Donald Trump schafft es, wieder einmal. Seine provozierende, aggressive Rhetorik bewirkt, dass sich die Diskussion in den USA zumindest teilweise von struktureller Gewalt und Rassismus weg und hin zur Bewertung der Ausschreitungen während der Proteste verlagert. Ein schöner Erfolg – aus Sicht des US-Präsidenten. Er kann die Reihen seiner Anhänger schließen. Wer auf die Straße geht, wird ihn im November ohnehin nicht wählen. Trump hat kein Interesse daran, dass sich die US-Gesellschaft auf Reformen verständigt. Sein Erfolg beruht auf der Spaltung der Nation. Etwas Besseres als die Gewalttaten während der Demonstrationen hätte ihm kaum passieren können.

In Deutschland ist der Mechanismus vertraut. Es gibt hier seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine eindrucksvolle Geschichte friedlicher Massenproteste. Aber immer wieder hat eine winzige, gewaltbereite Minderheit denen in die Hände gespielt, die sich inhaltlich mit den jeweiligen Anliegen der Demonstranten gar nicht auseinandersetzen wollten. Stets standen plötzlich die Protestierenden unter dem Druck, sich von Gewalt distanzieren zu müssen. Bis sie das getan hatten, war die Sendezeit immer schon vorbei.

Genau das droht derzeit in den USA, wie ein Blick in die sozialen Medien beweist. Möglich, dass Agents Provocateurs für einige Ausschreitungen verantwortlich sind. Wahrscheinlicher ist, dass junge, testosterongesteuerte Männer, die sich ihr Leben lang wehrlos gefühlt haben, es nun einfach nett finden, Autos brennen und Geschäfte geplündert zu sehen. Verständlich. Und in den Auswirkungen fatal. Rassismus ist keine Erfindung von Trump und sogar mit gutem Willen nur schwer zu bekämpfen. Zumal derlei Denkmuster sich oft unbemerkt und unbewusst einnisten. Kaum jemand hält sich selbst für rassistisch, womöglich nicht einmal der Polizist, der für den Tod von George Floyd verantwortlich ist. Ohne die allseitige Bereitschaft, einander zuzuhören und viel guten Willen aufzubringen, sind Veränderungen gerade in diesem, auch in psychologischer Hinsicht sensiblen Bereich nicht durchsetzbar.

Es ist tragisch, dass jetzt auch in den USA die Gewaltfrage das inhaltliche Anliegen zu überlagern droht. Der „Marsch auf Washington“ 1963 mit der berühmten Rede von Martin Luther King ist das vielleicht eindrucksvollste Beispiel der Geschichte für wirkmächtigen Massenprotest. Vielleicht, ja, vielleicht ließe sich etwas Vergleichbares in der gegenwärtigen Situation erreichen – aber nur, wenn die Protestbewegung eine überzeugende Antwort auf Gewalt in den eigenen Reihen findet. Sie ist damit auf sich allein gestellt. Ihr mächtigster Feind sitzt im Weißen Haus.
Dieser Beitrag ist eine Übernahme von taz.de, mit freundlicher Genehmigung von Autorin und Verlag.