am 30. und 31. Mai 2020 wurde eine neue Ära der bemannten Raumfahrt eingeläutet: Erstmals wurden von den USA aus Astronauten von einem kommerziellen Unternehmen ins All transportiert. Vielleicht  sollte ich vorausschicken, dass ich ein überzeugter Befürworter der unbemannten und bemannten Raumfahrt bin, denn ich sehe darin die einzige Möglichkeit für die Menschheit, das Sonnensystem zu verlassen, wenn die Sonne einst beschließen wird, zu Nova zu werden und die Erde zu verschlucken. Soweit dürfte es in etwa in 3-4 Milliarden Jahren sein – wenn sich die Menschheit nicht, was wesentlich wahrscheinlicher erscheint, vorher selbst auslöscht. Zurück zum Wochenende: Eigentlich hätte sich Donald Trump freuen können bei dem, was sich da abspielte. Aber der Mann kann nur giften, nicht lachen. Einer der führenden Oligarchen des Westens, Tesla-Chef Elon Musk, feierte den erfolgreichen Start seiner SpaceX-Rakete und bekam jede Menge Aufmerksamkeit dafür.

Dabei ist die raumfahrttechnische Leistung eher bescheiden, wenn nicht geradezu lächerlich. Der Start zweier Astronauten und das erfolgreiche Andocken im Orbit – das ist technisch vergleichbar mit einem Apollo-Rendezvousmanöver mit der Sojus-Kapsel vom 15. Jui 1975. NASA und Sowjetunion schafften das schon vor einem halben Jahrhundert mit Serienraketen Saturn 1b auf US-amerikanischer und einer Sojus 18 auf Seiten der UdSSR, die in weiterentwickelter Form noch heute Menschen und Material sicher in den Orbit bringt. Wissenschaftlich wie technisch nicht viel neues. Ein paar schick geschneiderte Raumanzüge, eine innen futuristisch designte Kapsel und zwei Tesla Autos als Shuttle statt des viereckigen Vans in Florida oder des Busses in Baikonur, an dessen rechtes Vorderrad alle Kosmonauten vor dem Start noch einmal pinkeln, weil es seit 1961 Glück gebracht hat.

Was der Welt als kommerzielle Show mit Donald Trumps Wahlkampftauftritt daherkam, war in der Substanz schon vor 45 Jahren State of the Art. Natürlich ist es zu begrüßen, dass Raumfahrt wieder so großes Interesse findet, dass Jugendliche begeistert vor “Phoenix” den Start und das Rendezvousmanöver verfolgten. Ein Fortschritt auch, dass die meisten Teile der durchaus konventionellen Rakete inzwischen wiederverwertet werden – aber eigentlich auch nichts besonderes, bemißt man es an der Recyclingquote, die etwa die EU für moderne Kraftfahrzeuge vorschreibt. Es bleibt bisher offen, ob außer Musk und SpaceX, auch andere Unternehmen wie etwa “Virgin Galactic” von Sir Richard Branson, der bereits seit 2007 Tickets für Orbitaltouristen zum Preis von 200.000 Dollar verkauft, erfolgreich in die Raumfahrt einsteigen werden. Ob es wirklich dazu kommen wird, dass die USA zum Mond zurückkehren und der Mars erobert wird, steht jedoch vorerst in den Sternen.

Die eigentliche Zeitenwende des Wochenendes ist die, dass der Neoliberalismus daran geht, den Weltraum zu erobern. Was zu Zeiten John F. Kennedys mit Milliarden an Steuergeldern finanziert wurde, erfordert heute Kapital in Billionenhöhe, das scheinbar nur Oligarchen wie Amazon-Chef Bezos, Bill Gates oder eben Elon Musk aufbringen können, die aber für die Durchschnittsamerikanerin und nicht nur ihren Staatshaushalt in völlig unerreichbarer Ferne liegen, weil diese durch Steuergeschenke an Reiche längst ausgeplündert wurden. So wurde Raumfahrt vom nationalen, wenn nicht internationalen Menschheitsprojekt zum Hobby von Oligarchen. Insofern spiegelt die heutige US-Weltraumfahrt die Realität der Gesellschaft. Wissenschaftlich und ökonomisch ist diese Raumfahrmission eine bescheidene Rückkehr zum Stand von 1975. Politisch hat der Neoliberalismus längst die einst stolze NASA, die einst Milliardenaufträge an die Industrie vergab, zu Fluglotsen, Sicherheitsbeauftragten und Passagierabfertigern degradiert. Gleichzeitig kam es nach dem Ende der Entwicklung der Space Shuttles zu einem beispiellosen Niedergang der Kompetenz in der Missionsentwicklung bei der NASA. Wenn nun nach neun Jahren Anlauf das erste kommerzielle Raumschiff auf dem Niveau Mitte der siebziger Jahre startete, ist dies keine Sternstunde, sondern ein Armutszeugnis für die USA und auch ein Zeichen ihres ökonomischen und wissenschaftlichen Niedergangs.

Der Krimiautor Dan Browne hat mit seinem Thriller “Meteor” schon 2003 eine geradezu prophetische Parabel auf die heutigen Verhältnisse geschaffen. Im Mittelpunkt seiner damals überzeichnet erschienenen Story steht ein narzisstischer und skrupelloser Egomane und Präsidentschaftskandidat “Senator Sedgewick Sexton”, der die NASA marginalisieren und der kommerziellen Raumfahrt freie Bahn schaffen möchte. Er handelt gewissenlos, mit faschistoiden Charakterzügen und ist bereit, für seine Karriere über Leichen – u.a. seiner Frau – zu gehen. Verzweifelte NASA-Funktionäre arbeiten ihm ungewollt in die Hände, indem sie einen “Schummelmeteoriten” im arktischen Eis positionieren, der angeblich Spuren exoterrestrischen Lebens enthält. Die damalige Horrorstory endet gut, weil Sexton von seiner eigenen Tochter und Umweltschützern ausgebremst wird. In der heutigen Realität ist der narzisstische, skrupellose Egomane seit vier Jahren Präsident der Vereinigten Staaten und schickt sich an, in einem beispiellos rassistischen und faschistoiden Wahlkampf seine Macht für weitere vier Jahre zu sichern. Auch er ist bereit, für die Herrschaft seiner Clique von Gesinnungsgenossen über (hunderttausende Corona-) Leichen zu gehen. Die Science Fiction kann 2020 mit der Realität an Zynismus nicht mehr mithalten. Eine neue Ära besonderer Art.