Gaus – mehr Publikum als zu Lebzeiten?

Von , am Mittwoch, 10. Januar 2018, in Medien.

In der nachrichtenarmen Zeit der Jahreswende hatte die Rheinische Post entdeckt, worauf ich hier schon mehrmals hingewiesen habe: das Interview von Günter Gaus mit Hannah Arendt. Es hat auf Youtube die Millionengrenze überschritten. Zu Recht.
RP und taz heben jede Menge Äusserlichkeiten hervor: schwarz-weiss, es wird geraucht etc. Das eigentlich Spektakuläre ist aber das inhaltliche Niveau. Und dass sich hier nur zwei Personen unterhalten, von denen schnittarm eigentlich nur eine wirklich, das aber sehr intensiv, zu sehen ist – wir sehen auch ihren Körper sprechen! – zwei Personen, die keine Show abliefern wollen, sondern sich persönlich füreinander und ihre Ansichten interessieren. Wann haben wir das das letzte Mal in der Glotze erlebt?

Ich weiss ein Beispiel. Klaus Pokatzky (gestern in Fazit/DLF, mein Zimmervorgänger in meiner Beueler WG in den 70er Jahren) verdanke ich den Hinweis auf ein Interview der grössten deutschen Schauspielerin Corinna Harfouch zu #metoo in der NZZ. In knappen prägnanten Worten erzählt sie dort vom Feudalismus im Theaterleben.
1996 sprach Alexander Kluge, ein wie Gaus verehrungswürdiger Intellektueller, für Privat-TV als es noch sehenswert war, mit dieser Harfouch, hier nachzulesen, hier nachzuschauen. Kluge ist ein völlig anderer Typ als Gaus, aber ein Gespräch in ähnlich altmodischer Tradition: unbewegliche, unbarmherzige Kamera, und echtes Miteinandersprechen – Kommunikation! Übersetzt für die Jungen: das hat mehr Sexyness als Pornos. Wer das nicht versteht, sollte sich mal das Hirn waschen (nicht lassen, sondern selber!).

Gutes Fernsehen, ging doch. Aber wo ist es hin?

It’s the economy, stupid!

Es sind die Produktionsverhältnisse. Das deutsche Privatfernsehen hat schon vor ca. 20 Jahren alle Investitionen in strategisches Denken eingestellt. Wenn man es mal braucht, kann man es von Dienstleister*inne*n zukaufen, war der Gedanke. Davon habe ich noch vor gut 10 Jahren selbst als Dienstleister profitiert. Beim öffentlich-rechtlichen TV ist es komplizierter. Ein Teil der strategischen Denker*innen ist tot oder in Rente. Die Übriggebliebenen sitzen in den Sendern ihre Zeit ab, werden nicht mehr wertgeschätzt, werden darüber zynisch und sozial unverträglich. Beides bedingt und verstärkt sich gegenseitig. Und ist alles unbeschreiblich teuer. Was von dort zugekauft wird, sind an der kurzen Leine gehaltene prekarisierte Zulieferer (so weit es Journalismus betrifft) und zunehmend Komplettpakete von Subunternehmer*inne*n für “Shows”, wie Anne Will, Sandra Maischberger oder Plasberg – ebenfalls unbeschreiblich teuer. Unser Leser Friedrich Küppersbusch macht auch sowas, und wird sich sicher nicht überbezahlt fühlen, weil er ja die ganze Arbeit am Hals hat. Und wie die andern Genannten froh ist, dass er den Senderhierarchien und ihrer unkreativen Arbeitsatmoshäre entfliehen konnte.
Von ihm weiss ich, dass er auch gerne ideenreichere, sperrigere Sachen anbietet, ihm die nur leider niemand abkaufen will. Öffentlich-rechtlich auffällig ist da nur die Nische ZDFneo, aber auch nur an Stellen, die noch nicht mit “Bares für Rares” vollgemacht sind.
Wie lange werden wir wohl noch bereit sein, dafür zu bezahlen?

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