Shocking – heute nacht las ich im GA online vom Tod der SPD-Fraktionsvorsitzenden im Stadtrat, Bärbel Richter. Sie personifizierte, was das Aussenbild der Politik derzeit auch auf Bundesebene bestimmt: die Jungs haben alles politisch in die Grütze geritten, die Mädels müssen mühevoll retten, was noch zu retten ist. Bärbel Richter war sich dafür jedenfalls nicht zu schade.
Dass sie offen lesbisch lebte, war vordergründig kein Problem im kommunalpolitischen Alltag Bonns. Es ist für eine Frau eine grosse Erleichterung der Lebensführung, heterosexuellen Männern nicht gefallen zu wollen und zu müssen. Bärbel Richter hatte sich zwar vorsorglich eine raue Schale zugelegt, es aber vor allem auch sehr genossen. Dass nicht wenige innerhalb ihrer Partei und natürlich erst recht bei der Konkurrenz in ihrer Abwesenheit nicht selten ablästerten und die Augen verdrehten – das, naja, ist ein Sowieso-Effekt im kommunalpolitischen Alltag, und war Bärbel Richter bestens bekannt,
Ich persönlich habe zwar viel von politischen Kollisionen mit ihr gehört, bin aber persönlich nie mit ihr aneinandergeraten. In der Wahlperiode 2009-2014, es war wie jetzt ein September, während der schwarz-grünen Ratskoalition, musste ich in einer Umwelt-Ausschuss-Sitzung wegen Urlaubs- und Krankheitsfällen die grüne Sitzungsführung übernehmen. In der Sitzordnung des Ratssaales kam ich direkt neben Bärbel Richter als Oppositionsführerin zu sitzen. Wie schon die überparteiliche Aushandlung des damaligen Masterplans Klimaschutz war auch das Sitzungsmanagement mit ihr absolut effizient und unproblematisch; die Sitzung war nicht halb so lang, wie sonst üblich, ohne dass jemand einen Zacken aus seiner*ihrer Krone verlor. Die im GA zitierte Würdigung von OB Sridharan kann ich daher aus persönlicher Erfahrung bestätigen.
Die Probleme der Bonner SPD werden nicht kleiner. Viele Talente hat sie durch Auswanderung verloren: ich denke an Barbara König, Bettina Kohlrausch oder Jessica Wischmeier (heute im Willy-Brandt-Haus in Berlin arbeitend, zuvor zeitweise bei Bürgermeister Wowereit). Politische Karrieren für Sozialdemokratinnen können in Bonn schon seit Jahrzehnten nicht mehr versprochen werden. Es gipfelte im Desaster der letzten OB-Nominierung und -Wahlniederlage. Wieviele Trümmerfrauen sind noch da?