesellschaft. Die Arbeit der Zukunft im Dienstleistungssektor wird „nur wenig berücksichtigt. Vor allem die Folgen für die Qualität der Arbeit und die Anforderungen an die Beschäftigten sind bisher gar nicht systematisch analysiert worden“ (Brandt/Polom/Danneberg 2016: 2).
Eine Auswirkung dieser Blickverengung besteht darin, dass der Leitbranche der Digitalisierung, der IT-Dienstleistungsbranche, keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird, obwohl diese Überlegung doch sehr naheliegend ist: „Als Leitbranche nimmt sie insbesondere Veränderungen von Arbeit vorweg. Daher liefert die Beschäftigung mit der IT-Branche wertvolle Erkenntnisse – auch für andere Wirtschaftszweige. Untersuchungen der IT-Branche sind somit von besonderer gesellschaftlicher und politischer Relevanz, da sie als Anbieter digitaler Lösungen den Digitalisierungsprozess entscheidend antreibt und prägt sowie Vorreiter bei der Konzipierung und Umsetzung digitalisierter Arbeitsprozesse ist“ (Müller 2015: 113). Beispielsweise in der Medienbranche, im Energiebereich und im Handel ist die Arbeit inzwischen ebenfalls bereits in hohem Maße digitalisiert.

Globale Konkurrenz, lokale Verlierer

Obwohl über Digitalisierung in einem Atemzug mit der Globalisierung gesprochen wird, wird in der Regel eine nationale Perspektive eingenommen, auch in den journalistischen Informationen. Andere Länder kommen fast nur als Konkurrenten ins Blickfeld. Die beschwörend vorgetragene Aufforderung, bei der Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft Schritt zu halten, blendet völlig aus, dass es Ökonomien, Gesellschaften, ganze Länder oder gar Kontinente geben wird, die eben nicht Schritt halten, die in der weltweiten Konkurrenz nicht mithalten und in denen negative Folgen in Form von wirtschaftlicher Depression, steigender Arbeitslosigkeit, Dequalifizierung, sozialem Abstieg, politischen Verwerfungen drohen – genau das, was für das eigene Land verhindert werden soll. Eine verantwortungsvolle Haltung, die um die Notwendigkeiten von Weltinnenpolitik wissen müsste, spätestens seit so viele Flüchtende sich auf den Weg gemacht haben, sähe anders aus.

Fehlendes Verständnis für Streitkultur

Im journalistischen Umgang mit dem Entscheidungsbedarf und dem Dissenspotenzial der Digitalisierung der Arbeit zeigt sich eine merkwürdige Konfliktscheu. Es fehlt ein Verständnis für Streitkultur. Die journalistische Darstellung sieht fast immer entweder überflüssige Zwietracht oder zu große Harmonie. Dass ein kooperativer Gestaltungsansatz die wechselseitige Kritik der beteiligten Akteure einschließt, dass Kooperationswillen nicht die Aufgabe der eigenen Interessen und Kritik nicht die Absage an Zusammenarbeit bedeuten (müssen), sind Gedankengänge, die in die Medienwirklichkeit nur sehr schwer Eingang finden. Die journalistische Tendenz zu einer Simplifizierung, die nur Freund oder Feind zu unterscheiden vermag, geht vor allem zulasten des öffentlichen Bildes der Gewerkschaften, die unter dieser Voraussetzung wenig Chancen haben, es im Lichte der Öffentlichkeit richtig zu machen; sie gelten entweder als zu negativ und aggressiv oder als zu positiv und brav – wenn sie denn erwähnt und gefragt werden.

Journalismus – in bester Gesellschaft

Am Ende feiern wir Wiedersehen mit einem alten Problem, das schon viele Medien-Studien angesprochen haben: Der etablierte Journalismus beschäftigt sich mit etablierten Akteuren, bekannten Themen, konventionellen Ansichten, es sei denn, es geschieht außerhalb dieses Wahrnehmungshorizonts etwas besonders Spektakuläres. Der Journalismus befindet sich sozusagen in bester Gesellschaft, aber nur dort. Die Normalität des Alternativen, alle anderen Praktiken und Debatten, die sich in offenen Gesellschaften in akzeptierten Freiräumen nicht nur der großen Städte entfalten, bleibt unterhalb der Schwelle des Berichtenswerten. So entsteht das unrealistische Bild einer uniformen, einer formierten Gesellschaft. Zurück bleibt der Eindruck von einer Republik, die jedenfalls in der großen Frage der Zukunft der Arbeit eher schlecht informiert ist über ihre eigene Vielgestaltigkeit und Vielstimmigkeit.

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